Frauen zwischen den Welten. Alice Munro. Lives of Girls and Women

Seit seiner Einführung im Jahr 1901 hat man es ganze 14 Mal geschafft, den bis auf wenige Ausnahmen jährlich vergebenen Nobelpreis für Literatur an Frauen zu verleihen. Nicht etwa, weil Frauen nicht in der Lage wären, Bücher zu schreiben, die die Kriterien des Preises erfüllen. Obacht und aufgemerkt! Laut Alfred Nobels Testament soll der Preis an jemanden gehen, dessen Werk „im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen gebracht“ hat. So schön schwammig, wie das auch ist, lässt sich trotzdem nicht herauslesen, dass diese Leistung nur von Männern erbracht werden könnte.

Aus dem wunderbaren Buch „Schriftstellerinnen!“ von Katharina Mahrenholtz und Dawn Parisi

Der Preis wird schlicht und ergreifend deshalb so selten an Frauen vergeben, weil sexistische Kackscheiße auch und vor allem in den Riegen der Schwedischen Akademie (aufgrund der Anzahl der Mitglieder, die auf Lebenszeit ihr Amt inne haben, auch „Die Achtzehn“ genannt, ein Großteil davon Männer mit Durchschnittsalter 70, weißte Bescheid) abgeht. Eine jener 14 Frauen, die den Preis verliehen bekamen, ist die kanadische Schriftstellerin Alice Munro. Geehrt wurde sie damit für ihre Revolution der Kurzgeschichten. Eine literarische Disziplin, an die sich sonst niemand so richtig herantraut, weder Autoren noch Leser. Wir gruseln uns doch alle heimlich ein bisschen bei dem Gedanken an diese Textfragmente, auf die man sich jedes Mal neu einlassen und dann womöglich noch auftretende erzählerische Leerstellen selbst befüllen oder sie für immer zergrübeln muss. Munro jedoch schickt ihre Heldinnen durch die Tristesse des alltäglichen Lebens, konfrontiert sie mit Liebe, Lust und Verlust und verknappt das Ganze durch die Form so, dass es eine ziemliche Sogwirkung entwickelt.

In Deutschland ist Munro mit ihren Kurzgeschichten seit der Verleihung 2013 immerhin ein bisschen bekannt, in Kanada war sie allerdings schon vorher eine der ganz großen Bestsellerautorinnen. Dass sie den Preis bekam, ist nicht zuletzt deshalb so schön, weil sie zu jenen Schriftstellerinnen gehört, die ihre Arbeit lange Zeit „nebenbei“ organisieren mussten. Das Selbstverständnis als Autorin kam deshalb erst mit dem bestätigenden Erfolg ihrer Bücher – das erste veröffentlicht sie wohlgemerkt recht spät mit 40, bis dahin muss sie sich damit begnügen, im stillen Kämmerlein zu schreiben und keine Anerkennung dafür zu erfahren.

Geboren Anfang der 1930er Jahre, war ihr Lebensweg eigentlich schon seit der Herausbildung des zweiten X-Chromosoms vorgegeben: einen Farmer heiraten, Kinder kriegen, that’s it. Alice hingegen hat sich (glücklicherweise!) diesem für Mädchen vorgesehenen Schicksal nicht gefügt und dem Protest ihrer Eltern zum Trotz ein Journalismusstudium begonnen. Dieses musste sie nach zwei Jahren abbrechen, weil es für sie nicht mehr finanzierbar war. Kurzzeitig sah es so aus, als würde jetzt doch der Standard-Plan greifen. Alice heiratete, bekam Kinder, war Hausfrau. Doch zufrieden war sie damit nicht, schreiben wollte sie immer noch. Also schrieb sie: Früh morgens, spät abends, zwischendurch, wann immer sie etwas Zeit fand. Neben vielen Kurzgeschichtenbänden schrieb Munro leider nur einen einzigen Roman, der seinen kurzen Geschwistern jedoch erzählerisch in nichts nachsteht.

