Ein Leben in Versen. Rupi Kaur. Milk and Honey [GER & ENG]

(to see the english version, click here)

Lyrik, uhhhh. Da rennen die meisten von euch schreiend im Kreis, stimmt’s? Kann ich verstehen, Gedichte entsprechen so gar nicht unseren Seh- und Lesegewohnheiten. Informationen erschließen sich nicht auf den ersten Blick, sind womöglich sogar in Sprachbildern verschlüsselt, und dann die Form, puuh.

Lyrik, uhhhh. Da rennen die meisten von euch schreiend im Kreis, stimmt’s? Kann ich verstehen, Gedichte entsprechen so gar nicht unseren Seh- und Lesegewohnheiten. Informationen erschließen sich nicht auf den ersten Blick, sind womöglich sogar in Sprachbildern verschlüsselt, und dann die Form, puuh.

Ich hab Lyrik immer gemocht. Hab mich aber auch jahrelang davon wegdriften lassen. In Krisenzeiten Good old Rilke um einen netten Spruch für meine Facebook time-line gebeten und das wars. Und was bin ich froh, Lyrik wieder für mich entdeckt zu haben. Für ein ganz schmales Buch Ewigkeiten zu brauchen, weil ich nach jedem Text durchatmen und nachdenken muss. Gedichte gar laut zu lesen, damit sie ihre Wirkung entfalten können. Und jetzt hab ich richtig Lust, noch mehr zeitgenössische Lyrik zu entdecken.

Rupi Kaur macht es uns auf der Verschlüsselungsebene leicht. Sie metaphorisiert nämlich recht wenig, schreibt sehr unblumig und klar. Und das ist wie ein Schlag in die Fresse, manchmal. Ihre Themen sind ein Potpourri aus Lebensschmerz und Erfahrungen, für diejenigen Leser, die aus heile Welt-Familien kommen, vielleicht ein kleiner Schock. Es geht um Missbrauch durch Familienmitglieder. Die Alkoholsucht des Vaters. Die Co-Abhängigkeit der Mutter. Das Alleinsein der Kinder inmitten der Familie. Das gestörte Verhältnis zu Männern und der Liebe im Allgemeinen. Bindungsangst. Lifelong struggle. Sogar als Erwachsene noch gegen die Folgen kämpfen.
Klingt heavy? Ist aber für viele Menschen bittere Realität. Lebensnäher und zeitgenössischer kann Lyrik eigentlich gar nicht sein.

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Ein Thema, das aber durchgehend mitschwingt und sehr viel in den Gedichten verarbeitet wird, ist das Frau-Sein. Die Konfrontation mit männlicher Erwartungshaltung und Dominanz ebenso wie das eigene Verhalten gegenüber anderer Frauen. Weiblichkeit und damit verbundene Erfahrungen, die gemeinhin noch sehr tabuisiert sind. Wie die Menstruation beispielsweise.

Das Buch ist in vier Teile gegliedert und wird zunehmend auch vorsichtig optimistischer und zeigt auf, dass der Kampf gegen die Monster der Vergangenheit (und der Gegenwart) aufgenommen werden kann.
The hurting. The breaking. The loving. The healing.

Klingt sehr autobiografisch. Und wahrscheinlich kann man so auch nur schreiben, wenn man das Beschriebene selbst erlebt hat. Ist aber eigentlich auch egal, denn das Schöne an Gedichten ist ja, dass sie Stimmungen transportieren und wenn sich der Leser auf sie einlässt, lassen sie sich in jedem Kopf und in jedem Herzen zu etwas anderem transformieren. Gedichte können aufrütteln und auch Balsam sein. Oft besser sogar als jeder Prosatext, denn die Lücken zwischen den Zeilen darf der Leser selbst befüllen.

