Take the fucking Donut. Amanda Palmer. The Art of Asking

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Asking for help with shame says: You have the power over me. Asking with condescension says: I have the power over you. But asking for help with gratitude says: We have the power to help each other. It points, fundamentally, to our separation from one another.”

Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich im April 2017 in einem Hostel auf der menschenleeren Isle of Skye saß (Insider-Tipp: eine Woche vor Ostern ist dort nichts los!) und Amanda Palmers Buch las. Und wie es mich mitten ins Mark traf. Ich bin davon überzeugt, dass nichts im Leben diesem ominösen Schicksal zuzuschreiben ist. Sondern dass es vielmehr darum geht, offene Türen zu sehen und selbstständig die Entscheidung zu treffen, ob man hindurchgehen möchte oder nicht. Meine offene Tür war in jener Lebensschieflage, in der ich mich befand, Amanda Palmers Buch. Ich war geflüchtet in die Einöde Schottlands, weil ich mir nicht eingestehen konnte, dass ich dringender als alles andere Menschen an meiner Seite gebraucht hätte. Menschen, die mir helfen. Und dann sah ich in einem kleinen Buchladen in Glasgow dieses Buch, dessen Titel „The Art of Asking“ für mich zu einer dieser offenen Türen werden sollte auf meinem Weg der Selbsterkenntnis.

Mit sechszehn, siebzehn war ich großer Fan der Dresden Dolls. Die Musik, eine Mischung aus Punk und Kabarett, war speziell, besonders und kraftvoll. Das theatralische war ein fester Bestandteil der musikalischen Komposition, jeder Song ein eigenes Kunstwerk. Doch am meisten faszinierten mich die beiden Menschen, die das Künstlerduo bildeten.

Von der ersten Sekunde an bewunderte ich Amanda Palmer. Diese Frau, die so interessant, exzentrisch und wunderschön war. Und dann rasierte die sich nicht die Achselhaare weg! Uhh! Als ich sechszehn, siebzehn war, fand man das noch recht hippiesque und seltsam. Da war noch nichts mit Selbstbestimmtheit und back to Natürlichkeit und so. Ich fand es jedoch einfach toll, verkörperte es doch für mich die absolute Freiheit von gesellschaftlichen Konventionen. Amanda Palmer war für mich: die Art von Frau, die ich sein wollte. Selbstbewusst, irgendwie anders. Rotzig. Laut. Präsent.

Erst mit dem Abstand von mehr als zehn Jahren und bei der Lektüre ihres Buches habe ich verstanden, dass auch Amanda Palmer nicht immer diese Persönlichkeit war, die sie auf der Bühne darstellte. Dass sich dahinter eine ganz normale Frau verbirgt, für die das Leben genauso viele Schwierigkeiten bereithält wie für jede*n andere*n von uns.

Lange Zeit hatte ich nichts mehr von und über Amanda Palmer gehört, bis ich auf das Buch stieß. Auch über ihren Lebenslauf hatte ich vorher nichts gewusst. Und so war dieses Buch, eine Mischung aus Autobiografie und Anleitung zur Selbsthilfe, auch hinsichtlich ihrer Karriere sehr aufschlussreich und erlaubte es mir, einen Teil ihres Lebensweges zusammen mit Amanda abzuschreiten.

Weshalb es mir aber seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht und ich einige der Bilder, die Amanda darin benutzt, sogar in meine eigenen Denkprozesse übernommen habe: Sie schreibt neben ihrer Lebensgeschichte vor allem darüber, wie wichtig es ist, die eigene Hilfsbedürftigkeit zu erkennen, zu akzeptieren und Hilfe anzunehmen, ohne sich zu schämen.

From what I’ve seen, it isn’t so much the act of asking that paralyzes us–it’s what lies beneath: the fear of being vulnerable, the fear of rejection, the fear of looking needy or weak. The fear of being seen as a burden some member of the community instead of a productive one.

