Schluss mit Unlustig. Liv Strömquist: I’m every woman

Mitte März machte in meiner Social Media Bubble eine Nachrichtenmeldung über einen Mann die Runde, der zum „Spitzenvater“ gekürt und mit 5.000€ Preisgeld belohnt worden war. Daran kam wohl nicht nur mir einiges ziemlich falsch vor, denn es folgte eine Welle an teils belustigten, größtenteils aber ziemlich fassungslosen und empörten Kommentaren dazu. Nicht nur Mütter machten ihrer Wut darüber Luft, dass es im Jahr 2019 offenbar immer noch als Wahnsinnsleistung gilt, wenn der Mann die unbezahlte care-Arbeit zuhause übernimmt. Etwas, das unzählige Frauen all over the world jeden Tag tun, ohne dafür irgendwelche credits zu bekommen, geschweige denn ein Preisgeld dafür, dass sie ihren super erfolgreichen Männern den Rücken freihalten. An dem Fall ist deshalb einiges falsch, weil es eben als Besonderheit herausgestellt wird, dass der Mann sich um die Kinder kümmert, und gleichzeitig wird suggeriert, dass es eben auch tatsächlich ein Sonderfall ist, weil die Frau als Astronautin arbeitet und der Mann ihr durch sein aufopferndes Verhalten ermöglicht, ihren Traum zu leben. Wäre es für sie um einen Job bei Aldi an der Kasse gegangen, wäre die Familie niemals für einen solchen Preis in Frage gekommen – und das ist noch so ein weiteres Ding, das im Jahr 2019 noch nicht als Selbstverständlichkeit gilt. Frauen in sogenannten „Männerberufen“, Frauen, die Karriere machen. Solange das eine Schlagzeile wert ist, ist es nicht normal. Solange stehen Frauen weiterhin im Schatten der Männer, solange wird weiterhin zweierlei Maß angelegt.

Liv Strömquist, die sich mit den Graphic Novels „Der Ursprung der Welt“ und „Der Ursprung der Liebe“ bereits einen festen Platz in meinem „Frauen, die was zu sagen haben und dabei noch unfassbar WITZIG sind“-Herzen gesichert hatte, legt nun mit „I’m every woman“ den dritten ins Deutsche übersetzten Comic vor. In diesem thematisiert sie erneut brandaktuelle Themen (siehe oben!), über die viel zu lange nicht ausreichend diskutiert wurde.

Es geht um Frauen, die im Schatten ihrer berühmten Männer, den so vielgerühmten Genies aus Kunst, Politik, Musik und Co., standen und sich während der Beziehung einiges an krasser Scheiße gefallen lassen mussten. Permanente Trunkenheit und Dämlichkeit (Lee Krasner, Freundin von Jackson Pollock). Beleidigende Briefe nach der Trennung und die komplette Vertuschung der Tatsache, dass er die Relativitätstheorie nicht allein erforscht hat (Mileva Maric, Ex-Frau von Einstein). Und einige sind da auch leider nicht lebend rausgekommen (Nadja-Alliujewa-Stalina). Andere haben den Befreiungsschlag gewagt und sich aus den toxischen Verbindungen befreien können, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen, in dem ihre eigene Kunst oder Arbeit endlich im Vordergrund stehen konnte (Tulla Larsen, Ex-Frau von Edvard Munch – übrigens drängt sich während der Lektüre der Eindruck auf, alle gefeierten Werke männlicher Künstler sind völlig besoffen entstanden). Neben diesen Pop-und-Politik-historischen Fallbeispielen dekonstruiert Strömquist auch in diesem Buch Familienmodelle (das Kapitel über das vielpropagierte Konstrukt der Kernfamilie ist hilarious!) und Frauenbilder. So kritisiert sie die Verklärung von Frauen im Sinne einer Weichzeichnung der weiblichen Macht ins uneingeschränkt Positive, was ihrer Meinung nach einer ECHTEN Gleichstellung der Geschlechter im Wege steht. Denn einfach nur gleich viele Männer und Frauen in Betrieben und Führungsebenen einzusetzen, bedeutet nicht, dass dadurch automatisch alles „humaner“ oder „sanfter“ zugeht, weil die Realität eben nicht so aussieht, dass Männer harte Schweine sind und Frauen nur rumheulen. Strömquist zeigt auf, dass es für eine echte gesellschaftliche Veränderung eine radikalere feministische Vision braucht. Und die muss auf allen Ebenen zum Tragen kommen, was extrem schwer ist. Denn wie bitte schön ändert man jahrhundertelang biologisch zugeschriebene Eigenschaften von Grund auf? Wie mein Beispiel Eingangs zeigt, wird dafür noch ziemlich viel harte Arbeit von Nöten sein.

Strömquist legt auch in diesem Buch ihren Finger genau auf die Punkte, die wehtun. Sie scheut sich nicht davor, Ereignisse oder Sachverhalte extrem zu überspitzen und stellenweise mit sehr scharfem Humor zu kommentieren. Das  Ding ist aber, dass genau dadurch der Irrsinn patriarchaler Strukturen sichtbar gemacht wird. Wir alle leben schon so lange in ihnen, dass uns vieles selbstverständlich erscheint. Vor allem in Deutschland, wo es uns ja trotz aller Geschlechterungleichheiten und Ungerechtigkeiten doch so gut geht, dass wir nicht daran zugrunde gehen, dass die meisten von uns trotzdem ein nettes Leben haben. Da ist vielleicht der einzige Weg, um mal kurz aus dem Watte-Wonne-Ich-will-mich-nicht-mit-schwierigen-Sachen-befassen-Zustand aufzuwachen der, volle Kanne provokante Witze in die Hirngegend geballert zu bekommen.

Strömquists Stil ist einzigartig und unverwechselbar. Mit ihren Zeichnungen und Collagen gibt sie der Sprachebene einen irgendwie simpel anmutenden und doch gewaltigen visuellen Ausdruck. Ihre Comics sind frech, innovativ und pussy positive, was sicher so mancher Betrachter*in sauer aufstößt, während er/sie sich ansonsten von der Pimmelbeweihräucherung all over the place nicht im Mindesten gestört fühlt (Stichworte: Gewohnheit, Konstrukte, ermüdendes male power Zur-Schau-Gestelle) . Mein Favorit ist die Doppelseite mit den lachenden Vaginas. Gehört groß auf Plakate gedruckt und in Herren-Toiletten gehängt, vorzugsweise in Parlementen und Chefetagen.

„I’m every woman“ erschien 2019 im avant-verlag. Danke für das Rezensionsexemplar! Die Originalausgabe erschien 2018 bei Ordfront/Galago.

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