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Zugegeben, der Zugang zu Gedichten fällt nicht immer leicht. Vor allem, weil viele eine feste Vorstellung dessen im Kopf haben, wie Gedichte auszusehen haben: fünfhebige Jamben (vor allem in deutscher Lyrik, die antiken Vorbilden folgt, ein beliebtes Versmaß) und am Ende müssen sich die Zeilen reimen. Bei meiner Recherche zu Rupi Kaur habe ich beispielsweise unter einem Yotube-Video, in dem sie bei Jimmy Fallon zu Gast ist, ganz oft Dinge gelesen wie „DAS ist doch keine Lyrik!“. Formal betrachtet sind Kaurs Gedichte tatsächlich recht einfach gestrickt. Die Grenzen zwischen poetischer und prosaischer Sprache verschwimmen teilweise, der Fokus liegt mehr auf den Inhalten als auf kunstvoller Sprachspielerei. Moderne Lyrik unterscheidet sich eben von jener, die wir in der Schule kennengelernt haben. Und das ist auch gut so. Kunst muss sich im Kontext ihrer Zeit verändern dürfen. Ich denke, dass diese Ablehnung gegenüber anderer Lyrikformen gegenüber der altgewohnten eben genau darin zu begründen ist, dass sich so gut wie niemand mal richtig mit Lyrik beschäftigt. Sonst würden Variationen und Veränderungen dort nämlich genauso hingenommen und sogar begrüßt werden wie bei Musik.

Bei ihren Fans jedenfalls sprechen Form und Inhalt genau eben jene Seh- und Lesegewohnheiten an, die ich vorhin schon erwähnte. Der Erfolg von Milk und Honey spricht für sich: zuerst im selfpublishing herausgebracht, stand das Buch später über ein Jahr an der Spitze der New York Times-Bestsellerliste.

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Ich finde Kaurs Gedichte kraftvoll und ausdrucksstark. Und unglaublich lebensweise, vor allem vor dem Hintergrund, dass die Autorin diese Texte mit 21 Jahren veröffentlicht hat. Übrigens hat sie auch alle Zeichnungen in dem Gedichtband selbst angefertigt.

Meine Empfehlung: legt mal das Handy weg. Macht euch ne Tasse Tee. Lest mal ein paar Gedichte laut und lasst die Sprache auf euch wirken.

Kaurs Gedichtband finde ich sowohl im Original als auch in der deutschen Übersetzung lesenswert.

Rupi Kaur. Milk and Honey
Im Original erschienen 2015 bei Andrews McMeel Publishing
Die deutsche Ausgabe erschien 2017 unter dem Titel Milch und Honig bei Lago

Rupi Kaur. Milk and Honey

I know that reading poetry seems to be extremely boring and difficult to most of us. Boring because it’s something they force us to do in school. Difficult because poems often don’t reveal their message immediately, they use stylistic and rhetorical devices and the format, the format!

Well, Rupi Kaur makes it very easy for her readers to get the information straight away. She does not use a wide range of metaphors, instead her words are clear and simple and this can extremely painful sometimes. Her poems deal with experiences such as having alcoholic parents, being abused by family members, feeling alone and hopeless as a child, having problems with relationships, struggling your whole life with the consequences of your early experiences. Sounds heavy? Well, that’s todays reality for so many people. It’s the most contemporary poems can get.

The theme you can find in almost every text is being a woman and what it means to live in a world dominated by men. Kaur reflects on herself as a woman, her relationship to other women and issues concerning the female body about which it is difficult to talk about openly and honestly today, such as menstruation.

The four parts of the book slowly drift into a more optimistic tone that encourages the reader to fight against the demons of the past (and the present): the hurting; the breaking, the loving; the healing.

What I like most about poetry is that it gives the readers the possibility to fill in the gaps between the words with their own meaning and interpretation, a lot more than novels do.

I think the problems many of us have with poetry is that we are not used to reading it. What we learn in school are schemes and forms of poetry of ancient times and in our heads this is what we expect poems to look like. Under a Youtube-Video of Rupi Kaur being on the Jimmy Fallon Show, I read a lot of comments saying „THIS is not poetry!“. Why? We are so much more tolerant with experiments and new stuff in music and art, but not with poetry. Is it the simplicity of Kaur’s poems that makes people criticise it as not „poetry-ish“ enough? On the other hand I assume it’s this simplicity in form and complexity in content that made Milk and Honey Number one on the New York Time’s Bestselling List for over one year.

I personally find Rupi Kaurs poems very powerful, very wise, given the fact that she was 21 when she first self-published them. She also drew all the illustrations you find in the book.

My advice to you is: Leave your phone for a while; Get a cup of tea; Read these poems out loud to yourself and let the power of the words do their magic.

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