Verwandte Seelen. Astrid Lindgren & Louise Hartung. Ich habe auch gelebt! Briefe einer Freundschaft.

Nur ein einziges Mal im Leben kann einem widerfahren, dass man auf den Menschen trifft, auf dessen ganzes Wesen man eingestimmt ist wie eine Saite auf ein Instrument.

Louise Hartung an Astrid Lindgren, 9.9.1956

In einem anderen Artikel habe ich Astrid Lindgrens Tagebücher aus den Jahren des 2. Weltkriegs vorgestellt und die schwedische Kinderbuchautorin darin als politisch sehr interessierte, scharfsinnige und kluge Beobachterin gezeigt, die in ihren Aufzeichnungen relativ wenig Einblicke in ihr Seelenleben gibt und emotional sehr verschlossen bleibt.

Der Briefwechsel zwischen Lindgren und Louise Hartung aus den Jahren 1953 bis 1964 eröffnet noch einmal einen ganz anderen Blick auf die Autorin und macht zugleich einen wichtigen Abschnitt ihres Lebens nachverfolgbar. In diesen Jahren entstand nämlich ein Großteil ihrer Kinderbücher, für die sie heute noch weltweit geliebt wird.

Schnell zeigt sich, dass der Briefwechsel nicht nur wegen Astrid Lindgren lohnt, sondern dass auch Louise Hartung eine wahnsinnig spannende, kluge und facettenreiche Persönlichkeit war. Nach der Lektüre dieses Buchs kann man dem Himmel nur dafür danken, dass er diese beiden Frauen zusammengeführt hat, dass die beiden in einem intensiven schriftlichen Austausch miteinander standen und dass davon auch noch das Meiste erhalten geblieben ist. Denn Louise Hartung hat der Nachwelt ansonsten recht wenig hinterlassen, was wirklich ein Jammer ist.

Hartung war zunächst Opern- und Konzertsängerin, arbeitete in Berlin mit Kurt Weill zusammen und trat am Savoy-Theater in London auf. Unter dem Nazi-Regime erhielt sie wie so viele andere Künstler aufgrund ihrer politischen Auftrittsverbot und arbeitete deshalb einige Jahre lang in anderen Berufen wie Regieassistentin und Fotografin. Als Hartung und Lindgren sich 1953 kennenlernten, arbeitete sie im Hauptjugendamt der Stadt Berlin und war dafür zuständig, Kinder und Jugendlichen Literatur nahezubringen, die ihnen die Werte und Inhalte vermittelte, die der Jugendschutz vorgab. Hartung war ein großer Fan der bis dato veröffentlichten Bücher von Astrid Lindgren, weshalb zu ihren Favoriten für die Veranstaltungenimmer wieder Pippi Langstrumpf gehörte. Schließlich schaffte sie es, die Autorin auf einen Besuch nach Berlin einzuladen, bei dem sie mit Buchhändler*innen und Bibliothekar*innen über ihre Werke sprechen sollte. Zwischen den beiden Frauen herrsche sofort eine große gegenseitige Zuneigung. Lindgren wohnte bei Hartung, bekam von ihr das zerstörte Ostberlin gezeigt und führte mit ihr endlose Gespräche, die sich später in dem Briefwechsel fortsetzten. Mehrmals trafen sie sich wieder und unternahmen reisen in Hartungs Auto, von ihr liebevoll „Heidenkind“ genannt, doch die tiefe Freundschaft, die sich mit der Zeit entwickelte, fand hauptsächlich auf dem Papier statt.

Die Briefe sind in vielerlei Hinsicht bemerkenswert, vor allem aber wohl deshalb, weil es diese beiden Frauen schafften, ihre Beziehung zueinander fast ausschließlich über einen schriftlichen Kommunikationsweg auszuloten und trotz aller Schwierigkeiten die Intensität der Freundschaft über Jahre hin immer weiter zu steigern. Anhand des Schriftverkehrs lässt sich nachvollziehen, wie sich Dynamiken einer zwischenmenschlichen Beziehung verändern und zuweilen umkehren.