Ich denke, dass sich viele von uns darin wiederfinden, was sie über sich selbst schreibt. Dass sie früher oft damit konfrontiert wurde, dass andere nicht an sie und ihren Erfolg glaubten. Und als sie dann in Situationen kam, in denen das Überleben schwierig wurde, hat sie sich nicht getraut, um Hilfe zu bitten, weil ja andere schon vorausgesagt hatten, wie es enden würde.

Ganz gleich, ob es darum geht, Sängerin werden zu wollen oder Ärztin, Autorin oder Rennfahrerin. Wir tun uns schon schwer damit, über unsere Ziele zu sprechen, weil andere uns auslachen könnten und wir uns peinlich berührt fragen müssten, ob wir da nicht zu sehr nach den Sternen greifen (schreibt euch das ganz fett irgendwohin: Nein!!! Kein Ziel ist peinlich oder unerreichbar, wenn ihr es wirklich wollt und bereit seid, etwas dafür zu tun). Aber noch mehr fürchten wir uns davor, zu scheitern. Denn dann kommen all die selbstgerechten Fratzen, und zermüben uns genüsslich mit ihren „Siehste“s und „War ja klar“s.

Wäre es nicht schön, sich mal in ein Vorhaben stürzen zu können, ohne von Anfang an die Angst vor den Folgen des Scheiterns aushalten zu müssen? Sich stattdessen in der Gewissheit zu wähnen, dass einen weder Hähme noch Spott erwartet, wenn man auf dem Weg in eine Situation der Hilfsbedürftigkeit gerät. Und das können finanzielle Notlagen sein genauso wie emotionale.

Eins diese Bilder aus Palmers Buch, das ich wahnsinnig stark finde, ist die „Fraud Police“:

The Fraud Police are the imaginary, terrifying force of ‚real‘ grown-ups who you believe – at some subconscious level – are going to come knocking on your door in the middle of the night, saying: We’ve been watching you, and we have evidence that you have NO IDEA WHAT YOU’RE DOING. You stand accused of the crime of completely winging it, you are guilty of making shit up as you go along, you do not actually deserve your job, we are taking everything away and we are TELLING EVERYBODY.

Na, wer von euch erkennt sie wieder? Diese Stimmen in euren Köpfen, die euch erzählen, dass ihr das, was ihr macht, nicht richtig macht? Die euch schlaflose Nächte bereiten, weil ihr Angst habt, dass jemand entdeckt, was für Hochstapler ihr seid? Und die euch damit komplett lähmen, unfähig machen, auch nur einen weiteren Schritt zu tun? Genau. Auch das ist eine Situation der Hilflosigkeit.

Was Amanda Palmer am Beispiel ihrer eigenen Geschichte der mittellosen Straßenkünstlerin (sehr sehr spannend allein dieses Kapitel ihres Lebens! Es handelt davon, wie sie jahrelang mit einer Straßenperformance, bei der sie in einem Hochzeitskleid als traurige Braut Pantomime ausübte, von der Hand in den Mund lebte), die es bis zum gefeierten Rockstar gebracht hat, zeigt: Wie man lernen kann, um Hilfe zu bitten. Anderen Menschen zu vertrauen. Sich nicht für die eigene Bedürftigkeit zu schämen. Das ist ja ein großer wunder Punkt bei vielen von uns: wer bedürftig ist, ist schwach. Wer Schwäche offen zugibt, wird nicht mehr respektiert.

Amanda Palmer hat schließlich über Crowdfounding-Projekte wie Kickstarter (nachdem sie mit ihrer Plattenfirma brechen musste) ihre Musik finanziert. Und dafür ihre Fans um finanziellen Support gebeten. Was das für eine riesige Überwindung für sie gewesen ist, beschreibt sie sehr eindrücklich und nachvollziehbar. Umso schöner ist es jetzt mitzubekommen, was für eine tolle, wundervolle Fan-Community Amanda Palmer hat. Jede*r unterstützt dort jede*n. In der Facebookgruppe supporten sich die Leute gegenseitig in Lebenskrisen. Es geht dort um sexuelle Outings, Arbeitslosigkeit, den Umgang mit Depressionen. Und alle referieren sie immer wieder darauf, was für eine Stütze, was für ein Lichtblick in ihrer aller Leben die Musik und die Person Amanda Palmers ist.

