Schlaf Kindlein. Ottessa Moshfegh: My Year of Rest and Relaxation

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Grundvoraussetzung für ein erfüllendes Lektüreerlebnis ist normalerweise, dass das entsprechende Buch es seinen LeserInnen leicht macht, es zu mögen. Im Fall von Ottessa Moshfeghs zweitem Roman My Year of Rest and Relaxation scheint es allerdings, als würde sich das Gesamtpaket absichtlich etwas widerspenstig aufführen. Für mich fing es bereits mit dem Cover an. Hätte ich eine Liste für meine liebsten Coverfails, dieses stünde ziemlich weit oben.  Ich meine… was ist DAS? Ok, augenscheinlich ist es ein Gemälde, das in der National Gallery of Art in Washington hängt, aber muss man es deshalb gleich auf den Umschlag eines Romans drucken? Ich glaube nicht! Für mich erschließt sich die wahrscheinlich sehr deepe Verbindung zwischen Covermotiv und Inhalt der Geschichte nicht. Außer halt, dass sowohl die Protagonistin als auch die Frau auf dem Bild aktuell wenig Spaß an ihrem Leben  haben.  Der deutsche Verlag hingegen muss das Cover so gefeiert haben, dass er es gleich mal übernommen hat, was eher nicht der Standard ist – Wie auch immer. Ich fand jedenfalls die Story so spannend, dass ich über das Cover irgendwie hinwegsehen konnte.

Problematischer als ein hässliches Cover ist tatsächlich nur noch eine hässliche Protagonistin – zumindest was ihren Charakter angeht. Die namenlose Protagonistin in Moshfeghs Roman ist leider alles andere als sympathisch. Eine Hürde, die man als LeserIn bereit sein muss zu nehmen, wenn man dem Buch gern eine Chance geben möchte. (Es soll ja Menschen geben, die legen Bücher knallhart weg, wenn ihnen die erste Seite nicht gefällt. Oder eben das Cover. Sorry. Ich erwähne es ab jetzt nicht mehr.)

Also, die Ausgangssituation ist diese: Manhattan im Jahr 2000. Eine junge Frau Ende 20 beschließt, sich das nächste Jahr über mit Schlaf- und Beruhigungsmitteln komplett wegzubeamen. Sie plant, sich in ihrer Wohnung einzuschließen, Tabletten zu nehmen, alle paar Tage aufzuwachen, aufs Klo zu gehen, was zu essen, und dann wieder Tabletten zu nehmen. Sie sucht sich eine Psychaterin, die nicht sehr engagiert versucht, die Probleme ihrer Patientin aufzudecken, geschweige denn zu lösen, und ihr bereitwillig immer wieder neue, stärkere Tabletten verschreibt (hier habe ich mich gefragt, ob es in Amerika tatsächlich so ist, dass der Fokus bei der Behandlung mentaler Probleme stärker auf der Medikation als auf einer gesprächsbasierten Psychotherapie liegt).

Die junge Frau hat genug. Von allem. Vor allem vom Leben und von sich selbst. Sie ist zynisch, sie ist arrogant, sie ist egoistisch, selbstgefällig und unerträglich. Ich habe selten ein Buch gelesen, dessen Hauptfigur ich so abstoßend fand. Trotzdem konnte ich es nicht weglegen. Trotzdem war ich daran interessiert, was aus ihr wird.

Vielleicht, weil immer wieder durchschien, dass die junge Frau vor allem genug hat vom Schmerz. Beide Eltern sind verstorben, als sie noch zur Uni ging. Was sie ihr hinterließen, ist ein beträchtliches Vermögen, von dem sie sich problemlos finanziert. Auch das ermöglicht es ihr, einfach ein Jahr auszusteigen. Die Wohnung und die Rechnungen sind bezahlt.

Soziale Kontakte hat sie kaum. Die Psychiaterin. Die ägyptischen Männer im Laden, in dem sie zwischen ihren Blackouts Eis und Kaffee kauft. Trevor, ihre On-/Off-Affäre. Reva, ihre einzige Freundin, deren Mutter gerade an Krebs stirbt. Reva, die sie eigentlich nicht leiden kann und verachtet. Oder es zumindest vor sich selbst und den LeserInnen glaubhaft so darstellt. Denn wenn sie eins wirklich richtig gut kann, dann ist es, sich in ihrem Kokon aus Boshaftigkeit und Kaltschnäuzigkeit einzuschließen und den Rest der Welt auszusperren. Sogar, als Revas Mutter schließlich stirbt, hat sie kein einziges tröstendes Wort für ihre Freundin übrig.

