Home is where your Erinnerung is. Nacha Vollenweider. Fußnoten

Mir wird immer gesagt, dass ich zu Übertreibungen neige, aber ich denke, das Beste an Deutschland sind die Züge.

Das Beste an Deutschland sind die Züge?! Kontroverser kann man in eine Graphic Novel ja wohl kaum einsteigen. Man fragt sich: Kam die Erzählerin noch nie in den Genuss, eine 5-stündige Reise wegen Überfüllung an die Tür gepresst zu absolvieren? Oder erst gar nicht dazu, in den überfüllten Zug einzusteigen, weil er nicht kam? Oder dazu mitzuerleben, wie ein Zug der Deutschen Bahn auf halber Strecke anhält und nicht weiterfährt, kein Personal in Sicht?

Die Antwort: vielleicht hat sie all das schon mal erlebt und hält die Bahn trotzdem für eines der besten Dinge an Deutschland. In ihrem Heimatland Argentinien nämlich ist das Eisenbahnnetz weit weniger funktionstüchtig als das in Deutschland, wo eigentlich jede Ecke in jeder Provinz angefahren wird (auch wenn das nicht immer fahrplangemäß geschieht, aber immerhin geschieht es). Argentinien besitzt theoretisch das größte Schienennetz Lateinamerikas, weil die Briten es in den 1930er Jahren weitflächig ausbauten. Das Eisenbahnnetz unterlag unabhängigen privaten Unternehmen und war ein wesentlicher Faktor für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes. Jedoch wurde die Betriebnahme dieser Schienen ab den 1960er Jahren unter Präsident Peròn verstaatlicht und massiv rationalisiert. In vielen Dörfern gibt es deshalb heute nur noch ausgestorbene Bahnhöfe, durch die keine Züge mehr fahren. So auch im Heimatort der Erzählerin von Fußnoten.

Wie wenig ich persönlich über die bewegte Vergangenheit anderer Länder weiß, wird mir immer bewusst, wenn ich Bücher lese, die eben diese Vergangenheiten behandeln. Und so wurde Nacha Vollenweiders Graphic Novel Fußnoten für mich zu einer lehrreichen Lektüre, die meine Neugier auf die Geschichte Argentiniens geweckt hat.

In Fußnoten werden wir von der Erzählerin – Vollenweider selbst, es ist eine autobiografische Graphic Novel – mit auf die Reise genommen, die in einem Zug in Hamburg beginnt und zumindest in Form von Erinnerungssequenzen zurück in das Argentinien der 70er, 80er, 90er Jahre und der jüngsten Vergangenheit führt.

Argentinien, was wusste ich bislang darüber? Ehrlich gesagt erschreckend wenig. Nach ein bisschen Recherche mit vor Scham über meine Unwissenheit rotglühenden Ohren kann ich jetzt zumindest einen groben geschichtlichen Abriss geben, aber: Vorwissen ist absolut nicht nötig, um Volleinweiders Buch zu lesen. Was diese Graphic Novel nicht tut: einen umfassenden geschichtlichen Background liefern oder fordern. Was sie hingegen tut: sie stellt Verbindungen her. Verküpft argentinische Geschichte mit der deutschen. Sie gibt einen Einblick in den Kopf einer Frau auf Spurensuche, einer Frau mit mehreren Orten, die für sie Heimat sind. Denn Nacha Vollenweider, der Name gibt einen Hinweis darauf, hat ihre familiären Wurzeln sowohl in Argentinien als auch der Schweiz und lebt nun in Deutschland.

Was wir erfahren ist, dass Argentinien in den 1970er und 1980er Jahren unter Militärdiktaturen, teilweise geführt von Präsident Perón, zu leiden hatte. Dass Vollenweiders Onkel, den sie nie kennengelernt hat, einer Widerstandsgruppe gegen die Militärs angehörte und eines Tages verschwand. Wie sich später herausstellte, wurde er von den Militärs verschleppt und gefoltert. Ein generationenübergreifendes Trauma für die gesamte Familie.

