Die weibliche Verantwortung. Meg Wolitzer. Die Ehefrau.

Meinen allerersten Artikel auf diesem Blog widmete ich Meg Wolitzers jüngstem Roman „Das weibliche Prinzip“. Auch in „Die Ehefrau“ ist Feminismus ein zentrales Thema.

Die Hauptfigur und Erzählerin Joan macht gleich zu Beginn der Handlung keinen Hehl daraus, dass sie ihren Ehemann hasst. Sie sitzen nebeneinander im Flugzeug, auf dem Weg zu einer Preisverleihung. Seiner Preisverleihung, denn Joans Mann ist ein erfolgreicher Schriftsteller, der jetzt mit einem bedeutenden Literaturpreis ausgezeichnet werden soll. Es ist zwar nicht ganz der Literaturnobelpreis, doch immerhin das Höchste, was ein Schriftsteller wie Joe Castleman erreichen kann. Joan allerdings zeigt sich wenig beeindruckt von den Erfolgen ihres Mannes und beschließt noch vor der Landung, dass sie Joe nach über 40 Ehejahren verlassen wird. Pikantes Detail: Eigentlich ist es nicht Joes Preis, sondern ihr Preis. Denn die preisgekrönten Romane, die von Fans und Kritik so gefeiert werden, die hat Joan geschrieben. Und sich um Kinder und Haushalt gekümmert. Und sich nie beschwert. Auch nicht über Joes Flirtereien und Eskapaden, über seine ausschweifenden, schamlosen Bäder im Ruhm. Jetzt, mit Mitte 60, fällt es Joan plötzlich wie Schuppen von den Augen: wenn sie noch ein selbstbestimmtes Leben leben möchte, wird es höchste Zeit für sie, es anzugehen.

Joan ist vor allem eins: verbittert darüber, für die Karriere ihres Mannes die Chance auf ihre eigene aufgegeben zu haben. Oder vielmehr, niemals wirklich eine Chance auf eine eigene Karriere gehabt zu haben, denn in der Zeit, in der Joan eine junge Frau war, gab es eigentlich nur einen gesellschaftlich anerkannten Weg für sie: Heirat, Kinder bekommen, Hausfrau sein. Es liegt auch an den Zeiten, die sich geändert haben, an den zahlreichen Frauen, denen Joan inzwischen auf den Literaturveranstaltungen und Preisverleihungen begegnet, die in ihr den Wandel anstoßen und auch Enttäuschung darüber erkennen lassen, dass sie nun wahrscheinlich zu alt ist, um in der Literaturszene noch mitmischen zu können – denn der Erfolg von Schriftstellerinnen ergibt sich nicht nur aus ihrem Talent, gute Geschichten zu erzählen, sondern hängt auch von Faktoren ab wie der Herkunft und dem Alter. Wolitzers Roman ist vor allem eine Kritik an der Literatur- und Verlagsbranche, in der Frauen zwar mittlerweile mitmischen dürfen, aber eben nur, wenn sie möglichst jung, möglichst gut anzuschauen und möglichst bequem sind (sie also nur nicht zu kritisch sind, zu laut, zu selbstbewusst). Damit unterscheidet sich diese Branche kaum von anderen Branchen, in denen ein großes Ungleichgewicht in der Bewertung und Behandlung von Männern und Frauen herrscht. Erst letztes Jahr sorgte der Fall um Barbara Laugwitz für großes Aufsehen. Die verlegerische Geschäftsführerin des Rowohlt Verlags, die von den Autor*innen hoch geschätzt wurde und die in der Branche für ihre ruhige aber erfgreiche Art der Führung bekannt ist, wurde aus Prestigegründen gegen den Journalisten und Bestsellerautor Florian Illies getauscht. Gegen einen Mann also, der ihr in Sachen Führungs- und Verlags Erfahrung weit unterlegen war, dessen Ruhm aber offensichtlich Einstellungskriterium genug war. Somit wurde eine der wenigen weiblichen Führungskräfte in der Verlagswelt gegangen, und nachdem der anfängliche Protest dagegen abgeklungen war, lief alles so weiter wie immer. Macht ist männlich. In der Verlagsbranche scheinbar auch weiterhin.

Als Studentin belegte Joan einen Kurs für kreatives Schreiben und war auf dem Weg, ihre eigene poetische Stimme zu finden. Dann ist sie leider mit ihrem Professor für Kreatives Schreiben durchgebrannt – Joe Castleman – und hat sich fortan ganz darauf konzentriert, seine schriftstellerischen Ambitionen zu unterstützen und an die Verlage zu bringen. Es zeigte sich nämlich recht schnell, dass Joes schriftstellerisches Talent nicht ganz so vielversprechend war wie ihres. Das ist doppelt bitter, denn ursprünglich war es Joe, der Joan in seinem Kurs dazu ermutigte, das Schreiben nicht aufzugeben. Joan allerdings fühlte sich nach Begegnungen mit erfolglosen Schriftstellerinnen sehr schnell entmutigt, es überhaupt zu versuchen. Und naja, sie ist wie gesagt mit ihrem Professor durchgebrannt und obwohl sie recht schnell merkte, dass das große Abenteuer doch eher lauwarm schmeckte und der tolle Hecht eher ein Guppy war, kam sie aus der Nummer doch nicht mehr raus. Wäre sie zurück nach Hause gegangen, hätte sie die Schmach ertragen müssen, mit einem verheirateten Mann weggelaufen zu sein, der noch dazu finanziell nicht mal sonderlich viel zu bieten hat. Es braucht wahrscheinlich nicht mal erwähnt zu werden, dass Joan weitaus mehr Spott und Verachtung zu erwarten gehabt hätte, als der verheiratete, mittellose, frisch gebackene Vater, der seine Studentin verführte. Es ist das uralte Lied: „Hätte sie nicht so einen kurzen Rock getragen, hätte er seine Finger bei sich behalten! Er konnte einfach nicht anders!“ Generell ist ein großes Thema des Romans, was Frauen dürfen und was Männer dürfen. Es macht dabei keinen Unterschied, ob wir von den 50ern sprechen, den 60ern, den 70ern oder von heute.