Nach und nach offenbart sich ein wenig, weshalb man für die Protagonistin trotz Fehlen jeglichen Sympathiepotenzials doch Empathie empfinden könnte (und das, liebe LeserInnen, ist entgegen gängiger Annahmen bei der unbewussten Entscheidung, ob man ein Buch mag oder nicht, noch viel wichtiger als die Sympathie oder gar Identifikation mit der Figur – es ist egal, ob euer Literaturprofessor euch was anderes erzählt, die weise Frau sagt es euch!)

Zunächst erscheint vielleicht gar nicht mal so wenigen der Wunsch, einfach nur noch zu schlafen, statt sich jeden Tag mit demselben Scheiß quälen zu müssen, gar nicht so abwegig. Weil das Leben zu überfordernd, zu schnell und zu auslaugend ist. Ein Jahr schlafen und danach als jemand anderes aufwachen? Regeneriert bis in die letzte Zelle, der Kopf ein kathartischer Hort der Wonne. Klingt ehrlich gesagt ganz verlockend für mich.

Dass das natürlich nicht aufgeht, ist klar. Aber man wird ja wohl noch träumen dürfen. Dass es höchst gefährlich ist, ist auch klar. Aber genau deshalb klang das Buch ja auch so spannend. Der Protagonistin ist echt alles egal. Entweder sie schläft und wacht wie neu geboren wieder auf, oder sie schläft und wacht nicht wieder auf. Da sie das Leben vorher ja ziemlich scheiße fand, erscheint ihr der Deal wie eine Win-Win-Situation.  

Sie zieht sich immer stärkere Pillen rein, bis diese irgendwann so starke Nebenwirkungen entwickeln, dass sie immer öfter erst nach einigen Tagen wieder zu sich kommt und feststellt, dass sie ein komplexes Doppelleben führt und im Dämmerzustand einkaufen geht, sich die Haare schneidet und sogar die Nächte durchfeiert. Ob sie in diesem Zustand auch Sex hat oder irgendwelche anderen  Dinge mit ihrem Körper tut, weiß sie nicht. Es ist ihr aber auch egal. Statt wie erhofft die Kontrolle über ihr Leben zurück zu gewinnen, verliert sie diese immer mehr. Als sie entgegen aller Erwartungen zur Beerdigung von Revas Mutter erscheint, wird zum ersten Mal angedeutet, weshalb sie sich so verzweifelt an die Idee dieses Jahres der Ruhe und Entspannung klammert. Warum sie lieber schläft als zu leben.

Sie hat den Zugang zu sich selbst verloren. Und sie hat riesige Angst davor, von ihren Gefühlen übermannt zu werden.

My Year of Rest and Relaxation ist ein hartes Buch. Unsympathische Figuren, Trostlosigkeit, alles irgendwie krass. Und damit ist es vermutlich näher an der Lebensrealität vielerorts dran als ein Großteil der Romane mit sympathischen Figuren (und schönen Covern. Oops I did it again). Es ist ein Roman über Einsamkeit und die große Sinnlosigkeit, ausgelöst durch die Erkenntnis der Protagonistin nach dem Tod ihrer Eltern, dass sie eigentlich noch nie zwischenmenschliche Bindungen hatte. Stattdessen: der Fokus aufs Materielle. Der Rückzug in sich selbst.

Und warum fand ich das Buch trotzdem faszinierend und lesenswert? Weil ich die Hauptfigur zum Kotzen fand und sie trotzdem verstanden habe. Dieses Buch lehrt uns vielleicht etwas ziemlich wichtiges: die größten Arschlöcher brauchen am meisten Liebe.

Ottessa Moshfegh: My Year of Rest and Relaxation. Die Originalausgabe erschien 2018 bei Jonathan Cape. Die deutsche Ausgabe erschien 2018 unter dem Titel Mein Jahr der Ruhe und Entspannung bei Liebeskind.

Ottessa Moshfegh: My Year of Rest and Relaxation

As a reader, the most important thing usually is to have a book that makes it easy for you to like.

