Die singende Poetin. Patti Smith. Just Kids & M Train

„Ich will aber nicht singen. (…)Ich will Dichterin sein, nicht Sängerin.“

„Sei doch beides“, meinte er.

Es war am 2. August 2018, als meine Bewunderung für Patti Smith ihren Höhepunkt erreichte. Hinter der Bühne ragte der Kölner Dom in den flimmernden Himmel; es war früher Abend, doch das Thermometer zählte noch 32 Grad. Die leicht bestofften 3800 Hintern klebten auf den Plastikstühlen, die in Reihen auf dem Roncalliplatz aufgebaut waren. Ein Sitzkonzert bei Patti Smith! Klar, dass das nicht lange eins blieb.

Als sie dann die Bühne betrat, war es um mich geschehen. Immer, wenn ich seitdem in Erinnerungen an dieses Konzert schwelge, überkommt mich derselbe Gedanke: Wenn ich mit 71 Jahren so eine coole Sau bin wie Patti Smith, habe ich alles richtig gemacht.

Energetisch und mitreißend war ihr Auftritt, sie selbst dabei so nahbar, charmant und sympathisch, als wäre sie einfach nur die Frau von nebenan, als sie kurz von der Bühne verschwand, um aufs Klo zu gehen und ein paar Minuten später wiederkam, mit einem frechen Spruch den Hosenstall schließend oder die Brille aus ihren Haaren fummelnd, als sie ein Gedicht vom Blatt ablas. Doch zwischen all dem blitzte immer mal wieder die rebellische Seite hervor, die mich bei der Lektüre ihrer Bücher so fasziniert hatte. So forderte sie das Publikum dazu auf, sich nicht von den Securitys einschüchtern zu lassen und zu tanzen. Kommentare zum politischen Weltgeschehen ließ sie ebenso verlauten wie die Aufforderung, solidarisch miteinander zu sein. Friedlich. Tolerant.

 Gleichzeitig war sie wie eine Erscheinung aus einer anderen Sphäre. Die langen, weißen Haare wehten im Wind (der Windmaschine, was für eine Erfindung, gerade an einem Abend wie diesem, an dem sich die Atome in der Luft genau 0,0 cm von alleine bewegten), in ihren Liedern besang sie oft das Göttliche.

Wie kann eine einzige Person nur so viele verschiedene Facetten haben, die sich zu einem so stimmigen Gesamtbild fügen? Man muss dafür wahrscheinlich Patti Smith heißen.

Vor mir stand eine Frau, über deren bewegtes Leben ich schon viel gelesen hatte, und mir war, als würde jeder Ton, jede Silbe, die sie sang, die erworbene Weisheit und den großen Erfahrungsschatz dieser Jahre an mich und an alle um mich herum weitergeben. So gelassen und im Reinen mit sich selbst, wie sie schien, kann man wohl nur werden, wenn man sich intensiv mit sich selbst, dem Leben, aber auch dem Tod auseinandergesetzt hat.

aus: Just Kids

Die Phasen dieser Auseinandersetzung und ihren frühen Werdegang als Künstlerin zeichnet sie selbst in Just Kids nach.

Arm wie eine Kirchenmaus und obdachlos beginnt Patti diese lange Reise, an deren Ende sie schließlich die „Godmother des Punk“ sein wird, im Sommer 1967 in New York. Dazwischen liegt ein Lebensabschnitt, der sich so wildromantisch liest, dass man am liebsten sofort losziehen würde, um sich wie sie durchzuschlagen mit Jobs in Buchläden und Tagen, an denen die Wahl getroffen werden muss zwischen dem Stillen des physischen Hungers oder dem danach, etwas zu erschaffen. Man möchte Teil sein jener Künstlerbewegung, in die Patti nach und nach hineingewachsen ist und die sich gegenseitig beeinflusst und für immer geprägt hat.

Beeindruckend, was für ein starker Antrieb der Wunsch, Künstlerin zu sein, für Patti gewesen ist. So stark schließlich, dass sie sich dagegen entschied, für den Rest ihres Lebens in kräftezehrend-eintönigen Jobs wie dem in einer kleinen Schulbuchdruckerei in Philadelphia zu arbeiten.

