Das eigene Leben in dem der anderen. Claire Tomalin. A life of my own. [GER & ENG]

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My mother told me early that whatever happens to you, however unhappy you may be, you can escape into a book. She was right.

Warum erfreuen sich Biografien berühmter Persönlichkeiten eigentlich so großer Beliebtheit? Was gibt es uns, die Lebensgeschichten anderer Leute zu lesen?

Wahrscheinlich ist es dasselbe Prinzip, das auch hinter der Volkskrankheit „Social Media-Sucht“ steckt, nur ohne den gammeligen Smartphone-Touch. Wir hoffen, uns im Leben der anderen wiederzufinden. Auf der einen Seite wünschen wir uns, etwas von der Außergewöhnlichkeit der anderen in uns selbst zu erkennen, auf der anderen Seite sind wir erleichtert, dass sogar Filmstars und Politiker mal aufs Klo müssen. Oder peinliche Sexunfälle hatten. Oder gegen einen Baum gefahren sind. Oder mit Schicksalsschlägen fertig werden mussten. Wir werden darin bestätigt, dass nicht nur unser eigenes Leben aus Höhen und Tiefen besteht. Und wir werden im besten Fall zu einem Umgang mit ihnen inspiriert.

Eine, die es versteht, all diese Seiten des Lebens zu beleuchten, ist Claire Tomalin. Für ihre Biografien über Schriftsteller*innen wie beispielsweise Jane Austen, Katherine Mansfield und Charles Dickens wurde sie vielfach mit Preisen ausgezeichnet. Sicherlich wird in Zukunft auf diesem Blog auch die eine oder andere dieser Biografien einem eigenen Artikel vorgestellt werden.

In „A life of my own“ legt Tomalin ausnahmsweise mal nicht den Fokus auf eine andere Person, sondern erzählt wunderbar mitreißend ihre eigene Lebensgeschichte. Von Anfang an hatte ich weniger das Gefühl, eine (Auto-)Biografie zu lesen als vielmehr einen Roman, der ganz langsam seine Erzählstränge aufrollt und mit Charakteren besiedelt, die man schneller ins Herz geschlossen hat, als man umblättern kann. Bis vor kurzem kannte ich weder Claire Tomalin noch hatte ich eine ihrer Biografien gelesen. Trotzdem fand ich sehr schnell einen Zugang zu dieser Frau, deren frühe Liebe zu Büchern sie ein Leben lang begleitete und in schweren Zeiten stützte wie ein Fundament ein Haus im Sturm.

Claire Tomalin wurde 1933 als zweite Tochter eines Franzosen und einer Britin geboren. Die Mutter, eine begnadete Konzertpianistin, förderte Tomalin musisch und legte auch den Grundstein für ihre lebenslange Liebe zur Literatur. Vor ihrem Studium der englischen Literatur in Cambridge war sie fest davon überzeugt, selbst einmal Dichterin zu werden – während des Studiums verlor sie jedoch das Vertrauen in ihre Fähigkeiten und schlug danach einen pragmatischeren Weg ein, indem sie in London eine Sekretärinnenausbildung absolvierte.

In Cambridge lernte sie ihren späteren Ehemann kennen. Nikolas Tomalin zeigte schon in der Universität ein vielversprechendes Talent und sollte später ein sehr erfolgreicher Journalist werden. Was den beiden in ihrer Beziehung fehlte, war leider die Grundessenz einer erfolgreichen Ehe: die Liebe. Dennoch war es natürlich ein harter Schlag, als Nikolas 1973 bei einer Investigationsreise für die Sunday Times in Israel zwischen die Fronten des Überraschungsangriffs durch Ägypten und Syrien geriet und getötet wurde. Für Claire, die mit drei Töchtern und einem schwer behinderten Sohn zurückblieb, war das nicht der erste herbe Verlust. Und es sollte leider auch nicht der letzte bleiben. 1960 starb ihr erster Sohn Daniel an den Folgen eines Geburtsfehlers. 1980 nahm sich ihre 23 Jahre alte Tochter Susanna das Leben, nachdem ihre Depression nicht langfristig behandelt wurde und sämtliche Ärzte ihren Zustand völlig falsch einschätzten.

