Let’s talk about Sex. Leïla Slimani & Laetitia Coryn. Hand aufs Herz.

Neulich hat mich jemand gefragt, was Graphic Novels von Romanen unterscheidet und was sie für LeserInnen so attraktiv macht. Während auf dem deutschen Buchmarkt bis vor ein paar Jahren kaum Graphic Novels vertreten waren, steigt das Angebot gerade stetig. Ich glaube, dass der größte Unterschied zwischen diesen beiden Textmedien in der formalen Freiheit und der Unmittelbarkeit der Graphic Novel liegt. Sehr häufig wird dieses Medium genutzt, um politische Themen zu behandeln. Durch die Bebilderung entsteht oft ein dokumentarischer und auch autobiografischer Charakter. Die künstlerische Gestaltungsfreiheit, die Möglichkeit, Geschichten spotlichtartig und anti-chronologisch zu erzählen, die Veranschaulichung durch Illustrationen- all das verbindet den Informations- und Bildungscharakter mit dem Potenzial, kurzweilig und unterhaltend zu sein. Eine Graphic Novel ist in der Regel schnell gelesen, eignet sich also auch für Menschen mit wenig  Zeit, die aber trotzdem politisch interessiert sind und die nicht nur Zeitungen oder Nachrichtenapps lesen wollen. Zwar existiert auch die Form der fiktional-unterhaltenden Graphic Novel, die beispielsweise literarische Klassiker für ein neues Publikum zugänglich zu machen versucht, jedoch lässt sich derzeit beobachten, dass vor allem feministische Themen sehr gern in Graphic Novels verpackt werden. Eine davon ist Hand aufs Herz, die 2018 erschienene Graphic Novel der Autorin Leïla Slimani.

2015 war Slimani auf Lesereise in Marokko unterwegs. Nach einer dieser Lesungen kam sie mit einer jungen Frau ins Gespräch, die ihr ganz offen von den Problemen der Frauen in ihrem Land erzählte. Das ist ungewöhnlich, denn in Marokko existieren die besagten Probleme offiziell nicht. Hinter verschlossen Türen spielen sich Tragödien ab, von jeder*m akzeptiert und ignoriert. In der folgenden Zeit führte Slimani noch viele weitere solcher Gespräche, die sie in Hand aufs Herz dokumentiert. Slimani sprach mit FeministInnen, AktivistInnen und ganz „normalen“ Menschen aus verschiedenen Schichten der marokkanischen Gesellschaft. Daraus ergibt sich ein Panorama aus Missständen unter denen vor allem Frauen extrem leiden.

Als Deckmäntel für deren Unterdrückung halten unter anderem her:  Moral & Anstand, Religion(en), Tradition, Abgrenzung gegen die westliche Welt. In ihrer Graphic Novel macht Slimani die Doppelmoral sichtbar, mit der die Männer in Marokko auf der einen Seite ungehemmt ihre sexuellen Triebe ausleben und gleichzeitig dafür sorgen, dass sich Frauen permanent zwischen Scham- und Schuldgefühlen bewegen. So ist es für die Männer also ok, vor- und außerehelichen Sex mit Frauen zu haben, aber heiraten möchten sie bitte nur eine Jungfrau. Weil: ist schließlich schon immer so gewesen! Frauen werden wie Objekte behandelt und unter dem Vorwand, sie vor den Aufdringlichkeiten der Männer schützen zu müssen (Haha! Merkt denn niemand, was für ein RIESENWITZ das ist?), jeglicher Rechte beraubt und zu Hause eingesperrt. Es wird so getan, als gäbe es weder Sex und Erotik und natürlich hat auch niemand jemals das Bedürfnis gehabt, die eigenen sexuellen Wünsche und Vorlieben zu thematisieren. Gleichzeitig verzeichnet Marokko einen extrem hohen Pornokonsum und viele Familien sind finanziell abhängig von der Prostitution ihrer Frauen. Diese werden dafür aber dann geächtet, gewaltsam bestraft und beschimpft. Dankbarkeit sieht anders aus. Es scheint fast so, als wäre die marokkanische Gesellschaft total vernebelt von diesem permanenten Schwanken zwischen Faszination und Abscheu für weibliche Körper. Als würde sie es einfach nicht schaffen (wollen), im 21. Jahrhundert anzukommen.

