Feminismus ist (k)ein Wunschkonzert. Sophie Passmann. Alte weiße Männer.

Ich persönlich kann mir ja weitaus spaßigere Dinge vorstellen, als einen ganzen Sommer lang (noch dazu im JAHRHUNDERTSOMMER 2018!!) Gespräche mit alten weißen Männern zu führen. Die einzigen alten weißen Männer, mit denen ich mich freiwillig unterhalten würde, sind Albus Dumbledore (Rowling: Harry Potter) und Ebenezer Scrooge (Dickens: A Christmas Carol). Ersteren würde ich gern fragen, wie zum Teufel er nicht bemerken konnte, dass in seiner Schule ein Jahr das Amt des Lehrers für Verteidigung gegen die dunklen Künste von einem Mann bekleidet wurde, unter dessen Turban sich Lord Voldemort verbarg; während ihm ansonsten absolut nie etwas entging, nicht einmal Kinder unter einem verdammten Tarnumhang. Mit dem anderen würde ich gern über die Frauenquote in seiner Firma diskutieren. Das war es dann auch schon mit meinem Interesse an alten weißen Männern in der Literatur, von denen in der Realität möchte ich gar nicht erst anfangen.

Sophie Passmann hat es allerdings allen Widrigkeiten zum Trotz durchgezogen und sich sozusagen zum Wohle der Menschheit ihren Sommer mit alten weißen Männern um die Ohren geschlagen. Dabei herausgekommen sind 16 Interviews. Mit dabei unter anderem: Internet-Erklärbär Sascha Lobo, Kai Diekmann, ehemaliger Chefredakteur der Welt am Sonntag und der BILD, Grünen-Bundesvorsitzender Robert Habeck, Kabarettist Claus von Wagner und Papa-Passmann. Im Zentrum ihrer Gespräche stehen große Fragen wie: Wer oder was ist eigentlich der alte weiße Mann? Wie kann man verhindern, einer zu werden? Wie sehen die Interviewten den Feminismus und halten sie ihn für notwendig? Wie sehen sich die befragten Männer selbst – alter weißer Mann oder „einer von den Guten“, zu denen für Passmann zum Beispiel Lobo und von Wagner gehören?

Ohne das Buch zu spoilern, kann ich wahrscheinlich verraten, dass es „den alten weißen Mann“ so per definitionem nicht gibt. Man kann 60, männlich und weiß sein, ohne ein alter weißer Mann zu sein. Man kann aber auch 14, männlich und weiß sein und sich wie ein alter weißer Mann verhalten. Und man kann sogar als weibliche Person die Geisteshaltung eines alten weißen Mannes aufweisen – kurzum: es geht eher um eine Reihe von Einstellungen und Haltungen, die den alten weißen Mann definieren, und weniger um Alter und Geschlecht. Am wichtigsten sind dabei wohl die Blindheit für die eigenen Privilegien (und im Falle des alten weißen Mannes gilt das sogar doppelt. Weder hat er jemals mit Sexismus zu kämpfen noch mit Diskriminierung aufgrund seiner Hautfarbe. Und Empathie, sich in Menschen hineinzuversetzen, für die das ein tagtägliches Problem ist, hat er auch nicht.) und herablassendes Verhalten gegenüber Frauen und dem Feminismus, das Aberkennen des Vorhandenseins von strukturellen Problemen für Frauen, beispielsweise am Arbeitsplatz, von (Alltags-)Sexismus, von Ungleichbehandlung, von eingeschliffenen Rollenbildern. Alte weiße Männer kennzeichnen sich auch dadurch, dass sie jeden Versuch, diese bestehenden Missstände aufzulösen, belächeln oder dessen Notwendigkeit verharmlosen. Der alte weiße Mann macht sich die Welt, wie sie ihm gefällt, und dreht Argumente in Diskussionen eben so lange, bis sie ihm in den Kram passen. Die Krone des Alte-weiße-Männertums (oder sollte man eher sagen: den Blumentopf?) hat in Passmanns Buch eindeutig Rainer Langhans gewonnen, der durch seine Mitgliedschaft in der Kommune I bekannt ist (wahrscheinlich aber auch durch seine Teilnahme im Dschungelcamp). Er demonstriert ziemlich präzise, wie der selbstgefällige alte-weiße-Mann-Mechanismus funktioniert: Langhans spricht von „Opfer-Feminismus“ und meint damit, dass Frauen doch einfach nur mal ihre selbstgewählte Opferhaltung aufgeben und den Mut haben müssten, selbst Täterin zu sein, dann würde sich schon alles von allein für uns richten. Und wenn sie das nicht hinkriegen, dann sollen sie sich halt einfach nicht immer vergewaltigen lassen. Damit spricht er auch der MeToo-Debatte ihre Relevanz ab, bezeichnet sie sogar als „Erfolgslosigkeitseingeständnis“ für die Frauen. Facepalm.

