Die Mutter der Courage. Astrid Lindgren. Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939-1945

Heute, am 6. Dezember 2018, kommt mit Astrid ein Film in die Kinos, der Teile des Lebens von Astrid Lindgren beleuchtet, die lange vor der Veröffentlichung ihrer ersten Bücher spielen und doch einen nachhaltigen Einfluss auf das Leben dieser außergewöhnlichen Frau hatten. Hier könnt ihr euch den Trailer ansehen.

Die schwedische Autorin ist wohl den Meisten vor allem wegen ihrer Kinderbücher ein Begriff, deren Protagonist*innen den Leser*innen Tugenden wie Mut, Kameradschaftlichkeit und ein gesundes Selbstbewusstsein vermitteln. Lindgrens Kinderfiguren sind Menschen mit eigener Persönlichkeit, eigenen Rechten und eigenen Vorstellungen. Nicht von Anfang wurde sie dafür bejubelt: Für ihre Pippi Langstrumpf fand Lindgren lange Zeit keinen Verlag, weil man befürchtete, ein derart anti-autoriräres, rebellisches Mädchen wäre ein schlechtes Vorbild für die Kinder. Nun, Pippis Erfolg sollte die ablehnenden Verlage später eines Besseren belehren, sicherlich haben sich nicht wenige davon gehörig in den Allerwertesten gebissen.

Sidenote: Leider bilden Pippi und ihre lindgrenschen Geschwister auch heute noch Ausnahmen in der Kinderbuchwelt. Was auch noch knapp 70 Jahre nach der Erstveröffentlichung von Pippi Langstrumpf fehlt, ist ein größeres Angebot selbstbewusster, kritischer, ihre eigenen Grenzen austestender Protagonist*innen, die mal hier und mal da anecken dürfen, ohne dass das Ganze als Akt der Rebellion ausgelegt wird, den es zu bestrafen gilt – das Problem sind übrigens nicht die Autor*innen, die nicht in der Lage wären, solche Kinderfiguren zu erfinden, sondern die (großen) Verlage, die sich nicht trauen, Diversität und Anti-Stereotype zu verkaufen. Aber wie soll denn anderes Gedankengut als das immergleiche seinen Weg in die Köpfe finden, wenn es nie im sogenannten Mainstream auftaucht?

Neben Pippi, Karlsson vom Dach, Michel aus Lönneberga, Ronja Räubertochter und anderen witzigen und empowernden Geschichten hat Lindgren mit den Brüdern Löwenherz und Mio, mein Mio zwei der wunderschönsten und tieftraurigsten Kinderbücher of all time geschrieben, die sich nicht davor scheuen, die Themen Verlust und Tod anzusprechen (once again: im Gegensatz zu den meisten der aktuellen Kinderbücher, auch wenn zur Zeit eine steigende Tendenz im Angebot zu verzeichnen ist). Lindgren verhandelt diese Themen, indem sie den Kindern auf Augenhöhe begegnet, ihre Ängste ernstnimmt und ihnen Werkzeuge an die Hand gibt, um mit schwierigen Situationen umzugehen. Ihre Geschichten sind trotz der schweren Thematik aufregend und abenteuerlich, die Protagonisten verarbeiten und überwinden ihre Trauer, indem sie zu Helden werden, also aus ihrer Hilflosigkeit selbstständig herausfinden. Lindgrens Botschaft lautet: Trauer birgt immer auch die Möglichkeit, eines Tages wieder lachen zu können. Aber es ist okay, Angst vor dem Tod zu haben. Sie begreift Kinder als mündige Menschen und hat damit damals wie heute den Erwachsenen etwas Entscheidendes voraus.

Der Film Astrid (den ich zum Zeitpunkt des Erscheinens dieses Artikels noch nicht selbst gesehen habe; dies ist daher keine explizite Empfehlung, sondern ein Hinweis für alle, die sich für Lindgrens Leben interessieren) gewährt einen Einblick in ein Kapitel aus Lindgrens Leben, das sie selbst nie öffentlich thematisiert wissen wollte. Es ist deshalb auch ein wenig zwiespältig zu betrachten, dass es nun doch aufgegriffen und einem breiten Publikum präsentiert wird. Andererseits sind die Aspekte, die der Film anspricht, Lindgren-Fans sicher bereits aus anderen Biografien bekannt. Außerdem greift der Film ein wichtiges Thema auf, das heute noch in vielen Teilen der Welt Alltag ist: die Stigmatisierung von Frauen, die unehelich schwanger werden. In den meisten europäischen Ländern mag sich das seit Astrid Lindgrens Jugend geändert haben, doch so viele Frauen auf dieser Welt haben genau JETZT in diesem Moment keine Rechte und sind in ihrer Situation  ganz allein.