Wenn ein Mensch wiederholt an einen Punkt im Leben gerät, an dem er ein solches Leid erfährt, hat er zwei Möglichkeiten. Er gibt sich und das Leben komplett auf. Oder er kämpft und geht weiter. Claire Tomalin entschied sich für letzteres. Jedes Mal.

Ganz sicher ist es zu großen Teilen der Literatur zu verdanken, dass Tomalin sich niemals aufgab. Jedoch stürzte sie sich nicht blind hinein in die Arbeit, um die Trauer und den Schmerz zu verdrängen, sondern fand Kraft und Halt in ihr. Es ist zum einen bemerkenswert, dass sie überhaupt die Stärke hatte, unter den gegebenen Umständen und auch im zeitlichen Kontext eine Familie und einen Beruf miteinander zu vereinbaren; zum anderen aber auch deshalb, weil sie ihren Weg ging in der Verlagswelt der 60er, 70er und 80er Jahre, die ja bekanntlich selbst heute noch eine ausgewiesene Männerdomäne ist. Vor ein paar Jahrzehnten war es aber tatsächlich eine große Ausnahme, dass der Status einer weiblichen Angestellten über den einer Sekretärin hinausging. Tomalin aber schaffte es, von der Sekretärin bei Heinemann zur Literaturrezensentin aufzusteigen. Nach und nach weitete sie ihre Kontakte in die Szene aus und übernahm zunehmend auch Aufträge für andere Verlage. Hauptsächlich bestanden diese darin, Manuskripte zu lesen und zu bewerten. 1966 beschloss sie, ihre Fühler auch in Richtung Journalismus auszustrecken und begann, für diverse Zeitungen und Magazine zu schreiben. Ihre ganz persönliche Nische fand sie allerdings erst, als sie begann, selbst Bücher zu schreiben. Mit ihrer ersten Biografie über die Feministin Mary Wollstonecraft fand Tomalin zurück zu ihrem ursprünglichen Traum. Nach Stationen als Lektorin beim „New Statesman“ und als Redakteurin der Literaturseiten der „Sunday Times“ gab Tomalin schließlich die Festanstellungen auf und widmete sich ganz dem Schreiben von Biografien. Mit 53 Jahren fand sie ihre wahre Bestimmung.

I was now embarking on the happiest time of my professional life, examining the histories of women and men who interested me and doing my best to make sense of their struggles and achievements. (…) working on a biography means you are obsessed with one person and one period for several years. Another life is bound up with yours and will remain so for the rest of your own life. (…) You have looked into the context of their lives in every aspect, examined their family backgrounds, their beliefs, their tastes, their eccentricities, their friends and enemies, their quirks and mysteries, their betrayal and unhappiness, their political allegiances, their medical histories, their finances, their children, their reputations both in life and posthumous. You will have been surprised by them, maybe disappointed, amused, amazed. Your interest is so strong it can be called a passion.

Dieser Artikel kann leider nicht alle Aspekte herausgreifen, für die Tomalins Biografie steht: den einer Frau, die sich gegen die Demütigungen des Patriacharts behauptete, den einer Mutter, die nach dem Tod ihres Mannes alleinerziehend war und neue Wege ging in der Pflege eines behinderten Kindes, den einer Trauernden, den einer Reisenden, den einer leidenschaftlichen Biografin, die so viel Interessantes über die Persönlichkeiten zu sagen hat, über die sie schrieb. All dies dürfen sich die geneigten Leser*innen selbst erschließen.

Was Tomalins Biografie vor allem zeigt: es ist völlig ok, das Ziel über tausend Umwege zu erreichen. Und es ist auch ok, es zwischenzeitlich mal aus den Augen zu verlieren. Aber es ist unglaublich wichtig, etwas im Leben zu haben, das eine Konstante bildet, einen Seelentrost, eine Glücks- und Energiequelle. Denn die Stürme können uns mitunter ziemlich aus der Bahn werfen. Aber mit einem Anker wird es immer möglich sein, weiter zu gehen.

Claire Tomalin. A life of my own. Erschien 2018 bei Penguin Books.

Your own life in the ones of others. Claire Tomalin. A Life of my own.

My mother told me early that whatever happens to you, however unhappy you may be, you can escape into a book. She was right.

What makes biographies about famous personalities so popular? What is the benefit of reading about other people’s lives?

