Women, raise your goddamn voices! Scarlett Curtis. Feminists don’t wear pink (and other lies)

To see the english version, click here.

Hurra, Hurra, Hurra! Heute feiern wir 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland. (Und gleichzeitig bedeutet das aber auch 1919 Jahre alleiniges Wahlrecht für Männer, was für mich persönlich das Ganze dann wieder in eine Art Trauerfeier umkehrt). Aber gut, was wir ja von klein auf lernen ist: wenn man eine Vagina hat, darf man sich nicht beschweren, sondern sollte sich über jede Minute freuen, in der man irgendwas DARF. Also freuen wir uns heute alle mal gemeinsam. Oder wir erkennen, dass Frauen immer noch a hell of a lot zu kämpfen haben, bis sie wirklich gleichberechtigt sind.

Hier lässt sich übrigens die Entwicklung des Wahlrechts für Frauen gut nachvollziehen.

Man könnte ja wirklich meinen, der Feminismus befände sich auf dem Weg in die Köpfe der Massen. Bücher, Podcasts, Magazine und Instagramaccounts zum Thema sprießen wie Pilze aus dem Boden, sämtliche Industrien haben den Braten längst gerochen und bedrucken T-Shirts, Tassen und andere Alltagsgegenstände mit Slogans und Motiven, die den Feminismus feiern (dass einige dieser Dinge unter katastrophalen, prekären und patriachalen Zuständen hergestellt werden, ist die andere Seite der Medaille). Feminismus und feministische Themen sind derzeit überall präsent und gleichzeitig komplett gar nicht. Klingt komisch. Ist aber so.

Immer wieder wird mir schmerzlich bewusst, dass ich mich (vor allem im Internet) in einer Blase bewege, die sehr an feministischen Themen interessiert ist, die wirklich lebt, was sie predigt und die generell einfach weltoffen, aufgeschlossen und tolerant ist. Wenn ich diese Blase aber verlasse, sehe ich immer noch das: Frauen werden diskriminert. Jeden Tag, jede Stunde, überall. Auf öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern (wie zum Beispiel die Profi-Fußballerin Ana Hederberg dieses Jahr, die eigentlich eine Auszeichnung für ihren Erfolg erhalten sollte, vom Moderator des Ballon d’Or aber mit einem sexistischen Spruch so bloßgestellt wurde, dass im Nachgang nur darüber berichtet wurde, und nicht über die Tatsache, dass sie die weltbeste Fußballerin ist) ebenso wie in Printmagazinen. Auf der Straße, in den Firmen, beim Arzt. Zuhause. ÜBERFUCKINGALL.

Vergewaltigungsopfer sind immer noch selbst schuld, Täter werden immer noch freigesprochen. Mädchen und Frauen werden immer noch im Namen diverser Religionen zwangsverheiratet und zum Sex und Kinder kriegen gezwungen. Mädchen und Frauen werden immer noch genital verstümmelt. Wer sich mal geballt die gesamte Scheiße reinziehen möchte, die auch im Jahr 2019 tagtäglich an Mädchen und Frauen fabriziert wird, sollte sich die Dokumentation Female Pleasure anschauen. Es ist absolut niederschmetternd, was da gezeigt wird, aber danach kann nun wirklich niemand mehr behaupten, es ginge uns Frauen ja inzwischen totaaaaaal gut und wir sollen uns nicht so haben.

Das Wort „Feminismus“ ist für die breite Masse nach wie vor nichts, das sie selbstverständlich in ihren Sprachgebrauch aufgenommen haben, sondern wie eh und je mit Klischees behaftet: Feminst*innen haben unrasierte Achseln, schminken sich nicht, haben radikale politische Ansichten, verbrennen ihre Bhs in der Öffentlichkeit, sind unbequem und lesbisch und vor allem nicht ernstzunehmen. Ach so, und sie tragen natürlich auch kein Pink.

Das ist natürlich absoluter Bullshit. Aber offensichtlich ist es immer noch notwendig, dass immer und immer wieder erklärt wird, was Feminismus eigentlich heißt. Das wissen viele nämlich einfach mal nicht. Dabei bedeutet es im Grunde ja nur: Feminist*innen setzen sich für die Gleichstellung von Frauen und Männern ein. Gleiche Rechte für alle. No privilege for the penis. Damit die oben genannte Gewalt und Ungerechtigkeit gegen Frauen endlich ein Ende nimmt.

