Trifft in die Magengrube: Fatma Aydemir. Ellbogen

Mit dem Ellbogen stößt Fatma Aydemirs Roman dem Leser immer wieder in die Magengrube. Mit den Ellbogen kämpft sich die Protagonistin Hazal durch das Geschehen. Mit den Ellbogen fängt sie sich immer wieder auf, wenn das Leben ihr auf die Fresse haut, bis sie blutet.

Hazal ist 18 Jahre alt und Deutschtürkin, ihre Familie in das deutsche Umfeld irgendwie integriert, aber eben auch nur irgendwie. Innerhalb der Familienblase herrschen traditionelle Hierarchiestrukturen, wenngleich auch mit Tante Selma eine Figur auftritt, die als ledige über 30 jährige, die ihren Lebensunterhalt selbst verdient, das Gefüge aufbricht. Hazals Ton ist rauh. Nach außen gibt sie stets die Harte, die mit ihrem Schicksal schon abgeschlossen hat. Es gibt keine Perspektive für sie, in der Schule ist sie schlecht, Chancen auf einen Job malt sie sich gar nicht erst aus – und selbst wenn, sie wüsste ja gar nicht, was sie machen wollte. In Hazal brodelt eine Wut, die sich aus vielen Faktoren speist: Aus der Tatsache, zu zwei Kulturen zu gehören, aber zu beiden eben nicht richtig, denn die Vertreter beider Seiten erkennen sie nicht als zugehörig an. Ihrer Familie ist sie zu deutsch, den Deutschen zu türkisch. Aus der Hilflosigkeit gegenüber des Rassismus, der ihr täglich begegnet. Aus der Ohnmacht, ein Mädchen zu sein, das immer wieder männlicher Übergriffigkeit ausgeliefert ist. Sei es in der Familie – dort wird immer noch mit Gewalt bestraft – im Freundeskreis oder im täglichen Leben. Aus so einer Situation heraus begeht Hazal in einer Partynacht zusammen mit ihren Freundinnen ein schweres Verbrechen. Und flüchtet nach Istanbul, wo sie sich endlich die Zugehörigkeit erhofft, die sie in Deutschland nie erfahren hat. Geplagt von Schuld und Angst muss sie jedoch erkennen, dass in Istanbul gar nichts besser läuft – sondern stetig schlechter.

Ellbogen ist ein sehr intensiver Text, der es sich und dem Leser nicht leicht macht, zu urteilen. Man geht mit Hazal mit, empfindet trotz der harten Ausdrucksweise Empathie mit diesem Mädchen, das im Grunde so einsam und hoffnungslos ist. Auf der anderen Seite steht ihre Schuld, ihr Davonlaufen. Was rechtfertigt was? Darf ich eine Straftat begehen, wenn vorher an mir tagtäglich Gewalt verübt wurde, die aber gesellschaftlich anerkannt ist?

Ich musste das Buch zwischendurch immer mal weglegen. Zu sehr hat der Ellbogen in meiner Magengrube geschmerzt. Doch oft ist es mit den Dingen, die schmerzen, ja so: Sie sind die Wahrheit. Und sie verdienen Aufmerksamkeit. Obwohl oder gerade weil sie das Leben nicht rosarot malen, sondern zeigen, wie die bittere Realität für viele Menschen in unserer Zeit eben aussieht. Hart. Einsam. Hoffnungslos.

Kann helfen, den eigenen Blick wieder auf das zu richten, was man selbst alles hat und nicht immer nur auf das zu schauen, was man nicht hat.

Die Autorin arbeitet als Schriftstellerin und Journalistin, schreibt zum Beispiel für die taz und das Missy Magazine. Ellbogen ist ihr bislang einziges Buch und ich hoffe sehr, dass wir noch weitere von ihr zu lesen bekommen werden.

Fatma Aydemir. Ellbogen
erschienen als Hardcover-Ausgabe 2017 bei Hanser, als Taschenbuch 2018 bei dtv

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