It might be the same principle of social media addiction. We hope to find ourselves in their lifes. On one hand, we hope to find out we are at least a bit extraordinary like they are. On the other hand, it is a relief to find out even film stars and politicians have to go to the toilet, or experience embarassing sex fails, or drive their cars into a tree, or have to face the cruel hand of fate as we all have to do in our lifes. Maybe we then get inspired by them on how to deal with all this.

A person who knows how to picture all these aspects of life is Claire Tomalin. Her biographies about writers such as Jane Austen, Katherine Mansfield and Charles Dickens won various awards.

In „A Life of my Own“ Tomalin is not focusing on someone elses life but tells the story of her own life in such a captivating way that it felt to me like I was reading a novel rather than an autobiography. I had never heard of Claire Tomalin or one of her books before, but it took just a few pages until I could identify with this woman whose anchor in life is and always has been literature.

Claire Tomalin was born in 1933 as the daughter of a French father and a British mother. Her mother, a gifted concert pianist, encouraged Claire in her early love for books. Before she started to study at Cambridge, Claire had no doubt she was going to be a poet – during her time at university she lost the belief in her abilities as a writer and made the more pragmatic decision to attend a secretary school in London.

In Cambridge Claire met her future husband, Nick Tomalin, who had already showed his talent at university and was going to become a well known Journalist. They got married soon, but one important thing was missing in their relationship: love. It was a difficult marriage, but when Nick got killed while reporting for the Sunday Times in Israel in 1973 on the Yom Kippur War, it was a huge shock for Claire and the rest of the family. She was left behind with three daughters and a physically disabled son. The loss of her husband unfortunately wasn’t the first and wouldn’t be the last for Claire Tomalin. In 1960 her first son Daniel died a month after he was born. In 1980 she lost her 23 year old daughter Susanna to suicide after the doctor’s didn’t take her depression seriously enough.

When someone has to face circumstances like this over and over again in their life, there are two possible directions they can decide to follow. To give up on everything, or to fight and move on. Claire Tomalin decided on the second one, every time.

Literature is one of the main reasons why Claire Tomalin never lost the track of her life. It wasn’t that she dived into work to forget her pain and grief. It was more that she found strength and stability in it. It is remarkable that she managed to do so with the background of having lost two children and her husband, but it is even more remarkable when you think about the fact that she made her way in the literary scene of the 1960s, 70s and 80s, when it was an even more man ruled world than it is today. Back in these days it was an exception of the rule when a woman got more responsibility than as a secretary or an editorial assistant. Tomalin managed to leave the status as a secretary in the Heinemann publishing house and became a reviewer for manuscripts. As time moved on, she made a wide range of contacts within the publishing scene and got more and more jobs for other publishing houses, mostly reading manuscripts and deciding about their commercial qualities. But the publishing scene started to bore her so she decided to have a try in journalism. In 1966 she got her first jobs in writing for newspapers and magazines, but her personal niche was found, when she started to write her own books. With her first biography about the feminist Mary Wollstonecraft, Tomalin finally found her way back to her original dream of being a writer, at the age of 53.

I was now embarking on the happiest time of my professional life, examining the histories of women and men who interested me and doing my best to make sense of their struggles and achievements. (…) working on a biography means you are obsessed with one person and one period for several years. Another life is bound up with yours and will remain so for the rest of your own life. (…) You have looked into the context of their lives in every aspect, examined their family backgrounds, their beliefs, their tastes, their eccentricities, their friends and enemies, their quirks and mysteries, their betrayal and unhappiness, their political allegiances, their medical histories, their finances, their children, their reputations both in life and posthumous. You will have been surprised by them, maybe disappointed, amused, amazed. Your interest is so strong it can be called a passion.

Unfortunately, this article can’t cover all the aspects of the life of Claire Tomalin: a woman fighting against the patriarchy, a mother caring for her children on her own after their father’s death, discovering new paths in the care for a disabled child, a griefing wife, a traveller, a passionate biographer who has got so much to say about all the personalities she researched. All of these things are waiting to be discovered by you, the readers.

What Tomalin’s biography tells us: it is ok not to take the direct route to reach your goal and it is ok to lose the focus on it for a while. What is important is to have something constant, something that gives you consolation, which is a source of joy and energy, something that keeps you rooted in the storms of life. An anchor will always help you to move on, in her case it was literature.

Claire Tomalin. A life of my own was published in 2018 at Penguin Books.

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