Tut doch nicht so tolerant. Fatma Aydemir/Hengameh Yaghoobifarah. Eure Heimat ist unser Albtraum

Aber was ist das überhaupt, die Integration? Schon hier fängt die Ungleichheit an: Wenn wir davon ausgehen, dass wir jemanden in die Gesellschaft integrieren müssen, dann meinen wir damit auch, dass es eine Gesellschaftsnorm gibt, die besser und überlegener ist als andere. Die >>anderen<< müssen sich >>uns<< anpassen, sich integrieren.

Wie so viele Menschen aus dem links-alternativen Spektrum (oder, wie es ja jetzt heißt: linksversifft) halte ich mich für sehr weltoffen, für sehr tolerant, für sehr unrassistisch. Spätestens seit der Lektüre von Noah Sows Deutschland Schwarz Weiss musste ich allerdings meinem Selbstbild beim Bröckeln zuschauen. In ihrem Buch deckt Sow die großen und kleinen alltäglichen Rassismen auf, die wir fest in unserer Sprache, unserer Kultur und unseren Denkweisen verankert haben. Sie macht auch deutlich, dass den meisten von uns dabei mitnichten ein böser Wille unterstellt werden kann, dass wir diese Dinge aber nun mal so stark verinnerlicht haben, dass sie uns selbst gar nicht auffallen. Oder, noch schlimmer: dass wir sie verharmlosen, herunterspielen. Nicht verstehen wollen, warum es rassistisch ist, eine Süßigkeit als Negerkuss zu bezeichnen und vom Schokobaby unserer Bekannten zu schwärmen. Ein ganz wichtiger Knackpunkt ist, dass es bei Rassismus nicht darum geht, wie wir das beurteilen, was wir tun, sagen oder denken. Es zählt nur, wie die es empfinden, über die wir es sagen und denken und mit denen wir agieren. Und der erste Big Step in Richtung einer rassismusfreien Gesellschaft ist der, sich selbst einfach mal ganz ehrlich anzuschauen und zu reflektieren. Nicht sofort „Ich bin doch aber nicht rassistisch, ich habe syrische Freunde!“, zu schreien, sondern zu akzeptieren, dass sich bestimmte Rassismen in jeder*m von uns eingenistet haben. Und dass das nicht schlimm ist, wenn wir bereit sind, daran zu arbeiten. Ich glaube, eins der Kernprobleme einer rassistischen Gesellschaft ist die Ignoranz derjenigen, die mit Privilegien gesegnet sind gegenüber denjenigen, die keine haben. Dieses Festhalten wollen an den eigenen „Rechten“, das sich-Weigern, mal zuerst nicht auf sich, sondern auf andere zu schauen. Das können wir nicht so gut.

Wenn ich wir schreibe, dann meine ich damit: die weißen, sehr privilegierten Deutschen. Und was mache ich damit wiederum gleichzeitig? Das, was die Autor*innen von Eure Heimat ist unser Albtraum als Othering bezeichnen. Ich referiere auf eine Gruppe, die sich allein aus Merkmalen wie der Hautfarbe konstituiert, und grenze andere aus, auf die das nicht zutrifft. Ich würde gerne „wir“ schreiben und „alle“ meinen, aber solange ich in einer Welt lebe, in der ich selbst Teil des fehlerhaften Uhrwerks bin, kann ich das leider nicht.

Deutschland hat ein Rassismusproblem. Und das liegt nicht nur an den Nazis. Es liegt an der Art und Weise, wie in Deutschland Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Religion und ihres ethnischen Kontextes diskriminiert und als „anders“ markiert werden. Daran, wie Unterschiede gemacht werden zwischen „guten“ und „schlechten“ Migranten (Überraschung, das Kriterium hierfür ist mal wieder die Hautfarbe), wie geschichtliche Fakten verdreht oder verschleiert werden, wie Zugehörigkeit und Ablehnung medial und politisch kommuniziert und manifestiert werden. Es geht darum, dass wir von „Heimat“ sprechen und damit ein Bild hochhalten von einer Welt, in der diese Heimat kein Zuhause für diejenigen sein kann, die aus dem Raster dessen fallen, was als „normal“ angesehen wird. Woran Deutschland vor allem auch krankt, ist das offene Ohr für die, die es so leichtfertig als „anders“ bezeichnet, mit negativ belasteten Eigenschaften belegt und dann hinausschickt auf die Straßen, wo die, die diese Pauschalisierung unreflektiert von Kindesbeinen auf konsumieren, ihre vermeintliche Bürgerpflicht tun, ihre Kinder und Frauen und ja, sogar ihre Arbeitsplätze (die sie eigentlich zu 90 Prozent der Zeit hassen, aber selbst den Hass möchte man nicht teilen!) vor „denen“ schützen. Und Schutz meint in Deutschland nicht nur verbale und physische Gewalt, sondern auch psychologische Ausgrenzung.