With Ottessa Moshfegh’s second novel My Year of Rest and Relaxation things seem to be a bit different. For me, it started with the cover.  If I had a list of my favourite ugly covers, this would be on top of it. I mean… What is THAT? OK, obviously it’s a painting in the National Gallery of Art in Washington but does that mean it has to be used as a cover of a novel? I don’t think so! Maybe I just don’t get the deep connection between the image on the cover and the content of the book, apart the fact that both the protagonist and the woman in the painting don’t really enjoy their lives at the moment. The German publishing house though seems to love the cover as they decided to use it for their edition, which is not that common actually. Anyway, I could ignore the cover as I was very intrigued by the story.

The bigger problem than an ugly cover is actually an ugly protagonist – at least concerning her personality. The nameless main character in Moshfegh’s novel is everything but likeable. That’s a hurdle you have to jump if you want to get on with this book. (I heard there are people who stop reading a book if they don’t like the first pages. Or the cover. Sorry. I won’t mention it again.)

Manhattan, 2000. A young woman in her late-twenties decides to beam her brains away with sleeping pills for the next year. The plan is to lock herself away in her flat, only getting up every couple of days to go to the toilet and eat, then take pills again and sleep. She soon finds a psychiatrist who doesn’t even try to find out about her problems or even solve them and hands her out new prescriptions very willingly. Every new prescription is for stronger pills than the ones she took before (that was the point where I asked myself if in America, in the treatment of mental issues, the focus really lies more on medication than on a psychotherapy based on talking).

The young woman is sick of everything. She is sick of herself and the life she is living. She is cynical, egoistic, complacent and unbearable. Although I rarely read a book with a protagonist that I found as off-putting as her, I couldn’t stop reading. I wanted to know what is going to happen with her in the end.

Maybe it was because, most of all, I could somehow sense that the young woman is sick of the constant pain in her life, both her parents died when she went to University. They left her so much money which allows her to pay her flat and bills during the year she is going to spend asleep.

She has very few social contacts: her psychiatrist; the Egyptian men down in the shop, where she buys coffee and ice cream between her blackouts; Trevor, her on-/off-affair; Reva, her only friend, whose mother is dying from cancer. Reva, whom she actually doesn’t like at all. At least, that’s what she tries to make the reader think, and herself. Even when Revas mother finally dies, she is not able to say any warm words to her.

Little by little, although there is not an inch of potential to be seen as likable in the protagonist, you start to understand why you could feel something like empathy for her (Dear readers, this is more important for the decision on whether you like a book or not, than if you like the characters and can identify with them…..even if your Professor for Literature tells you something different, believe the wise lady!).

To be honest, the aim to sleep for such a long time instead of having to deal with the daily shit sounds quite appealing…. or is it just me? Life is too difficult sometimes, too overwhelming, too exhausting. Sleeping for a full year and returning as someone else, fully recovered? Yes, I get the idea of it.

This is not working out of course, It is dangerous too. But this is what makes the book so captivating. The protagonist doesn’t care at all. She either sleeps and wakes up like a new born or she sleeps and never wakes up again. Life was shit for her before, so the deal sounds to her like a win-win situation.

The pills she takes get stronger and stronger, until they develop serious side effects. She finds out she is living a second life while she is asleep. She goes to the supermarket, cuts her hair, joins in parties in clubs. Whether she has sex or is hurting her body in these conditions, she doesn’t know and she doesn’t care at all. She hoped to get back control over her life but she is losing it more and more instead. When she shows up at the funeral of Reva’s mother, against the expectations of everyone and herself, it’s indicated for the first time why she so desperately holds on to her year of rest and relaxation, why she prefers to sleep rather than to live.

She lost the connection to herself and she is scared as fuck to find it again.

My Year of Rest and Relaxation is a tough book. Dislikeable characters, desolation, everything very hard to bear and with that, the story is closer to the reality of many people than a novel with very nice characters (and very nice covers, but I won’t get into that again). It’s a novel about loneliness and the big senselessness of everything after she lost her parents and her realisation that she never had any strong human relationships, instead focussing on material things and hiding in herself.

Why did I find this book so fascinating and would completely recommend reading it? Because I hated the main character and understood her at the same time. This book can teach us something very important: often the biggest assholes are the ones most in need of love.

Ottessa Moshfegh: My Year of Rest and Relaxation was published in 2018 at Jonathan Cape.

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