Über Wunden. Jovana Reisinger. Still halten

Wenn man eine Krankheit im Kopf hat, glaubt einem das keiner, da kann man das auch gleich bleiben lassen, das mit dem Erzählen. Geschichten erzählen sollte man nur, wenn man die Geschichten erzählen kann. Mein Körper kann die Geschichten nur erzählen, wenn er Wunden hat, denn dann spricht er für sich, ohne dass ich mich anstrengen muss. Wunden habe ich aber selten bekommen.

Ich habe eine Depression. Vor ein paar Jahren hätte dieser Satz, hinein gesprochen in einen Raum voller Verwandter, Bekannter, Freunde oder hineingeschrieben in den digitalen Raum der Halböffentlichkeit von social media, wohl noch Entsetzen ausgelöst. Irritiertes Schweigen. Abwenden. (schlimm für die Betroffenen!) Abwinken (noch schlimmer!). Heute wäre die Antwort vermutlich eher: kollektives Schulterzucken, und alle so im Chor: „Ich auch“.

Derzeit scheint es, als würde das Thema Depression endlich etwas von seiner Stigmatisierung verlieren, immer mehr Menschen tauschen sich in den sozialen Medien über ihre Krankheit aus, posten auf ihrem ästhetisch sehr ansprechenden Instagramfeed Fotos aus der psychosomatischen Klinik, teilen ihre Sorgen, ihre Ängste, ihre dunklen Gedanken. Die Depression ist fast schon en vogue dieser Tage.

Man sagt: Die Depression ist eine Volkskrankheit. Das klingt ja erstmal ein bisschen so wie Volksfest. Wir alle leiden zusammen. Gemeinsam weinen, gemeinsam schweigen, gemeinsam lachen. Yeah, und jetzt die Luftballons! So ist es aber nicht. Eine Depression ist nicht gleich eine Depression. Die Symptome sind immer verschieden. Ich würde sogar behaupten, keine zwei Depressionen gleichen sich vollkommen. Einerseits  ist die Instagramtauglichkeit der Depression gut, weil die Sichtbarkeit der Krankheit auch das Bewusstsein dafür schärft, wieviele Menschen tatsächlich davon betroffen sind (in Zahlen: laut der deutschen Depressionshilfe erkranken pro Jahr 5,3 Millionen (!!) der erwachsenen Deutschen an einer Depression). Andererseits verzerrt es aber natürlich auch das Bild und die Vorstellung davon, was eine Depression eigentlich ist. Nicht alle können ihre Gefühle offen kommunizieren. Nicht jeder*m hilft es, damit so sichtbar (und somit noch verletzlicher) zu sein. Und vor allem fehlt in diesen Kontexten leider auch noch das Bewusstsein dafür, wie verzweifelt Depressive oft sind. Und was für Folgen eine unbehandelte oder nicht ausreichend behandelte Depression haben kann. Mit diesen setzt sich der Roman Still halten von Jovana Reisinger auseinander.

Die Buchindustrie hat, klug und analytisch wie sie ist, erkannt, wieviele Menschen das Bedürfnis haben, sich mit dem Thema zu befassen. Sei es, weil sie selbst betroffen sind oder jemand, der ihnen nahe steht. Viele dieser Bücher lesen sich überraschend heiter und ironisch-flapsig, der Unterhaltungswert ist groß, die Verharmlosung des Sujets aber teilweise auch. Sie bemühen sich darum, die Leser*innen irgendwo abzuholen, wie man so schön sagt. Wenn man sich die Depression einfach mit humoriger Lektüre weglesen könnte, wäre man mit der Konsultation der verfügbaren Titel sicher gut beraten. Sich da durchzulesen geht auf jeden Fall schneller, als in Deutschland einen ambulanten Therapieplatz zu bekommen. Just saying.

Der Ansatz, sich mit seiner Krankheit auf eine humoristische Weise auseinanderzusetzen, ist sicher berechtigt. Ich sehe darin allerdings die Gefahr, dass Leser*innen, die noch nie mit Depressionen in Kontakt gekommen sind, denken mögen: also, wenn der/die noch Witze machen kann, kann es ihm/ihr ja nicht so schlecht gehen! Auch wenn im Witz oft die größte Tragik liegt, nicht alle Menschen haben die Feinfühligkeit, dies zu erkennen. Und dann ist der Erfolg der augenzwinkernden Depressionsbücher sicher auch darauf zurückzuführen, dass wir, weil wir uns ja mit ernsten Sachen nicht so gern konfrontieren möchten, lieber die Humor-Schiene wählen. Dann tut es nicht ganz so doll weh. Dagegen ist nichts zu sagen (immerhin findet eine Auseinandersetzung statt, das ist besser als nichts), außer: wer sich wirklich mal hineinversetzen möchte in diese Erkrankung, kommt nicht am Schmerz vorbei.