Die Geschlechter- und Machtverhältnisse, die hier im Bezug auf die Literaturwelt gezeigt werden, lassen sich natürlich auch auf die „normale“ Welt übertragen: Männer, die sich benehmen, als würde ihnen die Welt gehören. Männer, die auf Frauen herabschauen. Frauen, die sich in ihre zugewiesenen Rollen einfügen und keine ernsthaften Versuche unternehmen, aus ihnen auszubrechen. Die ein Leben lang vor sich hin leiden, weil sie wissen, dass sie Chancen verpasst haben.

Das, liebe Freunde, mag anmuten wie die ollste Kamelle der Welt. Vielleicht lest ihr das und denkt: Gähn! Darum geht es doch in jedem zweiten Buch, das du hier besprichst! Und ich kann dazu nur sagen: EBEN. Weil es einfach eines der größten, bisher ungelösten Probleme unserer Gesellschaft(en) ist. Und dass sich Schriftsteller*innen mit diesem Problem befassen, kommt nicht von ungefähr. Es ist ja nicht so, dass es nicht auch noch andere Dinge gäbe, über die zu schreiben spaßig wäre. Zum Beispiel all die Themen, über die die männlichen Autoren so schreiben. Die müssen ja auch nicht ständig darauf hinweisen, unter welchen Missständen sie zu leiden haben. Aber solange die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen Frauen in ihrem Aktionsradius so dermaßen einschränkt, MÜSSEN sie darüber schreiben. Es immer und immer wieder anprangern. Auch, wenn die Gefahr besteht, dass die (zum größten Teil männlichen) Verlagsvorstände bald sagen: Tja, die Feminismus-Welle auf dem Buchmarkt scheint vorbei zu sein, wir drucken eure Bücher nicht mehr. Tschö! Genau das ist der Punkt, an dem die Revolte nicht aufhören darf. Zur Zeit laufen feministische Themen auf dem Buchmarkt sehr gut und daher haben viele Schriftsteller*innen eine Plattform. Aber es wird eine Zeit kommen, wo die Verlage sagen, dass sie jetzt gerne wieder mehr Männer und männliche Themen verkaufen wollen. Somit ist der Feminismus derzeit eigentlich eher ein Kind des Kapitalismus. Das dürfen wir bei aller Freude um die schönen Feier-deine-Vagina-Bücher nicht vergessen.

Was im Zusammenhang mit Wolitzers Roman immer wieder besprochen wird, ist die Frage, ob es ein männliches und ein weibliches Schreiben gibt. Sie flicht diese Debatte selbst in ihren Text ein. Was ich allerdings noch spannender finde, ist festzustellen, dass es anscheinend auch Unterschiede in der männlichen und weiblichen Rezeption des Textes gibt. Ein Mann, der das Buch zeitgleich mit mir las, fragte mich auf meine Aussage hin, dass Joan trotz ihres nach Außen hin perfekt wirkenden Lebens – Kinder, Haus, erfolgreicher Mann, keine Geldsorgen, viele Reisen – nie wirklich glücklich war, sondern immer irgendwie nur so halb lebendig: „Warum ist sie denn nicht einfach irgendwann gegangen?“ Hätte eine Leserin diese Frage jemals gestellt? Ich glaube nicht. Sie zeigt, dass eben wirklich Unterschiede zwischen den Geschlechtern herrschen – Achtung, ich pauschalisiere jetzt sehr stark: Wenn ein Mann die Schnauze voll hat, dann verlässt er seine Familie und alle finden es doof, aber die volle Breitseite an Ächtung wird er nicht erfahren, denn ja mei, das ist es halt, was Männer tun. BOYS WILL BE BOYS. Wenn eine Frau die Schnauze voll hat und ihre Familie verlässt, um beispielsweise ihre Karrierewünsche umzusetzen, dann ist das ein wahnsinniger Skandal, über den mindestens eine große deutsche Tageszeitung mit reißerischer Headline berichten wird. Und im Alltag zeigt man mit dem Finger auf sie, nennt sie Rabenmutter. Stigmatisiert sie. Nicht, dass es überhaupt eine tolle Idee wäre, seine Familie einfach zu verlassen. Aber das Beispiel verdeutlicht: Joan kam es nie in den Sinn, einfach zu gehen, weil sie wusste, was sie erwartet. Und: Weil sie weiblich sozialisiert wurde, sprich: mit dem Gefühl von Verantwortung für andere, mit dem Bewusstsein, dass man (frau!) nicht egoistisch zu sein hat. Deshalb fühlte sie sich verantwortlich für Joe, als sein erstes Manuskript von einem Verlag abgelehnt wurde, und als sie Mutter wurde erst recht für ihre Familie.

Wolitzers Roman ist gute Unterhaltung, weil sie witzig und ironisch schreibt. Der Inhalt ist, wie so oft bei Ironie, ziemlich bitter.

Meg Wolitzer. Die Ehefrau. Erschien 2017 im DuMont Buchverlag. Die Originalausgabe erschien 2003 unter dem Titel The Wife bei Scribner/Simon & Schuster.

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