In Feminists dont wear pink and other lies haben sich zahlreiche Schauspielerinnen, Schriftstellerinnen, Aktivistinnen, Ärztinnen und so viele mehr zusammengetan, um ihre Anekdoten und Geschichten darüber zu teilen, wie sie Feminstinnen wurden und was der Feminismus für sie bedeutet.

Besonders mochte ich:

  • The Question by Lolly Adelope (Comedian, Schauspielerin), eine Kurzgeschichte über eine Frau, die an einer Quizshow im Fernsehen teilnimmt und vom Moderator vorgeführt wird. Am Ende soll sie die Frage beantworten, welches Wort sie mehr definiert: a) black b) woman Ein Text, der deutlich macht, welchen Stigmatisierungen Frauen (und Menschen generell) ausgesetzt sind.
  • With darkness comes light by Charlotte Elizabeth (Designerin), ein Erfahrungsbericht über die Unterschiede im gesellschaftlichen und medizinischen Umgang mit weiblicher und männlicher Depression und Angststörungen.
  • Imposter Syndrome by Alaa Murabit (Ärztin, Gründerin der Frauenrechtsorganisation The voice of Lybian Women), ein Text über Frauen in Führungspositionen, denen der Erfolg trotz Berufserfahrung nicht anerkannt wird und die sich deshalb ständig wie Hochstaplerinnen fühlen.
  • The Power of the Period by Amika George, ein Text darüber, was für eine Schande es ist, dass Frauen für Hygieneprodukte für ihre Periode Steuern zahlen müssen und dass tatsächlich so etwas wie period poverty existiert – also dass viele Frauen sich keine Tampons und Binden oder whatever leisten können und viele Mädchen in UK deshalb jeden Monat eine Woche nicht zur Schule gehen können. Zum Glück gibt es mittlerweile eine Organisation, die dafür eintritt, dass an diese Familien kostenlos Hygieneprodukte ausgegeben werden.
  • Mein Favorit: Tell him by Jameda Jemil (Aktivistin), ein Brief an Mütter von Söhnen mit der Bitte, ihre Kinder zu Respekt gegenüber Frauen zu erziehen. Diesen Text möchte man ausdrucken und die Innenstädte damit pflastern.

Die Themen dieses Buches sind vielfältig und reißen sämtliche Bereiche an, in denen wir unbedingt aufmerksamer und bewusster darüber sprechen und vor allem handeln müssen, dass eben KEINE Gleichbehandlung von Frauen und Männern existiert. Genauso vielfältig wie die Themen sind auch die Schreibstile. Es sind Essays, Anekdoten, poetische und fiktionale Texte; eine abwechslungsreiche Mischung also. Natürlich wirbt das Buch mit den Beiträgen der bekanntesten Autorinnen darin wie Emma Watson und Keira Knightley (deren Beiträge auch wirklich gut sind! Besonders Knightleys Text The weaker sex über die Geburt ihrer Tochter und die Mutterschaft ist wahnsinnig stark), doch auch die Texte der anderen Frauen, die ich noch nicht kannte, waren sehr interessant und lesenswert. Was ich daran ganz besonders mag: es sind keine Texte für Insider, immer wieder wird betont, dass die Autorinnen der Texte selbst den Feminismus erst für sich entdecken und erschließen mussten. Es sind keine wissenschaftlichen oder kryptisch-verschwurbelten Abhandlungen, sondern Texte von ganz normalen (und gerade deshalb großartigen) Frauen, die von eigenen Erfahrungen, Gedanken und Entwicklungsprozessen berichten. Und gerade deshalb ist das Buch auch so gut geeignet, wenn man sich vorher noch nie mit Themen rund um den Feminismus befasst hat.

Lest es, verschenkt es und ruht nicht eher, bevor jede*r in eurem Umfeld die Definition von Feminismus kennt.

Feminists don’t wear pink (and other lies). Amazing women on what the F-word means to them von Scarlett Curtis ist 2018 bei Penguin erschienen. Die deutsche Ausgabe ist 2018 unter dem Titel The future is Female!Was Frauen über Feminismus denken im Goldmann Verlag erschienen.