In Lives of Girls and Women skizziert Munro ein Porträt der Gesellschaft, in der sie selbst zur Frau wurde. Der Roman trägt sicher einige autobiografische Züge, so ist die Protaginistin Del genau wie Munro Tochter eines Silberfuchsfarmers im Ontario der 1940er Jahre. Im Fokus des Romans stehen die Frauenfiguren, von denen Del umgeben ist und an denen sie sich in ihrer eigenen Entwicklung gleichermaßen reibt und orientiert.Da ist zunächst einmal Dels Mutter, die in ihrer Rolle als Farmersfrau nicht aufgeht und die sich nach und nach ein eigenes berufliches Standbein aufbaut. Da sie sehr belesen ist und sogar einen Führerschein hat, fährt sie von Farm zu Farm und verkauft Enzyklopädien. Anfangs scheint die Mutter ein Vorbild für Del zu sein, färben doch Wissensdurst und Lesefreude auf die Tochter ab. Mit zunehmendem Alter und Einsetzen der Pubertät jedoch beginnt sich Del für ihre Mutter zu schämen. Sie wird der negativen Aufmerksamkeit gewahr, die die Mutter mit ihrer Fortschrittlichkeit auf sich zieht. Sie hält Vorträge in Dels Schule und schreibt regelmäßig Leserbriefe an die Zeitung, in denen sie für Verhütungsmittel und Abtreibung plädiert. Peinlich! Insgeheim weiß Del, dass sie eigentlich genauso wie ihre Mutter ist, aber sie ist sich der Gefahren und öffentlichen Verachtung, die eine Frau wie sie auf sich zieht, nur allzu gewiss.

Also versucht sie, mehr so zu sein wie ihre beste Freundin Naomi, für die ihr Aussehen und Jungs an oberster Stelle stehen. Da Dels Mutter zwar keine Scheu davor hat, in aller Öffentlichkeit über Sexualität zu sprechen, die Aufklärungsarbeit bei ihrer eigenen Tochter allerdings versäumt, verbringen die Freundinnen viel Zeit damit, sich Wissen über den menschlichen Körper und den Akt der Fortpflanzung mithilfe von Büchern anzueignen.

 Als Naomi jedoch die Schule verlässt und einen Schreibmaschinenjob in einem Büro antritt, verändert sich das Verhältnis der Mädchen zueinander. Durch die jungen Frauen, mit denen Naomi jetzt ihre Zeit verbringt, wird sich Del immer mehr der Tatsache bewusst, dass sie nicht ist wie sie, die den ganzen Tag damit zubringen können, sich auf ihre Hochzeiten vorzubereiten.

Immerhin muss sie jetzt nicht mehr so viel Kontakt zu Naomis Mutter haben, denn die verkörpert ganz klar den konservativen Alptraum einer jeden Kleinstadt. Gleichzeitig ist sie sowas wie das Epizentrum der Lästerei in Jubilee, dessen Ansichten und Meinungen schon auf die nächste Generation abgefärbt haben. Naomis Mutter tritt immer mal wieder als richtende Instanz, vornehmlich über andere Frauen, auf.

Eine junge Frau wurde unehelich schwanger und hat sich aus Verzweiflung darüber selbst umgebracht? Geschieht ihr Recht!

In der Stadt wurde ein Mädchen vergewaltigt? Nun, sie ist selbst schuld!

My mother says it’s the girl’s fault“, said Naomi. „It’s the girl who is responsible because our sex organs are on the inside and theirs are on the outside and we can control our urges better than they can. A boy can’t help himself.“

Kommt uns irgendwie bekannt vor, oder? An dieser Ansicht hat sich ja leider nicht so viel verändert, wenn man sich den über den Hashtag #thisisnotconsent diskutierten aktuellen Fall aus Irland anschaut, bei dem der Vergewaltiger freigesprochen wurde, weil das Opfer Spitzenunterwäsche trug. Victim Blaming at it’s best. In vielerlei Hinsicht hat sich unsere Welt im Gegensatz zu der in Lives of Girls and Women beschriebenen weitergedreht, doch es gibt noch einiges zu tun, Leute.