Jovana Reisingers Roman Still halten verlangt seinen Leser*innen einiges ab. Der Text biedert sich nicht an. Er holt niemanden ab. Wenn man mitgehen möchte, muss man aufspringen und sich ordentlich dranklammern. Das Sympathielevel der namenlosen Protagonistin scheint erstmal nicht sehr hoch. Sie ist unnahbar, erscheint gefühlskalt und abgebrüht. Was sich aber recht schnell erschließt: diese junge Frau leidet. Und sie kommt an ihre eigenen Gefühle nicht heran. Deshalb kommentiert sie das Geschehen um sich herum und auch sich selbst immer wieder ironisch, zynisch gar. Sie hält sich bewusst auf Distanz zu anderen Menschen. Denn sie weiß: die können mich verletzen. Sie haben es schon so oft getan.

Also spricht sie über ihre Eltern und sogar über den eigenen Ehemann, als wären sie bloß random people,mit denen sie gar nicht viel zu tun hat. Eigenwillig ist der Erzählstil, deshalb aber auch sehr besonders und interessant. Wer Bücher mag, die sich nicht nur auf der Handlungsebene, sondern auch auf der Ebene der Sprache etwas trauen, wird hier Grund zur Freude haben. Die Ich-Erzählerin springt nämlich zwischen der Ich-Perspektive und der 3. Person hin und her, sie ist quasi ihre eigene Kommentatorin, geht auf Abstand zu sich selbst, wenn sie die Situation nicht mehr erträgt. Deutlich wird aber auch, dass sie verdammt einsam ist. Obwohl umgeben von diversen Personen, begreift niemand wirklich, in welche Isolation die Frau abdriftet. Und wie gefährlich das ist.

Auf der Handlungsebene geschieht dies: die junge Frau ist depressiv und ausgebrannt. Sie wird krankgeschrieben und mit Medikamenten ausgestattet (anstatt Therapie, das macht man heute so, weil die Therapeuten monatelange Wartelisten haben und die meisten Depressiven keine Kraft, die Anstrengungen, die die Therapeutensuche bedeutet, auf sich zu nehmen). Sie ist seit ihrer Kindheit traumatisiert vom Tod des Vaters. Er hat sich erhängt. Über das Begräbnis kann sie nur ironisch-distanziert berichten, zu groß ist der Schmerz, zu groß die Last, die sie zu tragen hat. Das Verhältnis zur Mutter ist extrem distanziert, da diese nach dem Selbstmord des Vaters selbst in eine Depression fiel und für die Tochter nicht mehr greifbar war, sie höchstens schikaniert hat. Als der unheilvolle Anruf aus dem Krankenhaus kommt, in dem die Mutter mit Lungenentzündung liegt, zögert die Protagonistin ihren Besuch bei der Mutter heraus, bis der Anruf kommt, dass diese gestorben ist. Die Protagonistin erbt das Haus am Waldrand in der österreichischen Provinz, zieht dort ein und beginnt einen erbitterten Kampf gegen die sie umgebende Natur (soll heißen: sie knallt zum Beispiel alle Vögel mit dem Gewehr des Vaters ab). Ein Kampf, der sich eigentlich gegen den Schmerz und den Verlust richtet, Ausdruck ihrer Wut gegen die Eltern ist, aber es ist ja niemand mehr übrig, an dem sie sich abarbeiten könnte, außer eben der Wald (in dem sich der Vater erhängt hat) und die Tiere darin. Symbolträchtig ist das, grausam auch.

 Still halten ist Reisingers Versuch, eine Depression zu verschriftlichen. Das in Worte zu fassen, das eigentlich gar nicht sagbar ist. Der innere Kampf des depressiven Indivuums gegen sich selbst. Der emotionale und geistige Verfall. Die absoluten Tiefs, die manischen Hochs. Ihre Erzählweise ist dabei sehr szenisch, sehr unmittelbar –hier macht sich der Background der Autorin bemerkbar, die als Filmemacherin bereits diverse Kurzfilme produzierte. Mit Still halten ist ihr ein Romandebüt gelungen, das sich dem Leser nicht in die Arme wirft, aber wer bereit ist für eine Umarmung, dem wird es sich hingeben. Schmerzvoll zwar, aber nicht ohne Erkenntnis. Oft wollen depressive Menschen gar nicht mehr, als gehalten zu werden. Still. Nur für ein paar Minuten.

Ein Dank geht raus an den Verbrecher Verlag, der mir auf Nachfrage dieses Buch als Rezensionsexemplar gestellt hat.

Jovana Reisinger. Still halten. Erschienen 2017 im Verbrecher Verlag.


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