Kindheit im Extrem. Birgit Weyhe: Ich weiss

Eine Kindheit zwischen gepackten Koffern und Leichenhaufen – wie glücklich kann die sein?

Ich weiss ist eine autobiografische Graphic Novel über die Kindheit und Jugend der Autorin Birgit Weyhe in Ostafrika. Es geht um Facetten der Fremdheit, kindliche Wahrnehmung und Ostafrika in den 1970er und 1980er Jahren.

Aufgrund der beruflichen Tätigkeit der Eltern, auf die nicht näher eingegangen wird, musste Weyhes Familie sehr oft umziehen. Ganz zu Beginn des Buches erzählt sie, dass sie unzählige Male ihre Spielkiste gepackt hat und wie diese jedes Mal zu klein war, um alle Spielsachen mitzunehmen. Das Pendeln zwischen verschiedenen ostafrikanischen Staaten und Orten in Europa gehörte für Weyhe jahrelang zum Alltag, sie war es gewohnt, ein Nomadenleben zu führen, überall erst einmal fremd zu sein. Immer wieder anzukommen, immer wieder Abschied zu nehmen.

Als Kind fühlte sie sich in Ostafrika zuhause und wollte von Europa nichts wissen. Chamäleons aus Büschen pflücken war ihr vertrauter als in Apfelbäumen herumzuklettern. Im Teenageralter drehte sich das Ganze dann und ihre Sehnsucht nach Europa wuchs mit dem Konsum europäischer Jugendkultur und Musik.

Ich weiss dokumentiert verschiedene Stationen dieser Kindheit, ohne jedoch einen Anschein von Vollständigkeit erwecken zu wollen. Es ist mehr ein Kaleidoskop an Erinnerungen als ein kompletter Abriss der Kindheit und Jugend Weyhes.

Es scheint mir, die ich gerade erst wirklich anfange, mich intensiver mit Graphic Novels zu beschäftigen, in diesem Genre eine beliebte Technik zu sein, Ereignisse für sich stehen zu lassen, ohne sie unbedingt in größere Kontexte oder Erklärungen einbetten zu wollen. Das ist gegenüber den meist sehr dicht erzählten Romanen natürlich eine ungewohnte Herangehensweise, birgt aber auch sehr viel mehr Potenzial dafür, auftretende Leerstellen selbst mit Überlegungen und Interpretationen füllen zu können. Ich persönlich fühle mich von Graphic Novels viel öfter dazu angeregt, selbstständig mehr zu den behandelten Themen zu recherchieren als nach der Lektüre eines Romans.

Das Besondere an Ich weiss ist die Erzählperspektive, für die sich Weyhe entschieden hat. Statt aus der heutigen, erwachsenen und reflektierten Sicht über die Vergangenheit zu berichten, nimmt sie wieder die Perspektive ihres damaligen Ichs an. So wird aus einer kindlichen Unbekümmertheit heraus erzählt, die oft im harten Kontrast zu den Ereignissen steht, über die berichtet wird. Neben der persönlichen Erfahrungen gibt Weyhes Comic nämlich auch Aufschluss über die politischen Zustände der Regionen Ostafrikas, in denen sie in den 1970er und 1980er Jahren lebte.

So gehörte es für sie beispielsweise in Uganda zum Alltag, vom Schulbus aus die toten Männer auf der Straße liegen zu sehen, die vom Diktator Idi Amin als Dissidenten angeklagt und erschossen wurden. Zur Abschreckung der übrigen Bevölkerung bahrte man die Leichen vor dem städtischen Clock Tower auf. Wie normal es für Weyhe und ihre Mitschüler war, tote Menschen zu sehen, zeigt die Anekdote über den „Pharao“: eines Tages fanden die kleine Birgit und ihre Freunde in einer Freistunde einen toten Mann und statt sich zu erschrecken, spannen sie sich eine Geschichte darüber zusammen, dass es sich bei dem Leichnam um einen Pharao handeln musste, der unter mysteriösen Umständen hier vor ihrer Schule aufgetaucht ist.Als sie ihren Fund, von dem sie sich Geld und Ruhm versprachen, einige Zeit später wieder aufsuchen wollten, war er verschwunden, die Kinder darüber sehr enttäuscht.

Ich weiss zeigt auf, wie unterschiedlich Lebensrealitäten aussehen können und wie normal die Gräuel einer Diktatur oder eines Krieges für Menschen werden können.

In ihre Alltagsgeschichten flicht Weyhe neben der politischen Lage auch afrikanische Mythen und Erzählungen ein. Diese finden auch Eingang in die Illustrationen, die größtenteils das kindlich-naive der Erzählweise unterstreichen und einen ganz eigenen Humor entwickeln, indem die Übergänge zwischen realen Begebenheiten und den Phantasien des Kindes Birgit Weyhe fließend gestaltet sind, aber eben auch viele Elemente aus den afrikanischen Traditionen aufgreifen. Somit erhalten die Leser*innen Einblicke in jahrhundertealte überlieferte Sagen und Geschichten. Graphic Novels wie diese regen dazu an, mehr über bestimmte Teile der Welt erfahren zu wollen. Ein großer, großer Mehrwert.

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Es ist auch sehr spannend, sich mit den ambivalenten Zugehörigkeits- und Fremdheitsgefühlen der Autorin während dieser Jahre auseinanderzusetzen. Der Titel des Buches gibt einen Hinweis darauf, dass sie sich natürlich anfangs zunächst wegen ihrer Hautfarbe fremd und auffällig gefühlt hat. Wie schnell sich allerdings oft europäische und afrikanische Kulturen vermischt haben und dass Zugehörigkeit nicht unbedingt eine völlige Identifikation mit irgendwas bedeuten muss, zeigt eine Erinnerung, in der sich Weyhe und ein Reisebegleiter in Tansania während einer Autopanne mit einer blinden Frau anfreunden. Ihr einziges Buch in Blindenschrift ist ausgerechnet Macbeth von William Shakespeare. Sie möchte sich unbedingt mit den beiden Europäern darüber unterhalten, die haben jedoch im Gegensatz zu der Frau überhaupt keinen Plan von dem Text. Trotzdem entspinnt sich ein Gespräch, in dessen Verlauf Weyhe und ihr Begleiter der Frau erklären, was Schnee ist und im Gegenzug erfahren, dass das Motiv der Gier nicht nur in europäischen Texten, sondern auch in afrikanischen Geschichten oft eine große Rolle spielt.

Anekdoten wie diese sind es, die Weyhes Zeit in Ostafrika greifbar und miterlebbar machen. Welten prallen aufeinander und finden meistens doch einen gemeinsamen Nenner.

Ich danke dem avant-verlag ganz sehr für dieses Rezensionsexemplar, das mir auf Nachfrage bereitgestellt wurde.

Birgit Weyhe. Ich weiss. Erschienen 2017 im avant-verlag.

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