Von Frauen, die wollen und nicht dürfen. Vita Sackville-West. Unerwartete Leidenschaft

Da stimmte sicher etwas nicht. Aber jeder schien das völlig in Ordnung zu finden, so völlig in der Ordnung, dass die Sache nicht einmal besprochen wurde. Für Frauen gab es nur einen einzigen Beruf.

Literatur, die mich entzückt: wenn sie vielleicht schon fast ein Jahrhundert alt ist, aber thematisch trotzdem aktuell wie eh und je.
Wenn sie so geschrieben ist, dass mit dem Sprachwitz, der Spitzzüngigkeit und dem gleichzeitigen Tiefgang viele zeitgenössische Schriftsteller*innen nicht mithalten können.
Vita Sackville-West finde ich aus zwei Gründen äußerst lesenswert: zum einen, weil beide oben genannten Punkte auf den Roman Unerwartete Leidenschaft zutreffen (nicht vom deutschen Titel abschrecken lassen; der englische klingt besser: all passion spent), zum anderen, weil sie ne coole Sau gewesen zu sein schien. Mehr dazu am Ende des Textes.

London, 1920er Jahre: Lady Slane ist 88 und entdeckt nach dem Tod ihres Mannes (der als Vizekönig von Indien ganz schön wichtig war, außerdem charismatisch und gebildet), dass sie eigentlich die ganze Ehe lang (immerhin über 70 Jahre) überhaupt keine eigenständige Person gewesen ist. Plötzlich stellt sie fest: Huch! Da sind ja MEINE EIGENEN Gedanken in meinem Kopf! Also zerschlägt sie kurzerhand die Pläne ihrer auch schon in die Jahre gekommenen Kinder (die sich bereits die Hände nach den Familienjuwelen reiben und sich ein hübsches System überlegt haben, nach dem die gute alte Lady Slane jeweils drei Monate des Jahre bei einem von ihnen leben darf. Natürlich soll sie dafür Miete zahlen), mietet sich ein Haus auf dem Land und freundet sich mit dem verschobenen Vermieter und dem noch verschrobeneren Handwerker an. Später taucht noch ein Verehrer aus längst vergangen Tagen wieder auf und bringt die Gefühlswelt der Lady ins Wanken. Es ist köstlich.
Ernste Töne schlägt der Text an, wenn Lady Slane über sich als junges Mädchen, das große Träume hatte (Malerin wolle sie werden!), die ihr mit einem Schlag am Hochzeitstag genommen wurden, reflektiert. Über die Rolle von Frauen in der Gesellschaft nachdenkt. Über sich als Mutter (die ihre Kinder oder das, was aus ihnen geworden ist, heimlich schrecklich findet und sich niemals aus freien Stücken fürs Muttersein entschieden hätte, aber die Konventionen, die Konventionen). Es geht um das Altern und dass alten Menschen eigentlich jedes Recht auf Eigenständigkeit und Mündigkeit abgesprochen wird genauso wie darum, dass Frauen fest zugewiesene Aufgaben zu erfüllen und ansonsten aber bitte die Klappe zu halten haben. Würden Mobiliar, Szenerie und bestimme Lebensumstände nicht anzeigen, in welcher Zeit das Ganze spielt, es könnte auch genauso gut ein aktuelles Buch sein. Nicht unbedingt vielleicht, weil die hier beschriebenen Frauen mit dem Eheschluss jede Individualität aufgeben (die sie genau genommen vorher auch nicht hatten, aber immerhin davon träumen durften sie), sondern weil das Selbstbild Lady Slanes und das, das ihre Umwelt von ihr hat, so im Widerspruch zueinander stehen. Und das ist ja leider auch heute sehr oft noch so. Mädchen/Frauen träumen und denken von Natur aus genauso groß und wild und kühn wie Jungs und Männer und werden in der Sozialisation kleingehalten. Sei es durch ihre Familie, die Pläne von vornherein zunichte redet oder eben durch die Gesellschaft, diesen all-time-Bösewicht.

Als sich dann ihre Urenkelin von ihr dazu inspiriert fühlt, ihre eigene lahme Verlobung zu lösen, ist familiär die Kacke am dämpfen. Ab da wirds noch köstlicher.
Vita Sackville-West, ich sag’s euch. Lest die mal lieber und klemmt euch vielleicht den einen oder anderen aktuellen Hype.

Vita Sackville-West hatte wohl das, was man „keine leichte Kindheit“ nennt. Aufgewachsen als einzige Tochter einer sehr exzentrischen Mutter und eines vielbeschäftigten Vaters litt Vita sehr unter den von ihrer Mutter eingeimpften Minderwertigkeitskomplexen und zog sich vor anderen Menschen zurück. Als sie schließlich die Literatur als Trostmittel für sich entdeckte, gelang es Vita, endlich die Ketten ihres sozialen Gefängnisses zu sprengen. Sie schrieb Theaterstücke, Gedichte und Romane und das alles in einem so rasanten Tempo, das ihre spätere Freundin Virgina Woolf ganz ehrfürchtig wurde. Mit dieser verband sie übrigens mehr als nur reine Freundschaft. Vita Sackville-West war mit einem Mann verheiratet und diese Ehe war äußerst harmonisch und freundschaftlich, doch sexuell hingezogen fühlte sie sich zu Frauen. Wie wir wissen, keine Erkenntnis, die vom Außen einfach so hingenommen wird zu dieser Zeit der Geschichtsschreibung. Woolf setzt der Freundin in ihrem Roman Orlando ein Denkmal, die sie für ihr Feuer, ihren Charme und das Temperament schätzt und bewundert. Dennoch blieb Vita, wie vielen Frauen ihrer Zeit, der Zugang zu umfassender Bildung und der Welt der Männer zeitlebens verwehrt, woraus auch resultieren dürfte, dass sie schlicht bei einigen Themen Ansichten hatte, die sie sicher mit etwas mehr Möglichkeit zur Meinungsbildung schnell revidiert hätte (so verachtete sie zum Beispiel people of color und Juden und hatte einfach keine Ahnung von auswärtiger Politik, was einige Essays beweisen). In Unerwartete Leidenschaft klingt diese Problematik an: Genau wie ihre Erschafferin hatte auch Lady Slane nie die Möglichkeit, sich zu bilden und den Beruf zu ergreifen, von dem sie träumte. Sie war das Beiwerk ihres erfolgreichen Mannes und erst nach dessen Tod konnte sie erkennen, was für Entbehrungen sie im Leben machen musste, weil es für Mädchen und Frauen eben nur einen gesellschaftlich anerkannten Lebensweg gab.

Vita Sackville-West. Unerwartete Leidenschaft
Die hier abgebildete Ausgabe erschien 2015 im Verlag Klaus Wagenbach
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel All Passion Spent erstmalig 1931 bei Hogarth Press London
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