Früh zeigte sich, dass Literatur eine große Bedeutung für Patti haben würde. Als Kind schon den Möglichkeiten der Geschichten verfallen, Sehnsüchte zu erwecken, waren Bücher der pubertären Patti vor allem ein Trost, wenn sie in Verzweiflung darüber stürzte, dass sie sich festen weiblichen Rollenbildern fügen sollte. Auch als Erwachsene kam sie damit nicht überein, blieb in Erscheinungsbild und Lebensführung androgyn und war wie viele Künstler*innen ihrer Generation eine Vorreiterin der Ausweitung von Geschlechterzuschreibungen.

Als Jugendliche wuchs in ihr der Wunsch, später selbst einmal Schriftstellerin zu werden. Autorinnen wie Louisa May Alcott (Betty und ihre Schwestern) ermutigten sie mit den rebellischen Mädchen- und Frauenfiguren in ihren Büchern dazu, diese Idee nicht als Wunschtraum abzutun, sondern sich ernsthaft im Schreiben zu üben.

Tatsächlich wollte Patti Smith eigentlich nie Sängerin werden. Dass sie doch eine ziemlich erfolgreiche wurde, ergab sich mehr aus den Umständen in New York als aus einer Zielsetzung. Während der Zeit, die sie zusammen mit Robert Mapplethorpe im Chelsea Hotel lebte, lernte sie unzählige Musiker*innen und Künstler*innen kennen, die sie in ihrem eigenen Schaffen anspornten, inspirierten und weiterbrachten. Neben der Veröffentlichung erster Gedichtbände und Texten in Zeitungen trat sie immer öfter in Bars und Kneipen auf, mal mit Unterstützung befreundeter Musiker*innen, zunehmend aber auch sich selbst auf der Gitarre begleitend. Ein erster Höhepunkt der zarten Karriere war die Auftrittsserie im berüchtigten Club CBGB (hier könnt ihr den Trailer zu einer Verfilmung sehen, in der Alan Rickman die Hauptrolle des Inhabers Hilly Krystal spielt), bei der sie zum ersten Mal eine Band um sich formierte und im Anschluss ihren ersten Plattenvertrag unterschrieb. Immer mehr näherte sich Patti ihren musikalischen Vorbildern an, einigen, etwa Janis Joplin und Bob Dylan, begegnete sie sogar persönlich.

Die Bewunderung, die Patti für andere Musiker, aber auch Schriftsteller und bildende Künstler hegte, spricht aus vielen ihrer Erinnerungen und erfährt noch mal eine ganz neue Intensität in M Train, einer Mischung aus Tagebuch, das uns spotlightartigen Zugang zu ihren Gedanken und Gefühlen gewährt, uns teilhaben lässt an der Verarbeitung schmerzhafter Verluste; Reflexionen über Träume und die Verbindung zwischen Leben, Kunst und Poesie; und Reiseberichten zu Orten, an denen sie auf Spuren ihrer Vorbilder (Rimbaud, Frida Kahlo, Genet, Sylvia Plath…) wandelte.

aus: M Train

M Train zusammenzufassen, kommt einer unlösbaren Mathematikaufgabe gleich. Es geht darin um alles und nichts. Um das Paradox, über die Unfähigkeit zum Schreiben zu schreiben.
M Train fordert die Leser*innen heraus, denn es erzählt ihnen keine stringente Geschichte. Es gibt ihnen auch nicht die Antworten, die sie sich vielleicht erhofft hatten. Aber es lässt sie tief blicken in das sehr komplexe, poetische, feinfühlige Innenleben der Patti Smith.

Die Themen in beiden Büchern sind so vielfältig, dass ein Artikel wie dieser sich nur auf einige davon beschränken kann.