Obwohl heute viele Frauen aus den jüngeren Generationen ihre Sexualität ausleben und unverheiratet Sex haben, so schwingt doch bei allen, mit denen Slimani sich unterhält, das Bewusstsein darüber mit, dass sie deshalb als Schlampen gelten und dass ihre Chancen, einen Ehemann zu finden, vernichtend gering sind. Auf der einen Seite sind diese Frauen sehr selbstbewusst und emanzipiert, auf der anderen aber doch auch verunsichert, weil es eben eine Sache ist, wenn man selbst fortschrittlich denkt, eine andere aber, wenn man eine der wenigen fortschrittlich denkenden Personen ist in einer extrem konservativ eingestellten Gesellschaft. Obwohl viele Frauen versuchen, sich von den starren Rollen- und Normenkorsetts zu befreien, ist doch der öffentliche Druck auf sie enorm, unter dem sie als Unverheiratete mit zunehmendem Alter stehen. Einige, die diesem Druck auf Dauer nicht mehr standhalten konnten, entschieden sich sogar für sehr teure kosmetische Eingriffe und ließen sich das Jungfernhäutchen wiederherstellen in der Hoffnung, so auch ihr Ansehen wiederherstellen zu können. Sidenote: Natürlich bleibt Sex vor und während der Ehe für Männer ohne jegliche Konsequenz. Besonders traurig ist, dass viele Frauen sogar erleichtert sind, wenn sich ihr Ehemann jemand anderen für den Geschlechtsakt sucht. Weil dann für sie zumindet zeitweise die tägliche Tortur, die in vielen Fällen einer Vergewaltigung gleichkommt, ein Ende hat.

Slimanis Comic-Reportage schildert den Irrsinn hinter den in Marokko gängigen Regeln und Praktiken. Junge Mädchen werden zwangsverheiratet. Von Vätern und Onkeln vergewaltigt. Natürlich sind immer sie selbst schuld, wenn sie dabei schwanger werden. Frauen dürfen keine Schwangerschaftsabbrüche vornehmen lassen (es sei denn, es muss aus medizinischen Gründen erfolgen, aber das unterliegt dem ärztlichen Ermessen). Über Liebe und Gefühle wird nicht gesprochen. Frauen dürfen keine Bananen oder Gurken anfassen, da sie männlichen Geschlechtsteilen ähneln (I cannot even…). Homosexualität gibt es nicht. Und was es nicht gibt, kann auch nicht zum Problem werden. Und falls doch, löst man Probleme am besten mit Gewalt. WHAT?

Spannend ist, dass in diesem Buch all jene Frauen zu Wort kommen, die sonst alles schweigend hinnehmen müssen, das ihnen angetan wird. Weil sie keine öffentliche Stimme haben und willkürlicher  Bestrafung ausgesetzt sind, wenn sie für ihre Grundrechte einzustehen versuchen. Hier zeigt sich wieder, was das Medium Graphic Novel leisten kann: Illustratorin Laetitita Coryn gibt mit ihren Illustrationen diesen Frauen ein (natürlich anonymisiertes) Gesicht. Sie macht sie greifbar. Holt sie aus ihren Zwangsverstecken. Und Slimani gibt ihnen eine Stimme.

Slimanis Gesprächspartnerinnen sind überwiegend Frauen, die bereits den ersten Schritt in Richtung Emanzipation gewagt haben. Es wird aber auch deutlich, dass ein Großteil der marrokanischen Frauen sich ihrer unterlegenen Situation gar nicht bewusst ist, weil ihnen zum Beispiel der Bildungshintergrund fehlt (besser gesagt: verwehrt wird!) und dass ein wichtiger Schritt in Richtung Veränderung wäre, dass sie diese erstmal erkennen (können).

Weil in Marokko öffentlich über nichts gesprochen werden darf, das in irgendeiner Weise mit Sexualität zu tun hat, besteht auch fast keine Chance, neue Rollenbilder und Identitätsbegriffe zu schaffen und Sexualität in diesem Zuge als etwas Positives zu werten. Das würde im Endeffekt ja nicht nur den Frauen, sondern auch den Männern sehr zu Gute kommen: entspannt mit Sexualität umgehen, ein Traum!

Der Status Quo in Marokko scheint aber extrem festgefahren und das ist tragisch, denn was Slimanis Gespräche auch hervorbringen ist, dass viele junge marokkanische Männer eigentlich gar nichts von den konservativen, patriarchalen Mustern halten, in denen sie erzogen wurden. Sie trauen sich aber nicht, sich für eine Veränderung einzusetzen, weil sie unter dem Druck der Öffentlichkeit und ihrer Familien stehen und zu große Angst vor den Konsequenzen haben. Die öffentliche Meinung ist in Marokko die höchste Richterin. Trotzdem hinterlässt Slimani ihre LeserInnen nicht komplett verzweifelt, weil sie mit vielen Menschen spricht, die sich den Widrigkeiten zum Trotz für Aufklärung, einen freieren Umgang mit Sexualität und für die Durchsetzung der Grundrechte für Frauen einsetzen. Zu Wort kommt beispielsweise der Regisseur Nabil Ayouch, der mit seiner Doku Much Loved , die von vier Prostituierten in Marrakesh erzählt, 2015 für heftige Kontroversen gesorgt hat. Das öffentliche Ärgernis ging so weit, dass er und die Frauen aus dem Film Morddrohungen erhielten. Offenbar wollte man sich nicht eingestehen und vor allem dem Rest der Welt nicht zeigen, dass in der Realität sehr wohl so etwas wie Prostitution im Land existiert.

Hand aufs Herz ist ein wichtiges Buch. Und ein weiterer Beweis dafür, dass in vielen Teilen der Welt noch extrem viel Arbeit dafür geleistet werden muss, dass Frauen eine eigene Stimme bekommen. Und man ihnen endlich zuhört.

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