Del gerät immer mehr zwischen die Fronten. Mit den erzkonservativen Ansichten der meisten Menschen ihrer kleinen Stadt kann sie sich nicht identifizieren, schon gar nicht mehr, seitdem ihr eigener Sexualtrieb erwacht ist und ihr langsam die kryptischen Artikel in den Sachbüchern und die prüden Beschreibungen in ihre Romanen zur Triebbefriedigung nicht mehrausreichen. Mit ihrem Schulfreund Jerry kann sie immerhin auf ganz nüchterne Weise gegenseitige Körperforschung betreiben, was fehlt, ist jedoch die Leidenschaft. Jerrys Mutter ist im Gegensatz zu ihrer eigenen im Bezug auf sexuelle Aufklärung sehr direkt und konfrontiert Del mit der Frage, wie sie denn verhüten würde, wenn sie mit Jerry schläft. Das ist Del dann doch zu krass, eine derartige Offenheit ist sie nicht gewohnt.

Auch der düster-geheimnisvolle Farmerboy Garnet, mit dem sie endlich die ersehnten Erfahrungen sammeln kann, kann ihr letztendlich nicht geben, wonach sie eigentlich sucht: ihren Platz in dieser Welt, in der man als Frau zwar durchaus einen gesellschaftlichen Tribut leisten und arbeiten darf, aber bitte nicht zu schlau sein sollte und schon gar nicht politisch interessiert, am besten ein hübsches Beiwerk, das seinen häuslichen Pflichten nachgeht und jederzeit den Rock lüpft, wenn ein Mann (ob das nun der eigene Ehemann ist oder ein Nachbar oder ein Fremder, da sind wir mal nicht so genau) danach verlangt.

Munro schreibt über eine Gesellschaft, die sich der Tatsache nicht verwehren kann, dass ein Umbruch stattfinden wird. Einzelne Frauenfiguren geben einen klaren Hinweis darauf, dass die weibliche Selbstbestimmung ihren Vormarsch aufgenommen hat. Themen kommen auf, die Frauen Macht über sich selbst und ihre Körper versprechen. Verhütung, Abtreibung, sich gegen die Ehe entscheiden. Doch die engen Grenzen der Welt, in der Del aktuell lebt, werden immer wieder deutlich. Die Emanzipation steht vor der Tür, aber noch will sie keiner hereinlassen, noch bleibt die Auseinandersetzung damit jenen vorbehalten, die den Mut aufbringen, sich gegen das bestehende System zu stellen und die Konsequenzen zu tragen.

Del steht für so viele Frauen ihrer Zeit, sie ist ein Mädchen auf dem Weg in die Erwachsenenwelt, das sich mit der ihm zugeschriebenen Position nicht identifizieren kann, aber auch das Risiko darin erkennt, einen moderneren, selbstbestimmteren Weg einzuschlagen. Dieser Zwiespalt der Frauen, sich weder für das eine noch für das andere entscheiden zu können und dadurch mit dem harten Schicksal geschlagen zu sein, sich immer wieder an der Unvereinbarkeit der Konventionen und den eigenen Wünschen aufzureiben, ist der Kern dieses Romans. Der deutsche Titel, Kleine Aussichten, fasst dieses Dilemma gut zusammen.

What was normal life? It was the life of the girls in the creamery office, it was showers, linen and pots and pans and silverware, that complicated feminine order; then, turning it over, it was the life of the Gay-la Dance Hall, driving drunk at night along the black roads, listening to men’s jokes, putting up with and warily fighting with men and getting hold ofthem, getting hold – one side of that life could not exist without the other, and by undertaking and getting used to them both a girl was putting herself on the road to marriage. There was no other way. And I was not going to be able to do it.“

Alice Munro. Lives of Girls and Women. 1971, Vintage

Auf deutsch erschienen 2015 unter dem Titel Kleine Aussichten bei Fischer Taschenbuch

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