Eine Challenge für Herz und Hirn. Amanda Berriman. home

In Amanda Berrimans Roman home geht es um Kinderarmut. Darum, wie krass weit unten man sein kann, während rundherum die Wohlstandsgesellschaft sich den Wanst hält und rülpst. Es geht um eine überforderte, alleinerziehende Mutter, die ihre beiden Kinder über alles liebt, die aber oft nicht weiter weiß und dann nur noch harte Worte oder Handgreiflichkeiten als Lösungen sieht. Es geht um Einsamkeit, soziale Isolation, Hilflosigkeit. Und es geht auch um Kindesmissbrauch im privaten Umfeld.

Harte Themen, harter Tobak. Ist das zu viel für einen Roman?

Jein. Es kann sicher schnell zu viel sein für knapp 350 Seiten. Oft entscheidet bei der Literatur die Form über das „zu viel“ oder „nicht zu viel“. Amanda Berriman hat die Verarbeitung dieser Themen stilistisch mit einem einfachen „Trick“ ziemlich gut gelöst. Sie lässt die Leser*innen die Handlung durch die Augen der vierjährigen Jesika erleben.

Jesika wohnt mit ihrer Mama und ihrem Babybruder Tobi in einer ziemlich ranzigen Mietwohnung. Dort funktioniert eigentlich nichts. Nicht der Heizungsboiler, nicht die Dichtung der Fenster. Deshalb sind Tobi und Mama dauerkrank und husten in einem fort. Mama ist immer sehr gestresst, vor allem, weil der Vermieter ständig vor der Tür steht und Geld sehen will und weil ebendieses immer knapp ist. Wären da nicht die tollen Menschen im Waschsalon und im Lebensmittelladen, die immer wieder mal mit Worten oder kleinen Gaben für Aufmunterung sorgen, Jesikas Mama wäre sicher schon lange durchgedreht. Manchmal ist sie so neben der Spur, dass sie Termine verpasst – vor allem  die beim Arzt. Und sie bringt Jesika grundsätzlich zu spät in die Vorschulgruppe, sodass es dort regelmäßig strenge Ansagen von den Erzieherinnen hagelt. Freunde hat Jesika in der Vorgruppe nicht so richtig, bis eines Tages ein neues Mädchen namens Paige auftaucht. Die ist sehr verschlossenund reagiert auf Jesikas Annäherungsversuche erstmal mit Ablehnung. Doch als sich herausstellt, dass Paiges Mama früher die beste Freundin von Jesikas Mama war, steht den gemeinsamen Playdates bei Paige zuhause (ein riesiges Haus, bei dessen Anblick Jesika nur staunen kann) nichts mehr im Wege. Jesika erfährt, dass Paige vor kurzem ihren Papa verloren hat und sich deshalb oft so seltsam verhält: im einen Moment reserviert, im nächsten aggressiv und dann plötzlich überschwänglich anhänglich. Paiges Onkel Ryan passt oft auf sie auf, wenn ihre Mama arbeiten geht. Schnell merkt Jesika, dass Paige auf ihren Onkel immer sehr abweisend reagiert, fast schon so, als hätte sie Angst vor ihm, dabei ist der doch so nett und schenkt den Mädchen Süßigkeiten und alles. Als ihre Mama und Tobi eines Nachts mit dem Krankenwagen abgeholt werden müssen, weil Tobi kaum noch Luft bekommt, muss für Jesika eine schnelle Interimslösung gefunden werden. Und natürlich bietet sich der nette Onkel Ryan sofort an. Doch neulich hat Paige Jesika erzählt, dass der Onkel ihr immer wehtut und jetzt ist sich Jesika auch nicht mehr so sicher, ob sie bei ihm wohnen möchte.