Wie wäre es, wenn wir einfach mal die Klappe halten und zuhören? Denen das Mikro in die Hand geben, die sich hier Tag um Tag rassistisch beleidigen und ausgrenzen lassen müssen? Die hier geboren und aufgewachsen sind, denen ihre Zugehörigkeit aber nicht zugestanden wird? Wissen wir, was das mit einem Menschen macht, wenn man ständig rechtfertigen muss, weshalb man sein Zuhause als Zuhause bezeichnet? Wollen wir es wissen? Haben wir den Mumm, uns dem zu stellen, was wir hören werden?

Eure Heimat ist unser Albtraum ist vieles. Wütend, enttäuscht, anklagend, sarkastisch. Zu recht. Es sind die Stimmen all jener, die viel zu sagen haben und viel zu selten angehört werden. Das Buch zeigt eine Riege junger Autor*innen, die mit Nachdruck und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, von sich erzählen: von ihren Erfahrungen in der Arbeitswelt und im Alltag, von ihrer Sexualität, von kulturellen Konflikten und dem Umgang mit dem Hass, der ihnen entgegengebracht wird. All das kann man als privilegierte*r weiße*r deutsche*r Leser*in nicht nachfühlen und es wäre vermessen, zu behaupten, dass man es könnte. Was man aber machen kann: es sich anhören. Oder anlesen. Wie auch immer. Diesen Stimmen ihren Raum zugestehen, und nicht abschalten, nur weil es uns gefühlt nichts angeht. Wir schreien derzeit wieder ganz laut danach, die Welt zu verändern, weil uns wegen des Klimawandels der Arsch auf Grundeis geht. Das ist ja auch wieder typisch, dass wir uns nur dann engagieren, wenn es UNS direkt bedroht. Unsere Privilegien wegzubrechen drohen (Flugreisen, exotisches Obst, Plastikscheiß, den wir für teuer Geld erwerben können) und außerdem ist es eine recht bequeme Sache, bei sowas aktiv zu werden, denn es beinhaltet vor allem, hinter der eigenen geschlossenen Haustür aufzuräumen. Wenn man allerdings etwas an gesellschaftlichen Strukturen verändern möchte, dann muss man sich vielleicht mal einen Ruck geben und anfangen, wirklich etwas in seinem Verhalten zu ändern  – anderen gegenüber. Das ist die schwierigste Übung der Menschheit, und deshalb scheitert sie auch immer wieder daran. Aber vielleicht können wir es ja besser machen?

Wenn mir bei der Lektüre eins noch mal klar geworden ist, dann: Ich bin selbst gefangen in alltagsrassistischen und exkludierenden Strukturen. Und wie kann ich das lösen? Nun, wie wir alle lebe ich zum Beispiel online in einer Filterblase. Die basiert zwar auf Algorithmen und meinen eigenen Interessen, kann aber mit etwas Mühe auch beeinflusst werden. Und gemessen an der Zeit, die ich (wir alle!) täglich online verbringen, kann das doch ein guter Start sein, um sich nicht mehr nur mit weißen Menschen und weißen Themen zu umgeben. Ich habe angefangen, People of Color zu folgen. Menschen mit Behinderungen. Menschen, die wegen ihrer Körper im Alltag Hetze und Ablehnung erleben. Ich schaue mir ihre Bilder an, lese ihre Texte, schaue ihre Stories. Interessiere mich für ihre Themen und Gedanken, obwohl es nicht meine eigenen Probleme sind. Ich bringe Empathie auf und überlege, ob ich in meinem Alltag und in meinen Denk- und Handlungsweisen etwas besser machen kann, damit sich diese Menschen nicht mehr vor meiner Heimat gruseln müssen. Denn es ist auch ihr Zuhause.

Eure Heimat ist unser Albtraum. Herausgegeben von Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah. Mit Beiträgen von Margarete Stokowski, Simone Dede Ayivi, Max Czollek, Olga Grjasnowa, Enrico Ippolito, u.a. Erschienen 2019 bei Ullstein fünf.

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