Fußnoten ist eine eher leise Graphic Novel, die keinen Wert auf ein rasantes, höhepunktgetriebenes Erzähtempo legt. Im Klappentext heißt es, dass Vollenweider mit diesem Buch eine neue Form der Graphic Novel  erfunden hat: den Comic-Essay. Das ist passend, denn die Autorin entwickelt vor unseren Augen ihre ganz persönliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Dabei geht es primär nicht um eine große Erkenntnis am Ende, sondern viel mehr um den Akt des Erinnerns an sich. Den titelgebenden Fußnoten kommt dabei die Funktion der Erinnerung zu. Sie tauchen an manchen Stellen in der Jetztzeit im Zug in Hamburg auf, in dem ja wie eingangs erwähnt die Erzählerin erst alleine und später zusammen mit ihrer Ehefrau sitzt, und verweisen auf ein jeweils folgendes Kapitel, das in der Vergangenheit der Erzählerin in Argentinien spielt. Ihr Gedächtnis funktioniert assoziativ. So schafft die vorbeifliegende Landschaft mit ihren Details so manchen Anlass, sich zu erinnern. Was ist zum Beispiel der Unterschied zwischen einem deutschen und einem argentinischen Gartenzwerg?

Zwei Heimat-Identitäten überlagern sich hier, denn die Erzählerin – Vollenweider – trägt beide in sich. Und beide drängen an die Oberfläche. Sicherlich ein Zustand, den nur Menschen kennen, die das Land, in dem sie aufgewachsen sind, verlassen haben, um woanders zu leben. In Vollenweiders Fall war die Motivation, nach Deutschland zu kommen, das Studium. Die Motivation, hier zu bleiben, war die Liebe zu ihrer Freundin. Damit Vollenweiderin Deutschland bleiben kann, haben die beiden sehr schnell geheiratet. Dass dieses Thema immer noch in den Köpfen der beiden herumspukt, geht aus der Bahnfahrt ebenso hervor wie Vollenweiders Sehnsucht nach ihrer Heimat. Auch hier wird der persönlichen Erfahrung eine kollektive gegenübergestellt. Anhand der Erinnerungen an den Sommer 2015, als Deutschland tausende Geflüchtete aufgenommen hat, stellt Vollenweider Fragen nach Zugehörigkeit und Migration. Während sie selbst relativ frei entscheiden konnte, wo sie leben möchte, konnten es die Geflüchteten aus Syrien nicht.

Immer wieder stellt Vollenweider Gegebenheiten in Deutschland denen in Argentinien gegenüber: das Verhatlten der Polizei auf Demos und im Umgang mit „Verdächtigen“. Die eingangs thematisierte Möglichkeit, zu reisen und die Vernetzung innerhalb des Landes. Die Architektur der Städte.

 Fußnotenerzählt keine lineare Geschichte, vor allem erzählt sie keine Geschichte mit einem Anfang und einem Ende. Es ist vielmehr so, als begleiteten die Leser*innen die Erzählerin während der Bahnfahrt ein Stück in ihrem Kopf. Einigen ist das Phänomen sicher bekannt, dass die Gedanken schweifen und mal hier, mal dort hinspringen, wenn man im Zug sitzt und aus dem Fenster schaut. Diese Gedankengänge hat Vollenweider in ihrer Graphic Novel in Bilder und Worte gefasst. Die schwarz-weiß Illustrationen untermalen den flüchtigen Charakter der Gedanken durch den ebenfalls flüchtigen Strich der Tuschezeichungen.

Fußnoten hat mich zwar nicht komplett mitgerissen, weil ich es schade finde, dass viele Anekdoten und Erinnerungen ins Leere laufen. Der Interpretationsraum war an einigen Stellen ein Stück zu groß, um als Leser*in ohne tatsächlichen Wissensbackground noch mitgehen zu können. Trotz des assoziativen Charakters der Erzählung hätte ich mir gewünscht, dass die Kernthemen deutlicher herausgearbeitet werden. Dennoch halte ich Fußnoten für ein sehr interessanten Ansatz, sich mit der eigenen Vergangenheit in größeren Kontexten zu befassen. Und ganz sicher ist es ein Buch, das dazu anregt, sich einmal mit der Geschichte Argentiniens zu auseinanderzusetzen.

 Ich möchte dem Avant Verlag dafür danken, dass ich auf Nachfrage ein Rezensionsexemplar dieses Titels erhalten habe.

Nacha Vollenweider. Fußnoten. Erschienen 2017 im Avant Verlag.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s