Scheiden tut weh. Maja Lunde. Die Geschichten der Bienen und des Wassers.

Manchmal lohnt es sich, Bücher dann zu lesen, wenn die Bedingungen der realen Welt mit denen der fiktionalen einigermaßen übereinstimmen. Man nennt das auch „Augmented Reality“. Es ist DAS neue Ding. Zum Beispiel den Krimi über einen schrulligen Kommissar aus Schweden, wenn man gerade in einer Hütte auf Malmö chillt. Oder den Roman über einen spontanen Zugtrip nach Lissabon, während man am Tejo Flaschenbier schlürft. Oder eine Geschichte über das Wasser und die Folgen seines Verschwindens, wenn die Außentemperatur 36 Grad beträgt und man schon nach dem Wäscheaufhängen eine 1,5 Liter Wasserflasche exen kann.

Ich habe beide Romane der norwegischen Autorin Maja Lunde jeweils in einem Rutsch gelesen, weil sie zum Einen so gut geschrieben sind, dass das Lesen einem Spaziergang durch die Seiten gleicht und sie die Cliffhänger am Ende eines jeden Kapitels so geschickt gebaut hat, dass man, ganz der Serienjunkie, der man durch die modernen Streamingdienste geworden ist, unbedingt sofort wissen muss, wie es weitergeht; zum Anderen, weil sie in diesen ersten zwei Romanen von insgesamt vieren, die als „Klima-Quartett“ bezeichnet werden, Themen anspricht, deren Bedrohlichkeit realer nicht sein könnte und auf deren letzte Konsequenzen wir definitiv mit unserem Verhalten unserem Planeten gegenüber zusteuern.

In der Geschichte der Bienen verknüpft Lunde die Geschichten dreier Familien aus drei verschiedenen Jahrhunderten miteinander. Sie alle haben etwas mit Bienen zu tun: die Hauptfiguren sind ein abgewrackter Erfinder in der Mitte des 19. Jahrhunderts, der sich an der Optimierung eines menschengeschaffenen Bienenstockes abmüht, ein Imker in den frühen 2000er Jahren, der sich hilflos mit dem plötzlichen Sterben seiner Bienenkulturen konfrontiert sieht, und eine Arbeiterin im Japan des Jahres 2098, die tagtäglich in mühsamer, kräftezehrender Arbeit Bäume von Hand bestäubt, weil die Bienen längst ausgestorben sind und ihr Verschwinden einen verheerenden Einfluss auf die Versorgungslage der gesamten Welt genommen hat. Schon nach diesem Buch blieb ich sehr nachdenklich zurück und habe angefangen, mich mehr mit Bienen und Insekten und allgemein mit dem Artensterben auseinanderzusetzen.

So richtig umgehauen hat mich thematisch aber der zweite Roman, Die Geschichte des Wassers. Darin erleben wir mit, wie ein junger Vater mit seiner kleinen Tochter vor einem alles vernichtenden Feuer in seiner Heimatstadt flieht; seine Frau und den Babysohn verliert er in den Flammen, das Flüchtlingslager, in dem die Wasser- und Lebensmittelversorgung jeden Tag knapper wird, erreichen Vater und Tochter mit letzter Kraft. Und müssen nach einigen Wochen des Hoffens und Bangens schließlich einsehen, dass Frau und Sohn, Mutter und Bruder, wohl nicht mehr nachkommen werden. Kapitel um Kapitel lesen wir von der großen, erbarmungslosen Hitze, die bereits alles ausgetrocknet hat, das mal Fluss oder Pflanze war, über den Durst des Kindes, über Verzweiflung, Angst, Hilflosigkeit. Die Grenzen von Fiktion und Realität verschwimmen dieser Tage ganz besonders. Lunde hat diese Geschichte nicht in einer weit entfernten Zukunft angesiedelt, sondern im Jahr 2041. In einer Zukunft, die so nah ist, dass uns die Vision, die Lunde entwirft, Angst machen sollte. Denn was sie dort beschreibt, sind Folgen des Klimawandels, mit denen auch Wissenschaftler rechnen: extremes Wetter. Extreme Hitze. Jetzt kommen natürlich wieder die üblichen Stimmen, die schreien: das hier ist doch nur ein ganz normaler Sommer, regt euch ab! Und es ist eben kein normaler Sommer, wenn es bis vor ein paar Wochen mancherorts noch Winter war und plötzlich das Thermometer fast um das Dreifache steigt. Was wir gerade erleben, zeigt, dass wir bereits in Extremen leben und es nicht wahrhaben wollen. Viele von uns verschließen schön die Augen davor, was wir uns mit unserer Ignoranz gegenüber der Welt eingebrockt haben. Solange wir noch Wasser haben, noch Lebensmittel und ein Zuhause, können wir ja auch einfach die Tür hinter uns zumachen und uns beruhigend zuflüstern, dass uns das alles schon nicht so hart treffen wird. Und dass ja noch genug Zeit ist, etwas zu ändern.

In ihrem Roman lässt Lunde den großen Hoffnungsschimmer aus. Vielleicht, weil es auch für uns keinen mehr so wirklich gibt? Die zweite Geschichte, die genau wie im ersten Buch mit der anderen virtuos verwoben ist (zum letzten Mal habe ich derartige Verknüpfungen von an sich eigenständigen Geschichten beim Cloud Atlas von David Mitchell gelesen), handelt von einer 70-Jährigen Seglerin und Klimaaktivistin, die mit ihrem Boot unterwegs ist, um die Verantwortlichen für das Schmelzen der Gletscher zur Rechenschaft zu ziehen. Ihre Geschichte spielt größtenteils auf dem Wasser. Es ist das Jahr 2017. 30 Jahre später finden wir in der Geschichte um den jungen Vater und seine Tochter das Boot wieder, das nun auf dem Trockenen liegt. Und dennoch wird es für Vater und Tochter zu einem wichtigen Symbol. Und gibt ihnen eine Perspektive: Wenn es nur endlich regnet, und sich der Fluss füllt, dann schaffen wir es zum Meer. Es ist fraglich, ob das jemals passiert. Lunde lässt ihre Leser*innen mit dieser Frage alleine.

Wenn ihr noch Sommerlektüre sucht, dann lest diese beiden Bücher. Und nehmt das Wasser, die Bienen und alles um euch herum vielleicht ein kleines Bisschen weniger für selbstverständlich.

Maja Lunde. Die Geschichte der Bienen erschien im Original im Jahr 2015, auf Deutsch 2017 erstmals bei der Verlagsgruppe Random House. Die Geschichte des Wassers erschien in Norwegen im Jahr 2017, in Deutschland erstmals 2018 bei der Verlagsgruppe Random House.  

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