Scarlett Curtis: Feminists don’t wear pink (and other lies). Amazing women on what the F-word means to them

Hooray! Today, we are celebrating 100 years of womens‘ right to vote in Germany (but if I think of the fact that this means on the other hand, we are having 1919 years of only men’s right to vote, this celebration turns into a funeral for me). But what we learned from taking our first breath is: if you have a vagina, you are supposed to be happy about every minute you’re ALLOWED to do something. So let’s say it once more: Hooraaaaaay!

You could start to believe feminism finally is making its way into the heads of the masses. Everywhere you look these days you find books, podcasts, magazines and social media accounts dealing with feminism. Capitalism found its way to make money with it and sells T-shirts, mugs and other stuff with empowering slogans to the ones who want to show their new gained knowledge to the world (that some of this stuff is produced under horrific circumstances is the other side of the coin). You can find feministic topics everywhere and nowhere these days. Sounds strange? Well, it is.

Every now and again I have to face the fact that I am living in a bubble (especially online) that is very tolerant and interested in feministic issues. As soon as I leave this bubble, I see this: women experience discrimination, everyday, every hour, always. I see it in TV-shows, in print magazines. In public, at work, at the doctor’s, at home. EVERYFUCKINGWHERE. Victims of rape are guilty themselves, rapists don’t get judged. Girls and womens are forced to get married, have sex and give birth to children in the name of religion. Girls and woment are still suffering from genital mutilation.

If you want to know about the whole lot of shit that is still done to women , I recommend watching the documentary Female Pleasure. It’s disturbing, but after watching it nobody can seriously say that women don’t have to face any problems anymore and they should all just relax a bit.

For the wide masses, the word „feminism“ still has a negative connotation and comes with a lot of cliches: feminists don’t shave their armpits, don’t wear make-up, are radical politival activists, burn their bras in public, are uncomfortable human beings and lesbians and under no circumstances should you take them serious. Oh, and of course, they don’t wear pink.

That’s bullshit and deep inside you know that, don’t you? But obviously it’s still necessary to explain what feminism means. It’s simply that feminists want equality for both men and women. They want women to have the same rights as man do. No privilege for the penis.

In Feminists Don’t Wear Pink and other lies various artists, writers, actors, political activists, comedians and so many more write about what feminism means to them and how they became feminists.

My favorite texts are:

  • The Question by Lolly Adelope (comedian, actor), a short story about a woman attending a quiz show on TV who gets humiliated by the showmaster. She has to answer the final question and of course there is no way of answering it right: ‚Which word defines you more? a) black b) woman‘ A text that shows how stigmatised women (and human beings in general) get.
  • With Darkness Comes Light by Charlotte Elizabeth (designer), a text in which the author writes about her personal experience in how different women’s depression and anxiety is treated by public and doctors
  • Imposter Symdrome by Alaa Murabit (doctor, founder of the female right organisation The Voice of Lybian Women), in which the author shows that women in leading positions often enough are not taken serious, even if they have a lot of work experience and success, and how that makes them feel like imposters
  • The Power Of the Period by Amika George, a text about the so called ‚period poverty‘ which means that a lot of women can’t afford to buy stuff like tampons for their periods. In the UK, many many teenagers miss one week of school every month because they can’t deal there with their bleeding. Fortunately, an organization was founded that gives free hygiene products to these families.
  • My absolute favorite: Tell him by Jameda Jamil (activist), a letter to all mothers of sons in which she asks them to teach their children respect and love for women. A text that you want to print out and hang on every wall you can find.

You can find a wide range of topics in this collection, written in numerous different styles and forms. There are essays, interviews, letters, lists, humorous and serious texts such as poetry and fiction. It never gets boring, that’s a thing I can promise you.

Of course they’re selling the book by mentioning the most famous authors in it such as Emma Watson and Keira Knightley (whose articles are very good indeed! Especially the one from Keira Knightley called The Weaker Sex, a very powerful text about her motherhood), but the others from those women I never heard about before were just as interesting and well written. What I liked best about them: they are not written by insiders for insiders. You are told more than one time that these women had to find out themselves about feminism and how they could be feminists. There is nothing scientific or cryptic about these texts, they are enjoyable and easy to read and you always have the feeling that these women are just like you and me. That’s great and makes this book a perfect read for people who never got in touch with feminism before.

Read it, give it to other people and don’t stop talk ing about feminism until everyone you know can give the definiton of the word „feminism“.

Feminists don’t wear pink (and other lies). Amazing women on what the F-word means to them von Scarlett Curtis was published in 2018 at Penguin Publishing House.

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