Eine Liebe wie eine Zimmerpflanze. Wlada Kolosowa. Fliegende Hunde

Hätte sie jemand gefragt, Lena hätte gesagt, dass sie in diesem Moment glücklich war. Es war diese seltene Form von Glück, bei der man gleich wusste, dass es Glück war – und nicht erst im Rückblick. Sie hätte ewig so dasitzen können, hatte dann aber plötzlich den Eindruck, dass die Rentnerin irgendwie komisch zu ihnen herüber sah.

Ein Buch über zwei Mädchen, die ihre sexuelle Orientierung miteinander ausloten, ist wahrscheinlich in diesen Zeiten nichts mehr, das für große Aufregung sorgt. Rein thematisch betrachtet wäre Wlada Kolosowas Debüt Fliegende Hunde recht einfach zusammenzufassen: Ein Roman über Freundschaft und gleichgeschlechtliche Liebe, über das Erwachsenwerden und den Umgang mit ersten Verlusten. Also so ziemlich alle Zutaten vereint, die man in einem Großteil der aktuell auf dem Markt kursierenden Jugendbücher findet.

Nur ist das hier erstens kein Jugendbuch, denn es ist offensichtlich in einem Verlag erschienen,der sich vordergründig an erwachsenen Lesern ausrichtet. Und zweitens findet die darin beschriebene Liebe in einem Kontext statt, in dem sie gesellschaftlich nicht anerkannt ist.

Es geht um zwei Mädchen, für die es einfacher erscheint, 7000 km entfernt in Shanghai bei dem Versuch, Model zu werden, jegliche Selbstachtung aufzugeben und in einem Internetforum Lebenstrost zu suchen und dabei fast draufzugehen, als sich für ihre Liebe zueinander zu entscheiden. Denn das würde bedeuten, ein Leben zu führen, das nichts Lebenswertes mehr hat.

In welchen Umständen muss man sich befinden, wenn sich diese Entscheidung als so existenziell erweist?

Nun, leider reicht ein kompliziertes, manipulativ-auoritäres politisches System aus, um der Liebe Grenzen zu setzen, die sie mitunter nicht überwinden kann.

Lena und Oksana sind 17, seit jeher beste Freundinnen und Wand an Wand in einer Plattensiedlung aufgewachsen. Mit sich steigernder Pubertät verändern sich auch die Gefühle der beiden füreinander. Zaghaft und im stillschweigenden Übereinkommen, dass niemals ein Wort darüber verloren werden darf, erkunden die beiden Nacht für Nacht gegenseitig ihre Körper, teilen Intimitäten miteinander, schlafen eng aneinandergekuschelt. Stets in der Sicherheit des Wissens, dass ihre Eltern nichts mitbekommen werden, weil diese Übernachtungsbesuche schon seit Kindertagen zum Alltag gehören. Beide befinden sich in einem Zustand akuter Verwirrung, was sich zum Einen aus der natürlichen Verwirrung der Verliebtheit begründet, zum Anderen aber aus dem Gefühl, etwas Verbotenes zu tun.

Lena und Oksana leben in Russland, in einem kleinen Vorort von St. Petersburg. In einem Land, in dem Homosexualität zwar nicht verboten, jedoch öffentlich krass tabuisiert ist. Es gibt seit 2013 sogar so ein schwachsinniges Gesetz, das es verbietet, mit Minderjährigen über gleichgeschlechtliche Liebe zu sprechen (im Klartetxt heißt das: sogenannte „Propaganda gegenüber Minderjährigen über nichttradiotionell sexuelle Beziehungen“ wird mit hohen Bußgeldern geahndet. Wer sich mal näher in das politische System Russlands einlesen möchte: diese Seiten vom bpb finde ich sehr informativ). Vor diesem Hintergrund erfährt die aufkeimende Liebe der beiden Mädchen eine ganz andere Brisanz als in einem Buch, das beispielsweise in Deutschland spielen würde. Natürlich kann es auch in einer solchen Konstellation Schwierigkeiten bei der Identitätsbildung und dem Coming-Out geben, etwa wenn man leider Eltern hat, die so gar nicht tolerant sind, wenn das Umfeld allgemein konservativ eingestellt ist und ablehnend reagiert. Doch in Deutschland ist es zumindest möglich, die Liebe frei auszuleben, wenn man sich dafür enscheidet. (Hoffen wir, dass es so bleibt und nicht diejenigen ihre Machtpositionen in der Politik noch weiter ausbauen können, die sich gegen Homosexualität positionieren). Aber sobald Liebe in einem politischen Kontext steht, der sie fast unmöglich macht, wird es tragisch.

Lena und Oksana flüchten sich beide in Extreme. Lena wird von einer fragwürdigen Modelagentur nach Shanghai geschickt, wo sie mit anorektischen Mädchen und jungen Frauen aus aller Welt (aber überwiegend aus sehr armen Ländern) in einer WG lebt, zwischen schlecht bezahlten Fotoshootings und Nächten in schmuddeligen Bars hin- und hertingelt und eine Affäre mit einem Fotografen beginnt, der ihr für Sex Dinge kauft. Den Kontakt zu Oksana reduziert sie in dieser Zeit auf ein Minimum.

