Lebenslang auf Heimatsuche. Jutta Rosenkranz. Mascha Kaléko.

Vergessen ist ein schweres Wort.

Mascha Kalékos Gedichte begleiten mich schon seit meiner Jugend. Schon immer hat mich dieser leichtfüßige, sprachwitzige Tonfall ihrer Lyrik fasziniert, durch den sich gleichzeitig ein so kluger und melancholischer Blick auf das Leben ausdrückt. Über ihr Leben tatsächlich wusste ich bis dato nicht viel, nur, dass sie Deutschland verlassen musste, als die Nationalsozialisten mit ihrer grausamen Auslöschung der Juden begannen.

Diese Biografie von Jutta Rosenkranz zeichnet Mascha Kalékos Lebens- und Schaffensweg nach und stellt stets Bezüge zu ihren Gedichten her, die größtenteils autobiografisch gelesen werden können. Es war wahnsinnig spannend, zu lesen, wie Mascha als sehr junge Frau, die gerade dabei war, als Schriftstellerin Fuß zu fassen, mit Mann und Sohn das Heimatland verlassen und in Amerika ein neues Leben beginnen musste. Viele Jahre später erfolgte ein zweiter großer Neubeginn in Jerusalem.
Kalékos Leben war geprägt vom Gefühl des Nicht-richtig-Hierhingehörens. Von Sehnsucht nach einer Heimat, die sie nie wirklich hatte. Und gleichzeitig ist es auch die Geschichte von einer sehr begabten Schriftstellerin, die aller Widrigkeiten zum Trotz noch zu Lebzeiten erfolgreich veröffentlicht hat, sogar aus dem Exil. Die sich dort mit anderen deutschen Schriftstellern eine neue literarische Arbeitsstätte erschuf. Die eine politische Haltung hatte und zum Beispiel nach dem Krieg  Auszeichnungen ablehnte (die ihr sicher sehr karierreförderlich gewesen wären) weil im Vorstand der Jury ehemalige Nazis saßen.

Ich finde es immer spannend, mehr über das Leben und die Arbeitsumstände von Schriftstellerinnen zu erfahren und die Lebensgeschichte Mascha Kalékos hat mich sehr beeindruckt und gepackt, was sicher auch daran liegt dass sich diese Biografie so eng an persönlichen Zeugnissen entlangspinnt und die Dichterin etwas greifbarer machen. Die eine sehr imponierende Persönlichkeit war, wie ich finde. Man liest etwa von schwierigen Lektoren, die die Besonderheit von Kalékos Lyrik scheinbar nicht verstanden und beinahe jene charmanten Sprachspiele heraus gestrichen hätten, die ihre Lyrik ausmacht, wenn sich Kaléko nicht selbstbewusst dagegen gestellt hätte. Und sicherlich war es nicht leicht, allein als Frau in den Nachkriegsjahren durch Deutschland zu reisen und den eigenen Gedichtband zu promote. Oder mehrmals eine Familie zusammenzuhalten, wenn politische Stürme tobten und sie erneut ins Exil trieben.
Biografien lesen ist immer ein bisschen wie in fremde Leben eintauchen. Und dieses hier macht nachdenklich, vor allem vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Lage (Das Kapitel über Deutschland 1938 hätte auch mit „2018“ überschrieben sein können), inspiriert aber auch dazu, einzustehen für die eigenen Ziele, Ideale und die, die man liebt.

Durch Mascha Kalékos Leben zieht sich die Heimatlosigkeit und das Gefühl der Entwurzelung wie ein roter Faden. Vor allem die letzten Jahre scheinen wie ein nicht enden wollende dunkler Tunnel. Die Dichterin hat gelitten – unter ihrer eigenen Geschichte, den Schicksalsschlägen und der Entwicklung des Literaturbetriebs, bei denen sie ungewollt und unverschuldet durch die Emigrationen abgehängt wurde und den Anschluss nicht mehr fand. Und trotzdem oder dennoch schrieb sie immer weiter. Und hinterließ uns ihre Gedichte. Zeugnisse für eine empfindsam, sprachgewaltige Frau voller Leben, Witz und Verstand.

Jutta Rosenkranz. Mascha Kaléko
Erstmals erschienen 2007 bei dtv, dieser Artikel bezieht sich auf die aktualisierte und erweiterte Taschenbuchausgabe von 2012
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