Pasttime Paradise.Catherine Meurisse. Weites Land

In ihrer Vorgänger-Graphic Novel „Die Leichtigkeit“ schilderte Catherine Meurisse ihren Umgang mit den Folgen des IS-terroristischen Anschlags auf die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo, bei dem sie jahrelang als Zeichnerin gearbeitet hatte. Bei dem Anschlag am 7. Januar 2015 verlor Meurisse viele Freunde und Kollegen, darunter auch ihr Liebhaber. Sie überlebte, weil sie an besagtem Morgen verschlafen hatte und zu spät in die Redaktion kam. „Die Leichtigkeit“ ist ein Album der Verarbeitung und der Trauer, der Depression und des Infragestellens der eigenen Existenz. Aber es zeigt auch Meurisses‘ Weg zurück ins Leben. Schritt für Schritt. Langsam. Mit Rückschlägen. Nicht zuletzt ist es auch eine Hommage an die Kunst, eine der wichtigsten Konstanten im Leben der Zeichnerin, ohne die sie ihre persönliche Leichtigkeit, nämlich den Zugang zur Schönheit des Lebens und zum Humor, für sie die Grundlagen ihrer Arbeit als Karikaturistin, nicht zurückgewonnen hätte.

„Weites Land“, das am 28. Februar 2019 im Carlsen Verlag erschienen ist, nimmt die LeserInnen weit zurück in Meurisses‘ Kindheit. Es ist eine Kindheit auf dem französischen Land. Meurisse lässt die  Erinnerungen daran aufsteigen, wie ihre Eltern einen verfallenen Hof kauften und von Grund auf renovierten in dem Bestreben, ihren Kindern, Catherine und Fanny, ein Aufwachsen fernab der Großstädte zu ermöglichen.

Nach dem Vorbild des Schriftstellers Pierre Loti richten die Schwestern ein Museum auf der Baustelle ein, in dem sie alles sammeln und ausstellen, das sie während der Renovierungsarbeiten auf dem Grundstück finden. Die Bandbreite der Ausstellungsstücke reicht von verschütt gegangenen Statuen, Keramikschüsseln  und Muscheln über verschiedene getrockenete Tier-Kot-Proben und rostige Nägel – ob sich das wirklich so zugetragen hat, lässt Meurisse offen,  schafft mit diesen witzigen Anekdoten über das Museum aber einen roten Faden, der sich durch das Buch zieht und illustriert das Ankommen der Familie auf dem für sie anfangs fremden Terrain, das sich-zueigen-Machen dieses Stück Landes. Nach und nach wird es für die Geschwister und die Eltern zu einem Zuhause.

Eine große Rolle spielt dabei auch der Garten, der von den Eltern mit liebevollem Idealismus angelegt wird, indem sie ihren Lieblingsschriftstellern und deren floralen Vorlieben nachzueifern versuchen. Beide stammen aus einem bildungsbürgerlichen Millieu, die Lieblingsschriftsteller – neben Loti auch Proust, Montaigne, Rabelais und Zola, sind allgegenwärtig und werden in der Familie besprochen wie schrullige, aber geliebte Verwandte. Es sind diese Jahre der ständigen Präsenz der Natur und ihrer Faszinationen und die spielerische Heranführung durch die Eltern an Literatur, Musik und Kunst, die den Grundstein legen für Meurisses‘ spätere Lebenskonstante.

„Weites Land“ scheint auf den ersten Blick keinen so starken, politisch brisanten Aufhänger zu haben wie „Die Leichtigkeit“. Wer jedoch denkt, es wäre einfach ein Buch über eine Kindheit auf dem Land zwischen Kuhmist und Botanik, irrt. Denn auch diese Graphic Novel offenbart psychologische Tiefe und politische Relevanz.

So klingt das in „Die Leichtigkeit“ im Vordergrund stehende Thema des Umgangs mit dem Tod an und wirft Schatten voraus auf die fürchterlichen Erfahrungen, die Meurisse in ihrem Leben noch machen wird. Weitere große Themen sind die Veränderungen in der Landwirtschaft, die verheerenden Folgen der zunehmenden Industrialiserung und Zerstörung der Natur und die Verstädterung der Dörfer und der Kultur auf dem Land. Meurisse schildert diese Dinge aus der Sicht ihres kindlichen Alter-Egos, dessen Eltern sich im Kleinen zu widersetzen versuchen, indem sie ihr eigenes Stück Natur wie einen heiligen Gral behandeln.

Die Natur spielt in Meurisses‘ Buch eine zentrale Rolle. Sie verkörpert den Wohlfühlort ihrer Kindheit, den sicheren Hafen, an den sie sich als Erwachsene zurücksehnt, nachdem sie durch die Ereignisse in Paris grundlegend durchgerüttelt wurde. Vor dem Hintergrund ihres Kunstverständnisses schlägt sie den Bogen zur romantischen Malerei, in der die Künstler mittels ihrer Werke die Suche nach dem verlorenen Paradies zum Ausdruck brachten. Das verlorene Paradies – das ist bei Meurisse durch die verschiedenen anklingenden Themen mehrfach besetzt. Es ist eben jene Kindheit, die so nicht wiederkommt, es ist die Unberührtheit der Natur, die zerstört wurde, und es ist die Unbeschwertheit jenes Lebens, das noch nichts vom Tod wusste.

Auch diese Graphic Novel trägt unverkennbar Meurisses‘ Handschrift, diese Kombination aus leichtfüßigen Zeichnungen und dem  Witz, der im einen Moment fein und sensibel auf Details in Situationen reagiert und im anderen Missstände messerscharf anprangert. Erneut lädt Meurisse ihre LeserInnen auf eine Reise zu den Grundsätzen der menschlichen Existenz ein.  Ich rate dazu, die Einladung anzunehmen; witziger wird’s woanders nicht.

Die deutsche Ausgabe von Catherine Meurisse. Weites Land ist im Carlsen Verlag erschienen und wurde übersetzt von Ulrich Pofröck. Die französische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel LES GRANDES ESPACES bei DARGAUD.

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