Kinderperspektiven in Erwachsenenromanen halte ich grundsätzlich für schwierig. Es ist eine Kunst, sie so darzustellen, dass sie glaubhaft und nicht überzogen wirken. Selbst in Kinderbüchern passiert es den ja in Kinderperspektiven sehr geübten Autoren oft, dass die Kinder zu erwachsen denken oder handeln. Das versaut natürlich die Authentizität der Figur.
Auch die Erzählperspektive in home ist für die Leser*innen stellenweise fordernd. Es dauert ein paar Seiten, bis man sich eingelesen und darauf eingelassen hat. Berriman lässt Jesika reden, wie eine Vierjährige eben redet. Mit grammatischen Fehlern und Wörtern, die sie falsch verstanden hat oder noch nicht richtig aussprechen kann (meine Favoriten: hopsipal, chesty fecshon, nunny thickle shitebag – wer errät, wie diese Wörter richtig heißen, bekommt einen Keks!). Das hat einen gewissen Charme,natürlich. Und es macht das, was unerlässlich ist, um mit einer Romanfigur mitgehen zu können: es erzeugt Empathie in den Leser*innenherzen. Und Jesika kann man einfach nicht nicht mögen. Sie ist clever, vorlaut und hat ein riesengroßes, sensibles Herz. Das Lesen ist durch die Erzählerstimme aber auch mindestens genauso anstrengend, wie sich stundenlang mit einer Vierjährigen zu unterhalten. Ich zumindest habe immer mal wieder Pausen gebraucht. Doch auch das könnte man Berriman als gekonnten Move auslegen, denn wenn es nicht die Sprache tun würde, spätestens die Heftigkeit der Themen würde uns in die Knie zwingen. Wer von der Erzählstimme nicht ab und an eine Pause braucht, wird sie sich nehmen müssen, um die Handlung zu verarbeiten.

Was so eine Erzählperspektive natürlich macht: Sie schafft eine extreme Fallhöhe zwischen dem kindlichen, naiven Plauderton von Jesika und der Grausamkeit der Lebensrealitäten, von denen da erzählt wird. Wir erleben die Handlung durch Jesikas Kinderfilter, fühlen ihre kindlichen Ängste und Sorgen mit (Wird Mama mich verlassen, wenn ich nicht brav bin? Kriege ich Ärger, wenn ich dies und jenes mache? Bin ich am Weltuntergang schuld, wenn ich mir noch einen Keks nehme, ohne zu fragen?), lernen enorm viel über kindliche Logik und schnappen hier und da Gesprächsfetzen der Erwachsenen auf, die sie nicht einordnen kann oder gar nicht näher beachtet. Wir allerdings können diese Gesprächsfetzen sehr wohl einordnen. Und so setzt sich im Leser*innenhirn nach und nach das Bild zusammen, das sich für Jesika aufgrund ihres Alters noch nicht erschließt. Spätestens nach der Hälfte des Buches haben wir furchtbare Dinge erfahren, die wir sofort jemandem melden möchten, doch wir können nichts anderes tun, als mit Jesika von Tag zu Tag und von Situation zu Situation zu stolpern und mitzuerleben, wie sie zwar immer wieder dazu ansetzt, ihre Gedanken mit jemandem zu teilen, sie sich aber einfach noch nicht so artikulieren kann, dass es für die Mitmenschen Sinn ergibt. Das ist zermürbend, zerrt an den Nerven.

Home ist spannend, aber nicht so wie ein Krimi spannend ist. Es rührt an unser Innerstes, tut stellenweise richtig weh. Bücher wie dieses gehen einem noch eine Weile nach. Aber sie sensibiliseren vielleicht auch für die großen Themen, die hier angerissen werden. Für die Armut, die manchmal mitten unter uns stattfindet. Für Gewalt an Kindern, die ebenfalls oft inmitten einer Gemeinschaft passiert, die eigentlich wachsam sein müsste und dann doch die kleinen Anzeichen nicht richtig deuten kann. Man möchte es zumindest hoffen.

Amanda Berriman. home. Erschienen 2018 bei Doubleday. Leider gibt es noch keine deutsche Übersetzung.




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