Auch wenn uns das von klein auf beigebracht wird: es geht im Leben nicht darum, was du arbeitest und wieviel Geld auf deinem Konto ist. Und bei Hilfe geht es nicht nur darum, dass du jemandem etwas überweist (manchmal, in akuten finanziellen Krisen, ja, vielleicht). Aber vorrangig geht es darum, dass du da bist. Dass jemand da ist, wenn ein*e andere*r dunkle Stunden durchlebt. Und dass du nicht verurteilt. Denn immerhin hat da jemand den Mut gehabt, ein Risiko einzugehen, um weiter zu kommen. Ein Job, eine Beziehung, eine Reise. Alles, das uns zwingt, unsere comfort zone zu verlassen, in der alles sicher, aber auch stagnierend ist, birgt immer ein Risiko.

You can’t ever give people what they want. But you can give them something else. You can give them empathy. You can give them understanding. And that’s a lot, and enough to give.

Ich habe immer noch oft Probleme damit, um Hilfe zu bitten. Aber ich habe inzwischen erkannt, dass es damit läuft wie mit vielen Dingen. Je öfter man es tut, desto einfacher wird es. Und wirklich jedes Mal wird die Situation an sich so viel leichter zu ertragen, wenn ich mich traue, um Hilfe zu bitten und sie anzunehmen.

Oder, um es sinngemäß mit Amandas Worten zu sagen: Take the fucking Donut, when you need it.

Amanda Palmer. The Art of Asking. How I learned to stop worrying and let People help. Die Originalausgabe erschien 2014 bei Grand Central Publishing. Die deutsche Ausgabe erschien 2015 unter dem Titel The Art of Asking: Wie ich aufhörte, mir Sorgen zu machen und lernte, mir helfen zu lassen bei Eichborn

Take the fucking Donut. Amanda Palmer. The Art of Asking.

Asking for help with shame says: You have the power over me. Asking with condescension says: I have the power over you. But asking for help with gratitude says: We have the power to help each other. It points, fundamentally, to our separation from one another.

It was in April 2017 when I was sitting in a hostel on the Islye of Skye in Scotland (Insider Tip: there is no tourism going on at all the week before Easter), reading Amanda Palmers book. I remember exactly the emotions I had when I read it. I don’t believe in anything like faith. What I do believe in is the principle of open doors: life is about seeing them and deciding wether to step through them or not. I fled to the lonely Isle of Skye in a time of my life where everything was gone out of control at home. I couldn’t be honest with myself that I actually needed the help of other people more than ever. I never could take the help of other people when I felt bad. And then I stumpled upon this book whichs title „The Art of Asking. How I stopped worrying and started to let people help“ was one of these open doors to me.

At the age of 16/17 I was a big fan of the Dresden Dolls and their very special, powerful and unusual music. But what was the most fascinating for me was the singer, Amanda Palmer. It was just everything about her that made me adore her: the excentric make up, the style. She even had unshaved armpits!! Today it became a symbol for going back to a natural lifestyle and being self-confident with your body, but by that time that was something people found very hippiesque and weird. For me, it was just another reason to want to be like Amanda Palmer. She was everything I wanted to become: self-confident, different, creative and not giving a shit about other people’s opinions. It needed 10 years and a little bit of growing up to understand that even Amanda Palmer is not always the person she seems to be on stage, that she is a human being like you and me, with problems and insecurities.

By the time I found her book I hadn’t heard about her and the Dresden Dolls for quite a long time. And didn’t know anything about her life before. So the book was offering me a closer look to the interesting life and career of an outstanding musician.

What hooked me the most and the reason why I still think about the book is because Amanda Palmer reveals in that book that she had exactly the same problem I have with asking for help. She writes about the process it takes to accept your own need for help, to find the courage to ask others for it and to finally take the help of others without being ashamed and embarassed.

