Wann ist ein Mann ein Mann? Barbara Franck. Der UnGeliebte. Gespräche mit frustrierten Männern

Männliche Interviewpartner gesucht, die mit ihrer Beziehung unzufrieden sind, weil sie von ihrer Freundin auf Distanz gehalten werden – aus welchem Grund auch immer. Die sich untergebuttert oder anhängig fühlen, gern mehr an Liebe, Nähe, Sex, Verbindlichkeit etc. hätten, als sie kriegen, und sich ev. als Emanzipationsopfer fühlen…

So lautete die Anzeige, die die Journalistin Barbara Franck 1984 in den Zeitungen Hamburger Rundschau und Szene schaltete. Es ergaben sich darauffolgend 25 Gespräche mit Männern aus der BRD zwischen 20 und 50 Jahren, die aus verschiedenen sozialen Schichten stammten und unterschiedlichen Berufen nachgingen. Für den gesellschaftlichen Querschnitt und so. 14 dieser Interviews wurden in Francks Buch Der UnGeliebte. Gespräche mit frustrierten Männern abgedruckt und sollten den männlichen Leidensdruck auf die fortschreitende Emanzipation der Frauen in den 80er Jahren in Deutschland dokumentieren. Und nein, das ist kein Scherz.

Das Buch ist heute nur noch gebraucht oder in den Beständen von Bibliotheken erhältlich. Oder es fällt einem mit etwas Glück in einem öffentlichen Bücherschrank in die Hände. Sollte man es auftreiben können, lohnt die Lektüre allemal – es ist ein Zeitzeugnis, dokumentiert es doch einen tiefgreifenden Wandel im Geschlechter- und Rollenverständnis in heterosexuellen Beziehungen.

Die Interviews sind auf eine Art sehr komisch, so komisch eben, wie in Umgangssprache abgefasste Gespräche, bei denen auch mal die Emotionen hochkochen, sein können. Man kann oft nicht umhin, abwechselnd den Kopf ungläubig zu schütteln und kleine Töne der Verzückung von sich zu geben, wenn Jürgen, Uwe, Hans und Co. sich die feuchten Augen wischen und tief erschüttert davon berichten, wie ihre Freundinnen, Ehefrauen oder Affären sie so behandeln, wie das doch sonst Männer eigentlich umgekehrt mit Frauen tun. Es ist ganz interessant zu beobachten, dass man beim Lesen zwischen Mitgefühl und Spott schwankt. Auf der einen Seite sind das sicher alles ziemlich nette Kerle, die einfach in schwierigen Beziehungen stecken – auf der anderen Seite werden da aber auch Aussagen getroffen, die „den Feminismus“ und „die Emanzipation“ als Hauptschuldige anführt für das als Ausartung und Radikalisierung bezeichnete Verhalten vieler Frauen – es wird also die Selbstbestimmung und Politisierung der Frauen dargestellt als etwas Schlechtes, weil sich diese in Beziehungen nicht mehr so verhalten, dass alles fein und geschmeidig läuft, und deshalb ist es für sie einfacher, die Frauen als bindungsunfähig und vom Feminismus verblendet zu bezeichnen, als sich damit zu befassen, was das eigentliche Problem ist (oft: das Verhalten früherer Partner der Frauen, das Verhalten männlicher Verwandter … you see…). Es hilft ein bisschen, sich zu vergegenwärtigen, dass diese Interviews im Kontext ihrer Zeit betrachtet werden müssen. Das heutige Verständnis von Feminismus ist nicht das der 80er Jahre.

