Zwischen Schuld und Sehnsucht. Nora Krug. Heimat. Ein deutsches Familienalbum

Wie kann man begreifen, wer man ist,wenn man nicht versteht, woher man kommt?

Nora Krugs Werk bezeichnet sich selbst als literarisch-grafisches Familienalbum. Doch was kann man sich darunter vorstellen? Ein Sammelsurium vergilbter Fotos, wie man sie in Millionen deutscher Haushalte  findet, von einer eifrigen Hand vor Urzeiten garniert mit kecken oder nachdenklichen Sprüchen, und nun für immer dazu verdammt, bei Familienfeiern hervorgeholt zu werden, obwohl es eigentlich nicht mal jemand aus der eigenen buckligen Verwandschaft  ansehen möchte? Warum verschont Frau Krug die Öffentlichkeit nicht einfach davon?

Nun, weil Krugs Buch natürlich nicht einfach nur ein nettes Erinnerungsalbum für den Privatgebrauch ist. Sie verhandelt darin ausgehend von ihrer Familienvergangenheit ein sensibles Thema, das für viele aus der Nach-Nachkriegsgeneration einen zentralen Punkt für die Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte darstellt.

Wie viele von uns wissen so gut wie nichts über das Leben unserer Großeltern, weil in ihren Familien nie offen darüber gesprochen wurde, und wieviele von uns trauen sich nicht, nachzuforschen, aus Angst davor, was zutage befördert werden könnte?

Das Wissen über die Geschehnisse in Deutschland zur Zeit des zweiten Weltkrieges erhöht die Hemmschwelle davor, in den Lebensgeschichten unserer Ahnen auf etwas zu stoßen, das eine Erbschuld auf unsere Schultern lasten könnte. Wir, die doch kopfschüttelnd zurückblicken auf die Zeit des Holocaust und nicht verstehen können, wie die Leute damals nicht mitbekommen haben wollten, dass um sie herum systematisch Menschen verschleppt, gequält und getötet wurden. Was aber ist, wenn wir herausfinden, dass unsere Großeltern selbst zu jenen gehörten, die damals wegsahen? Oder, der Super-GAU: wenn unsere Großeltern selbst zu jenen gehörten, die diese Gräueltaten zu verantworten haben?

Krug, die 1977 in Karlsruhe geboren wurde und inzwischen seit über einem Jahrzehnt in Amerika lebt, stellt sich einer Spurensuche, die viele Fragen beantwortet und ebenso viele neue aufwirft. Sie nimmt ihre Leser*innen mit durch den Versuch der Aufarbeitung ihrer eigenen familiären Vergangenheit, aber gleichzeitig auch der einer ganzen Generation.

Ein paar wenige handschriftliche Dokumente ihres Onkels etwa, mit Hakenkreuzen dekorierte Aufsätze aus einem Schulheft von 1938, in denen Juden mit Giftpilzen verglichen werden, bilden die Grundlage der Recherche über die Familie ihres Vaters.

Besagter Onkel fiel 18-jährig im Krieg, die Autorin hat ihn nie kennengelernt. Der Vater selbst wurde ein paar Jahre nach dem Tod des Bruders geboren und durch die Bürde, den Eltern den Bruder ersetzen zu müssen (er trug sogar den gleichen Namen!) so traumatisiert, dass er mit seinen eigenen Kindern nie über die Thematik gesprochen, geschweige denn selbst eine Annäherung an den toten Bruder versucht hat.

Krug begibt sich also auf eine Spurensuche mit ungewissem Ausgang. Die Furcht, am Ende herauszufinden, dass der Onkel ein überzeugter Nazi gewesen ist, dass auch der Großvater mütterlicherseits bekennender Hitler-Anhänger gewesen ist, spricht aus ihren Aufzeichnungen genauso wie der Wunsch, sich diesen für sie unbekannten Personen emotional irgendwie annähern zu können.

Auf Grundlage einiger weniger persönlicher Schriftstücke und Informationsfetzen recherchiert Krug online, in Stadtarchiven und im Landesarchiv in Karlsruhe, bis sie aus den Fragmenten ganze Bilder zusammensetzen und die Leben des Onkels und des Großvaters rekonstruieren kann. Das ist sehr spannend, denn auf ihrer Suche kontaktiert Krug Verwandte, zu denen sie vorher noch nie Kontakt hatte, weil die Familie aufgrund der Ereignisse zerbrochen ist. Das Ganze ist also auch der Versuch einer  Familienzusammenführung.