Lindgren hatte mit 18 Jahren während eines Praktikums bei einer Zeitung ein Verhältnis mit ihrem Chef, wurde schwanger, entschied sich gegen eine Heirat und musste anschließend die Stadt verlassen, das Kind woanders bekommen und zu einer Pflegefamilie geben. Unehelich schwanger und das Kind allein aufziehen – das war in den 1920ern undenkbar und skandalös. Den Sohn Lasse holte Lindgren ein paar Jahre später zu sich, als sie mit einem anderen Mann (der Alkoholiker werden und Affären haben sollte) verheiratet und Mutter eines weiteren Kindes war, jedoch haben die Umstände von Lasses Geburt und die Zeit der Trennung von ihrem Kind tiefe Spuren bei der jungen Frau hinterlassen. Es ist kaum vorstellbar, welch innere Stärke Astrid Lindgren gehabt haben muss, um die gesellschaftliche Ächtung zu ertragen, mit dem Trennungsschmerz von ihrem Kind allein fertig zu werden und später an den Bürden, die ihr der Krieg und der Ehemann auflasteten, nicht zu zerbrechen.

Befasst man sich mit Lindgrens Lebensgeschichte, wird man schnell feststellen, dass diese im starken Kontrast steht zu dem Bild, das gern von der Autorin gezeichnet wird: stets so freundlich-heiter und unbeschwert wie die Wohlfühlwelt in ihren Bullerbü-Geschichten. Für diese wird Lindgren gern mal kritisiert, weil sie einen geschützten, beinahe paradiesischen Raum entwerfen, in dem die Kinder nichts auszustehen haben. Doch mitnichten steht hinter diesen Geschichten eine Frau, die an Realitätsverlust leidet. Vielmehr ist Bullerbü der Gegenentwurf zu der harten, grausamen Welt, die Lindgren während des zweiten Weltkrieges beobachten musste. Bullerbü entstand aus Lindgrens Wunsch heraus, dass jedes Kind in Geborgenheit und Freiheit aufwachsen kann. 1978 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet, sprach sich die Autorin Zeit ihres Lebens für eine gewaltfreie Erziehung aus. Nicht immer zur Freude aller anderen, so wurde ihr doch tatsächlich nahegelegt, diese Ansicht in ihrer Rede bei der Preisverleihung nicht zu erwähnen, um die westdeutsche Gesellschaft nicht vor den Kopf zustoßen, für die noch die körperliche Züchtigung das Mittel der Wahl bei der Kindererziehung war. Zum Glück hat Astrid Lindgren zuweilen gleichermaßen auf Vorgaben gepfiffen wie Pippi und Ronja.

Oh! Heute hat der Krieg begonnen. Niemand wollte es glauben.

Tagebuch, 1939

So beginnt das erste der Tagebücher, in denen Astrid Lindgren von 1939 bis 1945 das für sie unbegreifliche Geschehen in Europa kommentierte. Der Ullstein Verlag hat diese Tagebücher 2015 in deutscher Übersetzung herausgebracht, die ich hiermit zum Anlass des Filmstarts allen empfehle, die sich über die frühen Jahre hinaus mit Astrid Lindgren beschäftigen möchten.

Die Tagebücher ermöglichen den Blick auf Astrid Lindgren als politisch interessierte, empathische und überaus kluge Frau, deren lebenslanges Engagement für den Frieden während dieser Kriegsjahre erwachte. Lindgren zeigt sich hier als scharfsinnige Chronistin, aber auch als Mutter, Ehefrau und Schriftstellerin.

Schweden war während des zweiten Weltkriegs aufgrund seiner Neutralität ein relativ geschütztes Areal, eine kleine Insel inmitten des stürmischen Europas. Doch Lindgren ruhte sich keineswegs auf dieser Sicherheit aus. Die Ereignisse in anderen europäischen Ländern, die der Kriegsgewalt und dem Vormarsch der Nationalsozialisten zum Opfer fielen, erschütterten sie sehr. Vor allem auf die skandinavischen Nachbarländer Norwegen und Finnland blickte sie stets mit großer Sorge darüber, dass Schweden früher oder später doch in den Krieg involviert werden würde. Großes Entsetzen über Deutschland spricht aus Lindgrens Aufzeichnungen, die Tagebücher sind ihr Versuch, gegen die Ohnmacht anzuschreiben.

