Weitermachen. Tina Turner. My Love Story.

Wenn man mich fragt: Was tust du, wenn die Welt sich gegen dich wendet?, antworte ich: weitermachen.

Manchmal geht mir das mit meinen Lieblingskünstler*innen so: Ihre Musik begleitet mich schon fast ein Leben lang oder zumindest einen beträchtlichen Teil davon, weil irgendetwas daran ganz tief an mein Innerstes rührt, ohne dass ich genau benennen könnte, was es ist. Und erst, wenn ich mich dann mit ihren Leben beschäftige, fügt sich alles zusammen und ich weiß, was mich da in den Liedern angepiekst hat, womit ich mich identifizieren konnte, mit welchen Gefühlen meine Seele räsoniert hat.

Mit Tina Turner war es im Grunde nicht anders. Ich feiere ihre Musik, weil ich 1. Generell auf die 80s stehe, und weil ich mich 2. Immer stark, mutig und dem Leben gegenüber erhaben fühle, wenn ich zu Songs wie I can’t stand the Rain oder Better Be Good To Me durch die Wohnung tanze. Über ihr Leben allerdings wusste ich bisher nicht sehr viel.

Deshalb haben mich auch schon die ersten Kapitel von My Love Story sehr mitgenommen. Mein Gott, was ist das für eine Wahnsinnsfrau! Mit 19 lernt sie Ike Turner kennen, der zum damaligen Zeitpunkt als Musiker schon recht berühmt war. Er nimmt sie als Backgroundsängerin mit auf Tour, einige Jahre später sind die beiden zusammen mit der Ike & Tina Revue unterwegs und international erfolgreich. Mit 23 heiraten sie. In Mexiko, ohne Eheversprechen, ohne Kuss, anschließend besucht der Bräutigam eine Sexshow in einem Bordell.

Die Ehe von Ike und Tina war gekennzeichnet durch Gewalt und Machtspiele, Ike hielt Tina klein, zwang sie, aufzutreten, selbst wenn es ihr nicht gut ging. Sie durfte ihre Kinder kaum sehen und war eigentlich non stop unterwegs, immer dem großen Erfolg, dem Weltruhm hinterher jagend. Ike behielt die Gagen für die Auftritte ein, Tina war quasi mittellos. Komplett abhängig von ihrem Mann. Regelmäßig verprügelt, verspottet und gedemütigt. Und dann, eines Tages, irgendwo während einer Konzertreise, hatte Tina genug. Während Ike schlief, stahl sie sich davon. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir hier von den 70er Jahren sprechen und Tina Turner aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe und ihrer sozialen Herkunft einer mehrfachen Minderheit entsprach. Es war also sicherlich kein einfaches Unterfangen, ohne Geld und konkreten Plan vom Ehemann wegzulaufen, der zudem auch so einflussreich war, dass frühere Fluchtversuche daran scheiterten, dass Tina immer recht schnell von jemandem eingefangen und wieder bei Ike abgeliefert wurde.

Dennoch gelang Tina Turner an diesem Tag die Flucht, mit nichts im Gepäck als ihrem unverwüstlichen Optimismus. Der und der Glaube an das Gute und einen Sinn in allem, das geschieht, waren wohl die Gründe, weshalb sie überlebte. Nicht nur dieses eine Mal.

Das Buch ist zugegebenermaßen kein sprachliches Highlight (wobei ich ein bisschen die deutsche Übersetzung verdächtige, diesen Eindruck zu verstärken, indem einfach konsequenterweise dieselben komisch klingenden Wörter verwendet werden – ich hätte ein Bullshit-Bingo allein mit „kraftvoll“ spielen können) und stellenweise gingen mir die Erwähnungen der „wunderschönen“ Outfits, die sie zu dieser und jenen Begebenheit trug, etwas auf den Keks. Andererseits erzeugt der ungeschliffene Erzählton den Eindruck, man säße als Leser*in direkt auf Tina Turners Knie, so ehrlich und nahbar erzählt sie ihre Geschichte. Immer wieder spricht sie die Leser*innen direkt an, so als handele es sich um alte Freunde (oder um die Kinder in How I met your mother).

Die meisten Biografien verhandeln einfach ein Leben von A-Z. Das Besondere an Tina Turners Autobiografie ist, dass das Motiv der Liebe sich durch alles hindurch zieht, das sie erzählt. Ihre Lebensgeschichte bis zu ihrem Durchbruch als Solokünstlerin ist hart, aber so richtig mitgenommen hat mich vor allem das letzte Drittel des Buches. Dort erzählt sie von  den Jahren schwerer Krankheit, die sie kurz nach ihrer Hochzeit mit Erwin Bach im Jahr 2013 durchleben musste. Damals war sie 73 Jahre alt. Es fing an mit einem Schlaganfall, auf den Gleichgewichtsstörungen aufgrund gelöster Kristalle im Innenohr folgten. Kurze Zeit später wurde festgestellt, dass ihre Nieren nicht mehr richtig arbeiteten, doch eine Transplantation kam nicht in Frage, da zeitgleich bösartige Tumore in ihrem Darm gefunden wurden – es war Krebs. Der Punkt war erreicht, an dem sich Turner mit dem Sterben konfrontiert sah. Selbst als Erwin ihr eine seiner Nieren zur Spende anbot, war nicht sicher, ob ihr geschwächter Körper die Operation überstehen und das Spenderorgan annehmen würde.  Doch beides war der Fall, Turner überlebte. Heute ist sie 79 Jahre alt.

Was Liebe damit zu tun hat?

Eine ganze Menge. Am Ende ist die Botschaft des Buches simpel wie abgedroschen wie wunderschön und schlicht und ergreifend wahr. Liebe ist einfach das Wichtigste im Leben. Und gleich darauf folgt ein positives mind set. Man muss nicht jeden Tag Mantras singen oder sich gänzlich dem Buddhismus zuwenden, so wie Tina Turner. Doch es hilft tatsächlich, an ein Happy End zu glauben.

Und wenn ich nicht fürchten würde, dass niemand diesen Text liest, wenn er noch länger wird, würde ich hier eine Abhandlung darüber anfügen, dass sich Liebe nicht nur zwischen zwei Menschen abspielen muss, die in einer romantischen Beziehung zueinander stehen, sondern dass ihre Erscheinungsformen unendlich und undefinierbar sind. Aber das hebe ich mir einfach mal für ein anderes Buch auf. Hier bleibt mir nur zu sagen: Tina und ich, wir glauben fest daran, dass die Anwesenheit von Liebe, in welcher Form auch immer, das eigene Leben SO VIEL BESSER macht.

Tina Turner. My Love Story. Die Autobiografie. erschien 2018 im Penguin Verlag. Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel My Love Story. A Memoir. bei Atria Books, einem Imprint von Simon & Schuster, New York.

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