Während Lindgrends Gefühle für Louise Hartung rein freundschaftlicher Natur waren, zeigte sich von Anfang an sehr offen und direkt, dass die Berlinerin sich in Lindgren verliebt hatte. Die Schriftstellerin weist die Liebesbekundungen bestimmt zurück, doch Hartung blieb sehr hartnäckig und setzte immer wieder dazu an, Lindgren zu erläutern, dass sie sich darüber bewusst war, dass ihre Gefühle keine Gegenseitigkeit erfahren, dass sie aber auch der Meinung war, dass romantische Gefühle sich nicht unbedingt körperlich ausdrücken müssen, sondern auch auf geistiger Ebene bestehen können. Was für eine intelligente und fortschrittlich denkende Frau Louise Hartung war, zeigt sich besonders gut an den feingliedrigen Gedankengängen, die sie formulierte und an dem speziellen Witz, mit dem sie auf die Welt blickte. Spöttisch fast, so als hätte sie als einziger Mensch verstanden, wie das Leben und die Liebe wirklich funktionieren.

Es ist erstaunlich, wie diese Frauen in einer Zeit, in der Homosexualität weder in Deutschland noch in Schweden ein öffentlich diskutierbares Thema war, in der Lage waren, so reflektiert und respektvoll damit umzugehen.

Irgendwie bin ich eigentlich ein Einsiedler mit einem ausgeprägten Bedürfnis, ganz allein dazusitzen und auf meinen Bauchnabel zu starren.

Astrid Lindgren an Louise Hartung, Neujahr 1957

Astrid Lindgren, die zu Beginn gemäß ihrer schwedischen Art eher reserviert und vage schrieb, öffnete sich der Freundin im Laufe der Jahre emotional immer mehr. Sie thematisierte ihren Hang zur Melancholie, ihr großes Bedürfnis nach Ruhe und Einsamkeit und die extreme berufliche Belastung, mit der sie sich konfrontiert sah. In den 50er Jahren schrieb Lindgren Bücher über Bücher, war ständig unterwegs zu Lesungen und Geschäftsreisen und arbeitete gleichzeitig noch als Kinderbuchlektorin in einem schwedischen Verlag. Das war eine enorme Doppelbelastung.

Depression und Burn Out waren ebensowenig wie die Homosexualität ein Begriff oder ein Thema, aber dass Lindgren psychisch immer instabiler wurde, lässt sich aus den Briefen deutlich herauslesen. Ebenso wird deutlich, wie wichtig ihr die Beziehung zu Hartung war und wie sehr sie ihr vertraut haben muss, weil sie ihr diese Dinge anvertraute. Und nicht zuletzt schätzte sie die Berlinerin für ihre Ehrlichkeit, ihre Lebensweisheit und scharfe Urteilsgabe. Stets sandte sie ihr das neuste Manuskript zu und bat sie um ihre ehrliche Meinung.

Der Briefwechsel zwischen Astrid Lindgren und Louise Hartung gewährt einen sehr intimen Einblick in eine Freundschaft, die für ihre Zeit recht ungewöhnlich war. Es ist faszinierend, wie schnell man sich den beiden Frauen nah fühlt und mit ihnen die Höhen und Tiefen von elf Jahren durchlebt. Der Briefwechsel ist sicherlich eine Pflichtlektüre für Astrid Lindgrend-Fans, aber auch unabhängig davon absolut empfehlenswert für all jene, die sich für die Leben und Gedanken spannender Menschen interessieren.

Astrid Lindgren & Louise Hartung. Ich habe auch gelebt! Briefe einer Freundschaft. Ausgewählt und Herausgegeben von Jens Andersen und Jette Glargaad ist 2017 im Ullstein Taschenbuch erschienen. Die schwedische Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel Jag har ocksa levat! Im Salikon Förlag.

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