Ganz zentral sind in beiden Patti Smiths Beziehungen zu anderen Menschen und der unvorstellbare Schmerz des Verlusts.

aus: Just Kids

Pattis Werdegang ist eng verknüpft mit Robert Mapplethorpe und kann ohne ihn eigentlich nicht erzählt werden. Der junge Robert, der sich später als exzentrischer Künstler und Fotograf einen Namen machen und wegen seiner extremen Arbeiten kontrovers diskutiert werden sollte (hier könnt ihr noch bis zum 13.02.2019 eine sehenswerte Dokumentation über ihn finden) und Patti lernten sich 1967 kennen. Anfangs führten beide eine recht klassische Liebesbeziehung und bewohnten zugige Bruchbuden, in denen sie beide Raum fanden, ihre sehr unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten auszuloten, später, als Robert sich immermehr zu seiner Homosexualität bekannte und diese offen auslebte, veränderte sich auch die Beziehung der beiden, büßte jedoch nichts von der gegenseitigen Liebe ein. Trotz diverser Affären und einer schlussendlichen Aufgabe der Paarbeziehung blieben Patti und Robert auf eine ganz besondere Weise miteinander verbunden. Sie hatten einen Pakt geschlossen, immer füreinander da zu sein. Patti passte auf Robert auf, wenn er im Drogenrausch die Kontrolle zu verlieren drohte. Robert war es, der Patti dazu anspornte, ihre Texte lieber zu singen als zu sprechen. Er half ihr, Auftrittte zu organisieren und wirkte an der Gestaltung der Platten mit. Das ikonische Foto auf Pattis erstem Album Horses stammt von ihm.

Von außen betrachtet stieß diese Symbiose wahrscheinlich häufig auf Unverständnis. Für Robert Mapplethorpe und Patti Smith jedoch war sie das sichere Fundament dieser Jahre in New York, die sie zumindest hinsichtlich Finanzen und Obdach oft am Rande der Existenz verbrachten.

Robert war dafür abekanzelt worden, dass er seine Homosexualität geleugnet hätte; wir wurden beschuldigt, kein richtiges Paar zu sein. (…) Wir brauchten Zeit, um uns darüber klar zu werden, was es für uns zu bedeuten hatte, worauf wir uns einigen und unter welchem Namen wir unsere Liebe neu definieren sollten. Von Robert habe ich gelernt, dass Widersprüchlichkeit oft der eindeutigste Weg der Wahrheit ist.

Just Kids ist nicht zuletzt eine Hommage an Robert Mapplethorpe, der 1989 an den Folgen von Aids verstarb und dem Patti das Versprechen gab, ihre gemeinsame Geschichte aufzuschreiben.

Patti Smith ist für mich ein Vorbild, weil sie den Mut hatte, ein Leben zu leben, das nicht in die starren Konzepte ihrer Zeit passte. Vermutlich würde es wohl auch in die heutigen nicht hineinpassen. Sie ist ihrem Herzen gefolgt, für die Kunst, für die Liebe.

Sie ist spirituell, ohne esoterisch zusein, angetrieben von einer inneren Kraft, die viele Schaffende in sich spüren und ohne die man den steinigen, entbehrungsreichen Weg wohl nicht gehen kann: dem Hunger danach, eine Ausdrucksform für das eigentlich Unsagbare zu finden.

Patti Smith ist eine Poetin, deren Hingabe und Verbundenheit zur Kunst aus jeder Zeile dieser Bücher spricht. Sie sind der rote Faden ihres Lebens.

Als an jenem Abend im August die großartige Joan Baez als Überraschungsgast auf die Bühne kam und diese beiden über 70-Jährigen Frauen leichtfüßig zu Dancing Barefoot umher hüpften, da war mir, als wäre in diesem Moment ein Stück ihres Zaubers in mir auf Nährboden gestoßen. Und das ist das größte Geschenk, das sie uns machen können in diesen Zeiten, in denen das Alter abgewertet wird, in denen Freiheit ein ferner Wunschtraum zu sein scheint, weil sich jeder für ein System knechten lässt, das nur auf Kapital ausgerichtet ist und nicht auf das Wohl der Menschen darin; in dem wir nicht mal den Mumm haben, auf einem Sitzkonzert ohne Aufforderung aufzustehen und zu TANZEN.

Patti Smith. Just Kids. Die Geschichte einer Freundschaft. Die hier abgebildete Ausgabe erschien 2012 bei Fischer Taschenbuch. Die Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel Just Kids bei Ecco, New York

Patti Smith. M Train. Die Originalausgabe erschien 2015 bei Bloomsbury.

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