Diese Männer sehen sich damit konfrontiert, dass sich die Rollenverteilung in ihrer Beziehung vom traditionellen Konstrukt entfernt und somit so einiges ins Wanken gebracht hat. Nicht, dass man das jetzt falsch versteht, gegen eine Gleichstellung der Frau haben die interviewten Männer nichts, natürlich nicht! Vielen glaubt man das tatsächlich auch. Ich kann mir vorstellen, dass es für viele Männer auch wirklich problematisch war, dass mit dem neuen Frauenbild gleichzeitig auch ein neues Männerbild entstand. Sie durften jetzt emotional sein, mussten nicht mehr nur stark, karriere- orientiert und beschützend auftreten. Aber zu weich sein, das sollten sie natürlich auch nicht. Gleichzeitig einer neuen Erwartungshaltung der Frauen und der eigenen an seine Männlichkeit gerecht werden zu müssen, war gewiss nicht so einfach.

Doch oft führt dieses neue Rollenverständnis nicht zu einer Gleichstellung der Partner, sondern zu einer Umkehrung der Verhältnisse. Frauen machen, was sie wollen. Einfach so. Haben Sex, mit wem sie wollen, ergreifen Berufe, die sie interessieren und sehen sich nicht mehr in der vollen Verantwortung dafür, Haus, Hof und Liebesspiel am Laufen zu halten. Männer finden sich in der Rolle des Geliebten oder des Hausmannes wieder und erfahren nun dieselben Frustrationsmuster, mit denen sich Frauen jahrhundertelang herumschlagen mussten. Es scheint fast so, als wären die interviewten Männer erschrocken über die eigenen Gefühle, die dadurch ausgelöst werden. Frustration, Wut, Traurigkeit, Herzschmerz – Gefühle, die bislang Frauen zugeschrieben wurden, regen sich nun im Männerherz und stellen die eigene, intakt geglabte Männlichkeit in Frage.

Man könnte die weiblichen und männlichen Seiten in diesen Geschichten austauschen und erhielte jene Konstellationen, in denen gemeinhin meistens die Frauen die betrogenen und ausgebeuteten Parts darstellten und vielleicht war es von der Autorin so angedacht, dass nun die Leser*innenympathie unweigerlich auf die Männer verteilt wird, die hier vor sich hinschluchzen und mit Tränen in den Augen um Fassung ringen. Die armen Männer Mitte der 80er, die erkennen mussten, dass sie erstens Gefühle haben und dass sich zweitens Frauen genauso scheiße verhalten können wie Männer, weil sie eben, Überraschung, einfach auch Menschen sind. Das hat dann aber nichts mit Emanzipation zu tun, oder vielleicht doch insofern, als dass das Recht auf sich-scheiße-Verhalten mit der Emanzipation eben nicht mehr nur auf Männer beschränkt wurde.

Mitgefühl kommt vielleicht zuweilen auf, Mitleid aber nicht. Eher so das Gefühl von: hey, willkommen in der Welt der Wechselwirkung von Aktion und Reaktion.

Was das also, vom Standpunkt der Leser*innen aus dem Jahr 2018 alles eigentlich nur zeigt: Männer und Frauen sind Menschen und haben Gefühle. Krass! Und: alle Beziehungen, in denen Machtgefälle bestehen, sind ungesund. In den hier gezeigten Beziehungen hat das mit der Gleichberechtigung und Gleichstellung insofern nicht funktioniert, als dass die Frauen vielleicht Fortschritte im eigenen Wirkungs- und Entfaltungsradius erzielen konnten, die Männer allerdings nicht mitgezogen haben. Oder das beidseitige Ausloten einer neuen, gleichberechtigten Aufgabenverteilung einfach nicht lang genug betrieben wurde, weil das Ganze ja auch noch so neu war und so. Oder es wurde schlichtweg einfach nicht ausreichend kommuniziert, und das ist ja wohl seit Menschenanbeginn eins der Hauptprobleme in dysfunktionalen Beziehungen.

Ich frage mich, wie wohl heute die Resonanz auf eine solche Anzeige wäre. Falls jemand von euch ein solches Projekt startet, lasst mich doch am Ergebnis teilhaben.

Barbara Franck. Der UnGeliebte. Gespräche mit frustrierten Männern. Erschienen 1985 bei Rasch und Röhrig

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s