From what I’ve seen, it isn’t so much the act of asking that paralyzes us–it’s what lies beneath: the fear of being vulnerable, the fear of rejection, the fear of looking needy or weak. The fear of being seen as a burden some member of the community instead of a productive one.

I guess a lot of us can relate to that feeling of having others not believe in us and our plans which makes us afraid of failing with them. Amanda Palmer experienced a lot of people doubting her ambitions to become a musician when she started her career and that made her feel very doubtful herself. When she found herself in situations where she actually needed help she couldn’t ask for it because she was afraid of the reactions of the people who told her from the start that her plans will fail. Wouldn’t it be great to not fear failing from the start because we have to think about what to do if we need help and others might point with their finger at us and say: I told you so!!

One of the images she creates I find very powerful is the one of the ‚Fraud Police‘:

The Fraud Police are the imaginary, terrifying force of ‚real‘ grown-ups who you believe – at some subconscious level – are going to come knocking on your door in the middle of the night, saying: We’ve been watching you, and we have evidence that you have NO IDEA WHAT YOU’RE DOING. You stand accused of the crime of completely winging it, you are guilty of making shit up as you go along, you do not actually deserve your job, we are taking everything away and we are TELLING EVERYBODY.

Who else has them in their head? The voices telling you that all you can do is fail? That cause you sleepless nights because you are too afraid to have others discovering you are imposters? They make you feel completely unable to react and do anything because of the negative consequences that might happen? Actually this is another symptom of being in need of help.

Amanda Palmer uses her own story of starting as a poor street artist (which is such an interesting chapter of her life!) and ending up as a famous singer with a worldwide fanbase to show how she learned to ask people for help. How she learned to trust others. How she learned not to feel embarrassed for letting people help. I think this is the big difficulty for most of us: to feel weak, when we ask for help. And showing weakness, we learned in this society, is the worst thing you can do, because it means nobody will respect you anymore.

After breaking up with her music label, Amanda Palmer started a crowdfunding-project on Kickstarter and asked her community to suppport her music financially. It was a big deal for her doing that and she was struggling a lot with it before she decided to do it. It is heartwarming to see, how supportive and close her community is. They give each other advice and caring feedback on Facebook and Patreon, helping each other to deal with everyday problems, with sexual coming outs, with depression and anxiety. They are happy to ask for each other’s help and all of this is possible because Amanda Palmer started to do it.

We are all taught the same things, but I hope in the end we will all find out that life is not about the money on your bank account or the material things you own. Help is not just about money (even if sometimes it can be very helpful), it can come in many forms. But the most important thing about helping is to be there for a person in need. To care.

You can’t ever give people what they want. But you can give them something else. You can give them empathy. You can give them understanding. And that’s a lot, and enough to give.

I’m still struggling from time to time with asking for help. But it is how it is with a lot of things. It gets easier the more often you do it and accept it. And every time I do it, it gets much easier to deal with difficult situations.

Or, to say it with the words of Amanda Palmer: Take the fucking Donut, when you need it.

Amanda Palmer. The Art of Asking. How I learned to stop worrying and let People help was published in 2014 at Grand Central Publishing

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5 Kommentare

  1. Toller Tipp! Hilfe brauchen ist ja wirklich in bestimmten Kontexten geradezu ein Tabu – und das zu erkennen und blöd zu finden heißt noch lange nicht, es auch zu können! Hab mir das Buch jedenfalls gleich besorgt, höre gerade in die Musik rein…. und werde in meinem Blog auch auf deinen Beitrag verlinken. Danke!

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  2. Sehr schön! Macht neugierig und ist ein tolles Thema. Ich versuche mich immer daran zu erinnern wie schön es war einen anderen Menschen zu unterstützen. Dann fällt es mir leichter auch um Hilfe zu bitten weil, wenn es für mich schön war ist es vielleicht für die anderen auch schön…

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