Wie Frauen leben. Julia Zejn: Drei Wege

Drei junge Frauen. Drei Jahreszahlen. Drei (Lebens-)wege.

Ida, die 1918 als Hausmädchen in die Familie eines im Krieg verwundeten Feldarztes kommt, um die Mutter dreier Söhne zu unterstützen, solange ihr Mann im Krankenhaus liegt.

Die stille, introvertierte Marlies, die 1968 am liebsten in ihrem Zimmer auf dem Bett liegt, die Beatles hört und Bücher liest und unter dem ständigen Vergleich mit der älteren Schwester Jutta leidet, die bereits verheiratet ist und ein Kind erwartet.

Selin, die 2018 gerade ihr Abitur bestanden hat und nun völlig planlos in der Luft hängt, während ihre beste Freundin sich auf ein Studium in Amerika vorbereitet und ihre Mutter als Foodbloggerin durchstartet.

Drei Wege von Julia Zejn ist eine Graphic Novel, die Ausschnitte aus den Leben drei junger Frauen zeigt, die erstmal nicht viel miteinander zu tun zu haben scheinen. Wie auch – sie leben in zeitlichen Abständen von jeweils 50 Jahren.

Natürlich haben die Geschichten beim näheren Hinsehen doch etwas miteinander zu tun (und sind auf eine wirklich nette Art und Weise miteinander verwoben – nicht mit dem Hammer, sondern mit sanfter Hand, so wie es das Schicksal vermutlich tatsächlich selbst machen würde, wenn es nicht ständig damit beschäftigt wäre, anderen Leuten das Leben zu vermiesen). Sie handeln davon, wie unterschiedlich die Möglichkeiten und Handlungsspielräume der drei Frauen sind, und zeigen auf, wie viel Einfluss die politischen und gesellschaftlichen Kontexte auf deren Lebenswege nehmen.

Für Ida im Jahr 1918 sind die Grenzen der Welt sehr eng gesteckt. Sie wird ihren sozialen Stand voraussichtlich nie verlassen können. Ihre Träume für die Zukunft bestehen daraus, ihren Verlobten zu heiraten und Kinder mit ihm zu bekommen – sollte er jemals vom Einsatz an der Front zurückkehren. Berufliche Aussichten hat sie keine. Während des Krieges arbeitet sie als Hausmädchen, danach wird sie Hausfrau und Mutter. Ida käme nie auf die Idee, diese Umstände anzuzweifeln. Demütig fügt sie sich der Tatsache, dass sie völlig den Launen ihrer Arbeitgeber ausgeliefert ist und deren Anweisungen Folge zu leisten hat. Mit der Frau des Hauses hat sie Glück, denn diese ist sehr nett zu ihr und ermutigt sie sogar dazu, etwas mehr von sich preis zu geben und am Familienleben teilzunehmen. Als jedoch der Vater der Familie aus dem Krankenhaus entlassen wird und nach Hause kommt, herrscht ein anderer, rauer Umgangston. Für ihn, der in völliger Überzeugung alte Rollenbilder lebt und sein faschistisches Gedankengut durch die Wohnung und in die Gehörgänge seiner Söhne schmettert, ist sie nur die Bedienstete, hat zu gehorchen und sich persönlich völlig zurückzunehmen. Der Krieg ist allgegenwärtig in Idas Leben – er hat ihr schon den Bruder genommen und greift mit seiner kalten Todeshand nach ihrem Verlobten; die Menschen, die sie beim Einkaufen auf der Straße trifft, leiden Hunger und klagen Familien wie die ihrer Arbeitgeber an, selbstsüchtig zu sein und einen Krieg zu feiern, der so viel Leid über den Großteil der Gesellschaft bringt.

Marlies lebt in einer Zeit, in der die Rechte und Chancen von Frauen gerade völlig neu ausgelotet werden. Sie steht zwischen den Modellen – auf der einen Seite das konservative ihrer Arbeiterklasse-Eltern, bei denen der Mann das Geld nach Hause bringt und die Frau sich um den Haushalt und die Kindererziehung zu kümmern hat und auf der anderen das ihres neuen Freundes Wolfang, der ein Mitglied des SDS ist, des sozialistischen deutschen Studentenbundes, aus dem heraus sich immerhin die neue Frauenbewegung begründete, die später in den 70er Jahren beispielsweise bei der Abtreibungsdebatte richtig auf den Plan treten sollte. Marlies wird sich zwar gegen ihre Eltern durchsetzen müssen, wenn sie ihrem Traum, Buchhändlerin zu werden, nachgehen möchte, aber sie hat die Möglichkeit, sich zu entscheiden. Es ist ihr als Frau möglich, eine Berufsausbildung zu machen und zu arbeiten.

Selin sieht sich zwar im Jahr 2018 in Deutschland noch mit Problemen wie der ungleichen Bezahlung von Frauen und Männern konfrontiert, doch stehen ihr wohl so gut wie alle Türen in die Welt offen. Das wiederum ist ihr großes Problem. So wie Selin geht es wohl vielen Kindern der sogenannten Generation Z. Sie sind die Digital Natives, nie ohne ihr Smartphone anzutreffen, mit dem Blick über den eigenen Tellerrand bis in die entlegensten Winkel der Welt sozialisiert. Und aufgrund der schieren Fülle an Möglichkeiten auch grenzenlos überfordert damit, sich zu entscheiden, wohin es mit dem eigenen Leben gehen soll. Oder aufgrund der permanent verfügbaren digitalen Ablenkung überhaupt nicht bewusst darüber, wo die eigenen Interessen und Stärken liegen. In Selins Geschichte spielen die politischen Umstände eigentlich keine Rolle, was wohl auch abbildet, wie es heute für viele Menschen tatsächlich ist: Politik & Weltgeschehen gehen die Einzelnen nur dann etwas an, wenn es es deren Leben direkt betrifft.

Der Illustrationsstil von Julia Zeijn mutet skizzenhaft und flüchtig an und unterstreicht die Aspekte der Ausschnitthaftigkeit und des Verstreichens der Zeit. Drei Wege verdichtet und verknappt drei weibliche Lebensrealitäten, die beispielhaft für so viele andere stehen können, und führt damit den Leser*innen vor Augen, wie viel sich innerhalb von 50 Jahren in Gesellschaft und Politik verändern kann – und wirft damit auch die Frage über das Buch hinaus auf, wo wir in weiteren 50 Jahren stehen werden.

Ob die Frauen in der Zukunft wohl endlich mal genauso viel für gleiche Leistung verdienen wie Männer? Man hofft es sehr, befürchtet aber auch, dass sich die Menschheit zwar innerhalb von 50 Jahren vom Schwarz-weiß-Fernsehen zu Full HD entwickeln kann, aber eine gleichberechtigte Behandlung der Geschlechter auf dem Arbeitsmarkt und eine vollständige Überwindung jeglichen Seximus wird ihre Kompetenzen vermutlich leider übersteigen. Es sei denn, die Spezies der alten, weißen Männer stirbt überraschend aus und macht Platz für Frauen in den Führungsebenen, Konferenzsälen und Parlamenten, in denen die wichtigen Dinge diskutiert und entschieden werden. 

Ich danke dem avant-verlag für das Bereitstellen dieses Rezensionsexemplares.

Julia Zejn: Drei Wege. Erschienen 2018 im avant-verlag.

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