Dr. Sommer im Krieg. AJ Pearce. Dear Mrs Bird

The papers and radio and even magazines like ours went on about pluck and bravery and spirit. They talked about battles fought, advances made. They talked about everyone stepping up to the mark, keeping homes going, keeping things the same for when the men came home because that’s what they were fighting for. Making sure you still looked nice, what hair to have, how you mustn’t let yourself go because that would show Hitler he would never get us down. And on top of keeping the home front going after six months of bombing, we expected our readers to keep a pretty blouse and the last of the rouge ready for special dates and romance when their men came home on leave. How often did we say well done to our readers? How often did anyone ever tell women they were doing a good job? That they didn’t have to be made of steel all the time? That it was all right to feel a bit down?

Dies ist eins von diesen Büchern, bei denen ich erst skeptisch war, weil es auch easy einer „dieser Frauenromane“ hätte sein können, die ich natürlich nicht lese ;), dann aber überaus positiv überrascht wurde. Dear Mrs Bird hat sich als sehr schöne Lektüre entpuppt, die mit einem so ganz anderen Erzählton daherkommt als es Zweite Weltkrieg-Romane normalerweise tun. Die sind ja meist doch sehr ernst und sehr tragisch. Was ich jedoch spätestens seit dieser einen Netflix Doku über Menschen und die Liebe in diversen Teilen der Welt, unter anderem in Kriegsgebieten, weiß: es gibt auch Leichtigkeit und Alltag in diesen Zeiten. Es gibt junge Leute, die zwar permanent mit der Angst leben, von einer Bombe getroffen zu werden, und gleichzeitig genau dieselben Themen haben wie ihre Altersgenossen überall auf der Welt. Genau hier setzt der Roman an.

Emmy ist Anfang 20, lebt im London des Jahres 1941 und versucht, ein normales Leben zu führen. Sie lebt mit ihrer besten Freundin Bunty in einer WG, interessiert sich für Politik und träumt davon, Lady War Correspondent werden, also eine Kriegsberichtserstatterin. Als sie eine Stellenausschreibung für einen Posten als Journalistin bei der Zeitung findet, sieht sie ihre große Chance gekommen – und tatsächlich bekommt sie die Stelle. Allerdings stellt sich raus, dass alles ein Missverständnis war und sie beim Vorstellungsgespräch besser mal genau zugehört hätte. Ihre Karriere als Kriegsberichtserstatterin kann Emmy erstmal an den Nagel hängen, denn sie muss jetzt Leserbriefe für das Frauenmagazin Woman’s Friend abtippen und im Namen der vielbeschäftigten Chefredakteurin Mrs Bird beantworten. Das wäre ja noch erträglich, wenn Mrs. Bird nicht so eine Miesmuscheln wäre, die jegliche Briefe voll „Unpleasentness“ strikt ablehnt und nicht beantwortet. Darunter fallen also alle Fragen, die etwas mit Beziehungen zu tun haben, mit Sexualität, mit moralischen Fragen, mit dem Krieg, mit (mentaler) Gesundheit – kurz: mit menschlicher Schwäche, denn die findet Mrs Bird unsäglich. Während die Luftwaffe Nacht für Nacht Bomben auf London abwirft (Emmy hat neben ihrer Halbtagsstelle beim Woman’s Friend Magazine noch eine ehrenamtliche Stelle bei der Telefonzentrale, an die sich Menschen wenden können, die direkt oder indirekt von einem Bombenanschlag betroffen sind), darf Emmy nur Fragen dazu beantworten, wie man ungeliebte Sommersprossen überdecken kann oder wie man mit Leuten umgeht, die in der Schlange schubsen. Das Magazin scheint nur darauf ausgerichtet zu sein, Frauen zu vermitteln, dass sie sich zusammenzureißen zu haben. Emmy liest jedoch Tag für Tag auch all jene Leserbriefe, in denen sich verzweifelte Leserinnen an Mrs Bird wenden, weil sie nicht weiter wissen und einen guten Rat bräuchten. Sie haben ihre Verlobten im Krieg verloren. Oder sind minderjährig und schwanger von ihrem heimlichen Freund, der Offizier ist, und wissen nicht, wie sie mit der Situation umgehen, geschweige denn den strengen Eltern davon erzählen sollen. Sie durchleben Angstzustände, weil sie nicht wissen, wie es ihren Liebsten an der Front geht. Und weil um sie herum die Stadt nach und nach zu Staub zerbombt wird. Emmy, deren eigener Verlobter ihr gerade erst per Telegramm mitgeteilt hat, dass er sich an der Front in eine Krankenschwester verliebt hat und Emmy deshalb verlässt, würde all diesen Frauen gern helfen. Ihnen Mut zusprechen oder ihnen zumindest sagen, dass sie nicht allein sind. Als Mrs Bird weiterhin rigoros ablehnt, diese Briefe in ihrem Magazin zu beantworten, beschließt Emmy, selbst aktiv zu werden. Zunächst beantwortet sie die Briefe heimlich postalisch. Irgendwann schmuggelt sie tollkühn einen Antwortbrief in die letzte Druckfassung des Magazins, weil sie weiß, dass Mrs Bird diese nie Korrektur liest. Emmy weiß, dass sie ein großes Risiko eingeht. Und natürlich: die ganze Aktion ist von Anfang an dazu verdammt, aufzufliegen.

Was auch von Anfang an klar ist: es wird mindestens eine Tragödie geben. Die emotionale Fallhöhe des Textes wird vor allem dadurch konstruiert, dass er so heiter beginnt. Die unbedarfte Emmy, die sich mit ihrer Naivität irgendwie von kleinem Desaster zu kleinem Desaster hangelt, dabei aber unglaublich charmant und klug und liebenswert ist, die mit ihrer Mitbewohnerin Bunty den täglichen Schrecken der vom Krieg gebeutelten Stadt trotzt, die in Zeiten der größten Krise noch wagt, große Träume zu haben – sie muss irgendwann scheitern und tief fallen. Und obwohl das klar ist, hat es mich doch sehr erwischt. Zuletzt ging es mir so bei Eleanor Oliphant, ein Buch, das seine Leser*innen auch innerhalb weniger Seiten durch die schrullige, heiter-ironische Erzählerin kriegt und dann in kleine Stücke reißt, als der Ton fast unbemerkt umschlägt und sich die ganze Tragödie hinter der lustigen Fassade entblößt.

Nicht zuletzt ist Dear Mrs Bird ein kleiner Einblick in die Lebensrealität der Mädchen und Frauen, die im Krieg in den Städten die Stellung hielten. Der Autorin kam die Idee für diesen Roman, als ihr eine originale Ausgabe einer Frauenzeitung aus den Kriegsjahren in die Hände fiel. Es ist schön, dass dieses Buch den Versuch unternimmt, die Sorgen und Ängste dieser Frauen zu illustrieren. Und thematisiert, dass Depressionen und mental issues auch damals schon existiert haben und wegignoriert wurden. Es ist sicher kein großes literarisches Werk, aber gerade deshalb ein wohltuend erfrischend neuer Ansatz, Themen wie diese an die Leser*innen zu bringen. Bücher dürfen Spaß machen. Auch, nein, gerade wenn sie Inhalte vermitteln. Unbedingt!

AJ Pearce. Dear Mrs Bird. Zuerst veröffentlicht 2018 bei Picador. Die deutsche Ausgabe wurde 2018  unter dem Titel Liebe Mrs Bird  im Kindler Verlag veröffentlicht.

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