Deutschland gleicht einer bösartigen Bestie, die in regelmäßigen Abständen aus ihrer Höhle hervorgestürzt kommt, um über ein neues Opfer herzufallen. Mit einem Volk, das im Abstand von etwa 20 Jahren so gut wie die ganze übrige Menschheit gegen sich aufbringt, kann etwas nicht stimmen.

Tagebuch, 1940

Zu dieser Zeit war Lindgren noch keine veröffentlichte Schriftstellerin, doch ihr Talent zum Schreiben offenbart sich bereits in diesen Tagebüchern. Wie auch später in ihren Geschichten schlägt sie einen direkten Ton an, der jedoch eines gewissen Humors nicht entbehrt, voll Melancholie einerseits und trockener Ironie andererseits.

Obwohl sich die Tagebücher auf den Krieg fokussieren und Lindgren sparsam mit Details aus ihrem Privatleben umgeht, lässt sich doch an manchenStellen etwas über die familiäre Situation und Lindgrens Innenleben herauslesen. Nachdenklich und in sich gekehrt wirkt sie oft angesichts der Gräuel des Krieges, macht sich Sorgen über die Zukunft ihrer Kinder und deutet die Schwierigkeiten ihrer Ehe an.

Die Ambivalenz zwischen dem Leben in Schweden, das einigermaßen normal weitergeht, sieht man mal von den Lebensmittelrationierungen ab, und dem Töten und Sterben im restlichen Europa wird ganz besonders deutlich, wenn Lindgren von Alltagsdingen berichtet. Vom Wechsel der Jahreszeiten, dem Begehen von Feiertagen, von Ausflügen in die Natur und heiteren Abenden mit Freunden. Lindgren kommentiert diese Einträge jedoch stets mit großer Wehmut und dem Bewusstsein über ihre relativ glückliche Situation. Statt sich in die vermeintliche Sicherheit des Privaten zurückzuziehen, wird Lindgren es nicht müde, den Blick auf den Rest Europas zu richten, sich mit dem Geschehen zu konfrontieren. In ihren Tagebüchern sammelt sie Zeitungsartikel, Lebensmittelrationierungsmarken und Abschriften von Briefen aus der Zeit, als sie für den schwedischen Geheimdienst in der Abteilung für Briefzensur der Postkontrollanstalt arbeitete. Dort war es ihre Aufgabe, die Briefe auf landeskritische Inhalte zu prüfen. Diese Briefe bewegten Lindgren stets sehr. So sehr, dass sie sie verbotenerweise abgeschrieben hat. Sie ermöglichten ihr den Blick über den schwedischen Tellerrand, gaben ihr Informationen, die sie aus der Presse nicht bekam. Einblicke in Einzelschicksale waren das, die für sie den Tod abertausender Menschen greifbarer machten. Im Anhang an das Tagebuch eines jeden Jahres finden sich in der Ullstein-Ausgabe einige Abbildungen der Originaltagebuchseiten mit diesen von Lindgren gesammelten Quellen.

Astrid Lindgrens Kinderbücher vermitteln Wärme, Liebe, Toleranz, Gemeinschaftssinn, Selbstbewusstsein, die Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen und einen kritischen Blick auf die Welt zu entwickeln. Sie sind witzig und klug, heimelig und idyllisch, ohne jedoch den Sinn für die Realität zu trüben. Ihre Tagebücher zeigen darüber hinaus eine Frau, deren Stärke, Willenskraft und geistige Freiheit dazu motiviert, eine ebenso starke Persönlichkeit zu werden, die einen wachsamen Blick auf die (politischen) Vorgänge ihrer Zeit hat und die sich nicht scheut, ihre Meinung zu sagen. Astrid Lindgren ist weit über ihren Tod im Jahr 2002 hinaus Vorbild und Inspiration. Für Kinder, aber auch und vor allem für uns Erwachsene. Deshalb werde ich es nicht müde, sie zu feiern. Danke, Astrid.

Astrid Lindgren. Die Menschheit hat den Verstand verloren. Tagebücher 1939-1945. Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch und Gabriele Haefs. Ullstein Verlag, 2015.

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