Das Buch schlägt bei all dem immer wieder den Bogen zur Zeitgeschichte, wirft allgemeine Fragen auf, ordnet die Familiengeschichte in einen historischen Kontext ein und verlässt somit die Ebene des rein privaten Familienalbums.

Da Krug in Amerika mit einem jüdischen Mann verheiratet ist, ist für sie die Motivation nach der Aufklärung der Schuldfrage in ihrer Familie natürlich doppelt motiviert. Die Geschichte jüdischen Lebens in ihrer Heimatstadt Karlsruhe und im nahe gelegenen Ort Külsheim, in der Teile ihrer Familie noch heute leben, wird miterzählt, weil sie untrennbar mit der eigenen und natürlichen mit der deutschen Geschichte verknüpft ist.

Die Gespräche, die Krug mit den Opfern bzw. den Kindern der Opfer des Holocaust führt, sind bewegend. Aber auch die Einzelschicksale in ihrer eigenen Familie stimmen nachdenklich. Hier kommt das Buch wieder zu seinem Kernthema zurück: Der Frage nach der Schuld. Darf ich bei diesen Schicksalen mitfühlen? Gibt es Umstände, die Taten verzeihbar machen? Ist es besser, „nur“ Mitläufer gewesen zu sein, anstatt Mittäter? Wie geht man damit um, wenn die eigenen Verwandten Dinge getan haben, die wir nicht verstehen? Macht uns das automatisch auch schuldig? Eine Erkenntnis, zu der das Buch vielleicht führt: manche Fragen können sich nicht eindeutig beantworten lassen. Es gibt Dinge, die bleiben zweischneidig und unangenehm. Vor allem, wenn es um die Familie geht. 

Einen weiteren thematischen Schwerpunkt bildet Krugs Sehnsucht nach der Heimat Deutschland und die Ambivalenz dieser Gefühle im Spannungsfeld der aufgeworfenen Schuldfrage. Ist es erlaubt, sich nach einem Land zu sehnen, das den Holocaust zu verantworten hat? Krug betrachtet Deutschland auch durch die Augen der Amerikaner, mit denen sie täglich zu tun hat. Reflektiert den teilweise sehr wunderlichen nostalgisch-verherrlichenden Blick der Amerikaner auf die Nationalsozialisten ebenso wie die Gespräche mit Überlebenden aus den Konzentrationslagern, die nach dem Krieg in die USA auswanderten und für die Krug oft eine Repräsentantin ihrer Peiniger darstellt.

Heimat. Ein deutsches Familienalbum ist nich nur thematisch spannend, sondern auch und vor allem durch seine Form ein besonderes Stück im Bücherregal. Großformatig und schwerpapierig kommt es daher, so als sollte die Haptik das Gewicht der darin verhandelten Themen widerspiegeln. Der Innenteil ist eine Mischung aus Graphic Novel, originalen handschriftlichen Dokumenten und Fotografien aus dem Familiennachlass, Tagebuch und Sachbuch. Alle Elemente sind dabei so arrangiert, dass die Anmutung eines Scrapbooks entsteht, fast spielerisch steht die Gestaltung den ernsten Themen gegenüber.

Wiederkehrende Seiten wie die „Aus dem Tagebuch einer deutschen Auswanderin / Katalog der deutschen Dinge“, und „Aus dem Sammelalbum einer Erinnerungsarchivarin / Flohmarktfunde“ schlagen mit Versatzstücken und Elementen, die der Autorin während der Recherchearbeit begegnet sind, die Brücke zwischen den einzelnen Kapiteln.

Kurzweilig ist diese Lektüre. Und sie geht einem nach. Nicht zuletzt, weil die Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte so schmerzhaft ist. Und einigen tut es leider doppelt weh, in der eigenen Familiengeschichte zu graben. Eine grundsätzliche Erkenntnis sollte dabei aber jede*r haben: Wir sind nicht unsere Eltern, nicht unsere Großeltern. Was die verbockt haben, lastet nicht auf unserem Gewissen. Aber wir sind in der Pflicht, es in Zukunft besser zu machen, ist doch seit letztem Jahr eine Partei im Bundestag vertreten, deren Ansichten gefährlich stark an die der Nationalsozialisten erinnern.

Jetzt ist unsere Zeit gekommen, nicht wegzusehen. 

Nora Krug. Heimat. Ein deutsches Familienalbum. 2018, Penguin Verlag

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