Das Feindbild des alten weißen Mannes wird dieser Tage gern zitiert, wenn es um Feminismus geht. Er hält her als Gegenpart zu den jungen Frauen, die für Gleichberechtigung kämpfen, sich dazu der Reichweite der sozialen Medien bedienen und deshalb wiederum gern als „Netzfeministinnen“ abgestempelt werden – vorzugsweise von alten weißen Männern, die ihnen damit die Seriosität absprechen wollen, denn das ist ja kein ernstzunehmender Wirkungsort, dieses Internet. Im Gespräch mit Christoph Amend, dem Chefredakteur des ZEITMagazins, wird ein – wie ich finde – interessanter Gedanke dazu erörtert, weshalb Feministinnen und alte weiße Männer bislang nicht in fruchtbare Dialoge treten konnten. Die Antwort: weil sie keinen gemeinsamen Kommunikationsraum haben. Während die Feministinnen ihre Botschaften auf Twitter, Instagram und Youtube verbreiten und bestehende Verhältnisse kritisieren, erreichen diese Nachrichten die Verantwortlichen oftmals gar nicht, weil sie sich nicht so selbstsicher und vor allem selbstverständlich im Internet bewegen wie die jüngere Generation. Passmann hat daher einen altmodischeren Weg gewählt, um ihre Interviewpartner in direkten Zweiergesprächen mit den Fragen zu konfrontieren, die sonst auf dem Weg vom Sender zum Empfänger verpuffen.

Passmanns Buch ist eine kurzweilige Lektüre, weil sie viele spannende Diskussions- und Denkansätze aufwirft. Auch ist es natürlich interessant, die männliche Argumentationsseite zu lesen. Für mich entstand allerdings der Eindruck, dass da doch viel Konsens herrschte zwischen ihr und ihren Gesprächspartnern, und dass das Spektrum dieser auch nicht besonders breit gefächert ist. Die Männer, mit denen Passmann spricht, entstammen alle in etwa demselben Bildungs- und Herkunftsmilieu, sie (fast) alle haben einen sehr intellektuellen Zugang zu dem Thema.

Eins ist aber klar: Passmanns Buch ist klug und witzig, weil Sophie Passmann halt einfach klug und witzig ist. Auf Instagram erklärt sie ihren Followern gern politische Zusammenhänge mit Haushaltsgegenständen, in ihrem Buch eröffnet sie Menschen einen Zugang zu feministischen Themen, die vielleicht bisher noch nicht so viele Berührungspunkte damit hatten (hofft man zumindest, aber vielleicht wird das Buch auch wieder hauptsächlich nur von den Menschen gelesen, die ihr auch auf social media folgen, und da wären wir wieder beim oben beschriebenen Problem zwischen den Sendern und Empfängern).

Wie auch immer, im Buch gibt es außerdem viel Wein, vegane Aufstriche und sogar ein Zwei-Sterne-Entengericht. Ist also auch kulinarisch wertvoll.

Sophie Passmann. Alte weiße Männer. Ein Schlichtungsversuch erschien 2019 im Verlag Kiepenheuer & Witsch. Danke an den Verlag für das Bereitstellen des Rezensionsexemplars!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s