Oksana leidet unter dem Kontaktabbruch und findet vermeintlichen Trost in einem Internetforum, zu dem man nur Zugang erhält, wenn man von einem Admin persönlich freigeschaltet wurde. In der Community dreht sich alles ums wahnhafte Abnehmen, die besonders angepriesene Diät ist der „Ernährungsplan“der Menschen aus der Zeit der Leningrader Blockade. Kurz zum Verständnis: Die Stadt Leningrad wurde im zweiten Weltkrieg über zwei Jahre von deutschen, finnischen und spanischen Truppen belagert. Unzählige Menschen verhungerten oder starben an den Folgen von Mangelernährung, weil sie einfach ALLES gegessen haben, was sie finden konnten. Katzen, Schuhe, Haushaltsbücher.

Die Userinnen stacheln sich also gegenseitig dazu an, „Rezepte“ für Ledergürtelsuppe, Buchseiten-Pürree und Erdkaffee zu teilen. Wer nicht regelmäßig Kontrollfotos von diversen Körperteilen postet, fliegt. Oder noch schlimmer: wird massiv unter Druck gesetzt und erpresst. Als eine Userin, die sich Dünner nennt, an den Folgen dieser Ernährung stirbt, will Oksana, der eigentlich die ganze Zeit klar war, bei was für einem Irrsinn sie da mitmacht, aussteigen. Doch dann beginnt das Forum, gegen sie zu hetzen.

Zum Glück kommt nach drei Monaten Lena aus Shanghai zurück, um mit Oksana die schon lange geplante Party zu ihrer beider 18. Geburtstag zu feiern.

Blumen sind ja bloß Pflanzenmuschis, pflegte Lena zu sagen, seit sie im Biologieunterricht Bestäubung durchgenommen hatten. Trotzdem schnitt Oksana, als sie erfuhr, dass ihre Freundin für drei Wochen nach Hause kommen würde, Zweige vom Apfelbaum im Park ab und stellte sie in ein Gurkenglas voll Wasser.

Die beiden Mädchen sind sich so nah wie zuvor. Für eine kurze Zeit fühlen sich beide zueinander hingezogen,träumen von einer gemeinsamen Zukunft.

Doch die Seifenblase platzt, als ihnen klar wird, dass ihre Liebe in den Umständen, in denen sie leben, keine Chance hat. In Russland werden Homosexuelle Opfer von öffentlichem Hass und Anfeindung bis hin zu Morddrohungen. Gleichgeschlechtliche Paare dürfen weder in eingetragener Partnerschaft leben noch heiraten. Sie müssen sich und ihre Beziehung geheimhalten und hoffen, dass es niemand mitbekommt. Die ganze Aussichtslosigkeit ihrer gemeinsamen Pläne entblättert sich vor den Mädchen.

Oksana und sie würden sich einen Verwandschaftsgrad für die Vermieter ausdenken müssen und Alibifreunde für die Eltern und Kollegen. Draußen ihre Gespräche filtern. Sich gegenseitig vor Fremden verleugnen. Das neben mir auf dem Foto? Das ist meine Cousine.

Eine Liebe wie eine Zimmerpflanze – für ein Leben außerhalb der vier Wände nicht geeignet. Drei Straßen weiter gab es zwei solche „Cousinen“. Sie waren Mitte 40, lebten in einer Einzimmerwohnung und huschten so schnell und geräuschlos durch Krylatowo, als wollten sie der Welt sagen: Keine Sorge, wir sind gleich wieder weg, wir sind eigentlich überhaupt nicht da.

Und was erwartete sie hier? Vermutlich kein Hochschulabschluss. Wahrscheinlich eine Ausbildung. Ein Job, vielleicht ein Hobby, am Wochenende ein Joghurt oder eine exotische Frucht aus dem „All right“, vielleicht irgendwann eine Woche am Schwarzen Meer. Kleine Ziele, einfach zu erreichen. Ein langes Leben, das sich in wenigen Worten erzählen ließ.

Fliegende Hunde ist ein politischer Roman, der aber an keiner Stelle offenkundig politisch sein will. Es ist vielmehr eine aufgrund des frechen, lockeren Erzähltons sogar recht unterhaltsam zu lesende Geschichte über zwei Mädchen, die sich von klein auf kennen und dann unterschiedliche Wege einschlagen, weil es keinen gemeinsamen zu geben scheint. Es geht um korrupte Modelagenturen, um höchstgefährliche Internetcommunitys, um Selbstfindung, um Verluste. Um den Hunger nach Liebe und das Fehlen der Möglichkeit, selbst zu wählen, wen man liebt.

Ob Lena und Oksana sich doch dafür etscheiden, für ihre Liebe zu kämpfen? Dies herauszufinden, sei an dieser Stelle der eigenen Lektüre vorbehalten.

Der Roman jedenfalls stellt insgesamt die Frage, ob sich für die Liebe zu kämpfen lohnt. Die Antwort: Ja. Im Märchen. Aber in der Realität reicht kämpfen leider oft nicht aus.

Wlada Kolosowa. Fliegende Hunde

Erschienen 2018 bei Ullstein fünf

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