Marmeladenglasmomente. Heike Faller. Hundert. Was du im Leben lernen wirst

Weißt du noch, was du mit 7 Monaten gelernt hast? Was mit 7 Jahren, mit 17, mit 27, mit 37, mit 47, mit 57, mit 67, mit 77, mit 87, mit 97? Welche der vielen tausend Erfahrungen, die du in deinem Leben schon gemacht hast, haben dich so sehr geprägt, dass du sie jetzt aufgezählt hast?

Die Journalistin Heike Faller hat mit Menschen verschiedener Generationen darüber gesprochen, was sie wann im Leben gelernt haben. Oder nicht gelernt haben. Aus diesen Gesprächen ist das Buch Hundert. Was du im Leben lernen wirst entstanden. Es bildet also nicht nur ein einziges ganzes, chronologisch zu lesendes Leben ab, sondern ergibt einen Querschnitt, mit dem man sich an beliebig vielen Stellen identifizieren darf, aber nicht überall muss. Und wenn du etwas, das im Buch dem Alter 8 zugeordnet ist, erst mit 60 gelernt hast – so what.

14: Du lernst, so zu sein wie alle (und dass es dir nicht immer gelingt).

Fallers Buch ist ein Album voller Lebensweisheiten und gleichzeitig ein Bilderbuch ohne Altersbeschränkung. Auf jeder Doppelseite werden einem Lebensjahr zwischen 0 und 100 ein Ereignis bzw. ein Learning und eine Illustration zugeordnet.

Hundert ist eins dieser Bücher, das man gern stundenlang einfach in der Hand hält, es hin und herwiegt, gedankenversunken irgendwo aufblättert; eins dieser Bücher, das entschleunigt, weil es solch ein Kleinod ist, dass es wie Frevel erscheint, sich nicht länger als fünf Minuten damit auseinanderzusetzen; es ist eins dieser Bücher, das man immer wieder verschenkt an Leute, von denen man weiß, dass sie es auch gern stundenlang einfach in der Hand halten werden.

Hundert ist keine fette To-Do-Liste, die vorgibt, was man bitte dann und dann alles erreicht haben soll. Vielmehr ist es eine Einladung zum sich erinnern und sich selbstbefragen: Wie war das bei mir? Welche dieser Dinge habe ich schon gelernt, welche noch nicht und was würde ich in meinem Leben gern noch lernen?

34: Du bist jetzt erwachsen.

Die Bandbreite der Erfahrungen reichen von heiter-selbstironisch über einschneidend bis hin zu philosophisch – und stetsgeht es bei ihnen darum, wie wir die Welt und uns selbst darin in verschiedenen Phasen unseres Lebens wahrnehmen. Worauf legen wir wann einen Fokus und warum? Daraus ergibt sich beim Durchblättern auch die Frage: Was ist mir gar nicht wichtig? Es geht um Erfahrungen hinsichtlich der großen Themen des Lebens: Liebe, Tod, Willkommen und Abschied. Um Schule, Studium, Ausbildung und Arbeit hingegen geht es so gut wie gar nicht, was ich sehr angenehm und sehr bemerkenswert finde. Dass ausgerechnet ein Buch aus dem Querschnitt von Lebensgeschichten einer Leistungsgesellschaft die Arbeit und eben die Leistungen bei der Aufzählung der wichtigen persönlichen Errungenschaften einer Lebenszeit außen vor lässt, tut der Leserseele richtig gut.

94: Und jedes Jahr, wenn du die leeren Brombeermarmeladengläser in den Keller bringst, denkst du: Wer weiß, ob du sie noch brauchst?

Stattdessen geht es um Marmeladenglasmomente. Oder besser gesagt, um Brombeermarmeladengläser, die sich wie ein roter Faden durch dieses Querschnitts-Leben ziehen. Anfangs bekommst du die eingekochte Marmelade von zuhause mitgegeben, wenn du fährst. Irgendwann lernst du, sie selbst zu kochen und gibst sie anderen mit, die fahren. Und noch ein bisschen später weißt du nicht, ob es sich noch lohnt, weiterhin Marmelade einzukochen, ob du sie im nächsten Jahr noch selbst aus dem Keller holen wirst, um sie denen mitzugeben, die nach ihrem Besuch wieder fahren. Und du kochst weiter Marmelade ein. Hach. Seufz. Das ist so schön, weil natürlich so symbolisch, so übertragbar auf die ganz eigene Brombeermarmeladensituation.

10: Aber du lernst auch, dass die Menschen einen Ort namens Auschwitz erfunden haben.

Schön ist wahrlich auch die sehr reduzierte Gestaltung des Buches. Sie gibt dem Text den Raum, den er braucht, um seine Wirkung zu entfalten. Oft steht auf einer ansonsten leeren, weißen Seite nicht mehr als das jeweilige Lebensalter und ein kurzer Satz. Da mögen sich manche Leser*innen vielleicht aufregen, dass sie mehr für ihr Geld erwarten – andere wiederum erkennen hoffentlich den großen Zauber einer Weißfläche und das Potenzial, das sie dem eigenen Verstand bietet.

70: Wie wenig du selbst weißt, ob dir etwas gefällt, weißt du manchmal erst, wenn du es tust.

 Die Illustrationen von Valerio Vidali überzeugen durch ihre Einfachheit. Sie unterstreichen die Aussagen des Textes, ohne von ihm abzulenken. Trotzdem sind sie auf ihre eigene Art spielerisch, kindlich-naiv fast, und erzeugen durch ihren geringen Detailgrad keineswegs eine Distanz zu den Betrachter*innen, sondern lösen genau das Gegenteil aus. Die warmen, gedeckten Farben verstärken den Eindruck noch, dass diese Figuren uns alle symbolisieren. Ein Queerschnitt eben. Toll auch, dass es Menschen verschiedener Hautfarben zu sehen gibt.

16: Aber erst lernst du zu küssen. 

Die Autorin rät dazu, dieses Buch nicht alleine, sondern mit Menschen, die älter sind als man selbst, anzusehen. Für die Bereicherung am Erfahrungsschatz der älteren Generationen. Ich rate dazu, sich dieses Buch mit Menschen anzuschauen, die jünger sind als man selbst. Mit Kindern unbedingt. Und das ist dann sicher auch so ein Moment fürs ganz persönliche Marmeladenglas.

Heike Faller & Valerio Vidali. Hundert. Was du im Leben lernen wirst. Erschienen erstmalig im März 2018 bei Kein & Aber.

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