Nur noch kurz die Dritte Welt retten. Chimamanda Ngozi Adichie. Americanah.

If you’re white, you’re all right.

Als ich vor ein paar Tagen über das Profil einer deutschen Influencerin stolperte, die zur Zeit „in Afrika“ unterwegs ist und ihre FollowerInnen regelmäßig darüber unterrichtet, wie sehr sie es dort liebt und wie bereichernd diese Erfahrung für sie ist, blinkte beim Betrachten ihrer Beiträge dieser Satz aus Americanah wie eine Neonleuchte vor meinem inneren Auge auf. Es war, als wäre eine der Figuren aus dem Buch lebendig geworden und würde nun prompt im richtigen Leben bestätigen, was die Autorin in ihrem Roman beschreibt. Die Posts unter den perfekten Hochglanzfotos zeigen ein weißes Mädchen mit langen blonden Haaren, wahlweise lässig auf einem Jeep posierend, ihren Boyfriend an diversen Stränden abknutschend, inmitten einer Horde Kinder in Ghana die Trommel schlagend oder mit anprangernder Miene in einem Slum herumstehend. Ihre Follower quittieren die dazugehörigen Texte begeistert, hat es in ihr doch eine unbeschreibliche Demut für ihr eigenes privilegiertes Leben hervorgerufen, diese Kinder zu sehen, die zwar in ihren eigenen Exkrementen spielen, dafür aber trotzdem so fröhlich und zufrieden wirken! Wie froh sie doch darüber ist, diesen Menschen etwas geben und sooo viel zurück zu bekommen! Immerhin gab es unter ihren Beiträgen auch ein paar kritische Antworten und Nachfragen, die verdeutlichen wollten, dass dieser Pauschaltourismus unter dem Deckmantel der sozialen Hilfeleistung rein gar nichts mit wirklicher Hilfe zu tun hat, sondern einzig die Bezeichnung „white savior complex“ verdient: weiße Menschen helfen Menschen in sogenannten Entwicklungsländern, weil sie davon ausgehen, dass diese nicht in der Lage sind, sich selbst zu helfen. Durch diese „Hilfe“ werten sich die weißen Menschen außerdem selbst extrem auf und bedienen kolonialistische Strukturen, indem sie sich über die vermeintlich schwachen, armen, hilfsbedürftigen Menschen erheben. An dieser Stelle könnte zu diesem Phänomen sicher noch so vieles anderes gesagt werden: wie schwerwiegend zum Beispiel die Kinder davon betroffen sein müssen, dass im Rahmen dieser Reisen, die von Agenturen organisiert werden und in der Regel nicht länger als 8 Wochen dauern, ihre Bezugspersonen ständig wechseln und zudem nicht ausreichend ausgebildet sind, um sich beispielsweise um Waisen zu kümmern. Die können diese Fähigkeiten in der kurzen Zeitspanne, für die sie die Agentur dann auch eben bezahlen wie für eine ganz normale Urlaubsreise, um Vollverpflegung und Unterkunft zu erhalten, auch gar nicht erlernen. Dass es sinnvoller wäre, Geld in die Ausbildung von Fachkräften vor Ort zu stecken, als Touris aus reichen westlichen Ländern anzukarren, von deren Knete hauptsächlich besagte Agenturen profitieren. Und die Instagramprofile der Touristen. Wie bedenklich es ist, dass Influenzer auf social media ein vermeintlich weltoffenes, tolerantes und selbstloses Leben inszenieren, den meisten ihrer Follower aber gar nicht bewusst ist, was für ein zerstörerisches, selbstgerechtes und kapitalistisches Konzept letztendlich dahintersteht. Und dass es die Menschen keinesfalls näher zusammenbringt, sondern gerade die Kluften zwischen ihnen noch größer macht, weil niemand bereit ist, das Selbstbild des großen Retters zugunsten einer wirklichen Auseinandersetzung mit anderen Kulturen aufzugeben.

Der Link, den dieses Instagramprofil für mich zu meiner aktuellen Lektüre geschlagen hat, hätte mir meine eigenen Defizite nicht krasser verdeutlichen können. In Americanah geht es um eine junge Frau aus Nigeria, die zum Studieren nach Amerika geht, weil sie aufgrund der militärischen Unruhen zuhause nicht mehr regelmäßig die Universität besuchen kann. Der Roman ist so komplex und vielschichtig, dass ich mich in diesem Artikel nur auf einen Aspekt daraus beschränken kann: nämlich den, wie diese junge Frau im Laufe der nächsten 15 Jahre immer wieder damit konfrontiert wird, dass ihr die weißen Amerikaner mit ihrem white saviour complex gepaart mit einem riesigen Unwissen über dieses „Afrika“ begegnen. Genau hier hat mich der Roman oft selbst in meiner eigenen Unwissenheit entlarvt – denn was weiß ich schon über Afrika? Habe ich nicht selbst in der Vergangenheit über Afrika, anders als beispielsweise über Amerika, so gesprochen, als wäre es EIN Land, mit nur einer Kultur, mit nur einer Sprache, mit nur einem historischen Hintergrund? Ist mein eigenes Bild von Afrika nicht auch eines, das durch die westliche Messias-Komplex-Brille gefärbt ist? Habe ich nicht auch immer irgendwie gedacht, dass Afrika nur aus Armut, Bildungsmangel und fehlender medizinischer Versorgung besteht? Habe ich nicht auch immer jene bewundert, die nach dem Abi für eine gewisse Zeit nach Afrika reisen, um sich in Hilfsprojekten zu engagieren? Ich kann mich nicht davon freisprechen, dass ich auch mit einem verzerrten Bild im Kopf herumgelaufen bin. Es ist wie mit der politisch korrekten Sprache, über die ich nach der Lektüre von Noah Sows Deutschland Schwarz Weiß geschrieben hatte: es geht nicht darum zu beweisen, dass wir völlig frei sind von (Alltags-)Rassismen. Wir tragen sie aufgrund unserer Sozialisation ALLE in uns (ich spreche hier pauschal für eine Gruppe von weißen privilegierten Menschen aus den Industrienationen). Es geht darum, dass wir uns dieser bewusst werden und uns anstrengen, es in Zukunft besser zu machen. Und das funktioniert einfach nicht, wenn wir weiterhin in unserer Rolle der weißen RetterInnen verweilen.

Lesen ist ja auch gerade deshalb so schön, weil es die einfachste Art ist, einen Perspektivwechsel vorzunehmen. Die Welt durch die Augen der Protagonistin Ifemelu zu betrachten macht uns natürlich nicht automatisch zu ExpertInnen für Lebensrealitäten von PoC, aber es sensibilisiert enorm. Vor allem eben im Bezug auf die Alltagsrassismen, mit denen sie ständig zu tun haben. Irgendwann war ich selbst richtig krass davon genervt, dass weiße Menschen Ifemelu ständig die Welt erklären wollten; dass ihr ständig begeistert erzählt wurde, wen jemand schon mal in Afrika gewesen und beeindruckt von der Einfachheit und Genügsamkeit der Menschen dort war und dass der/diejenige seitdem an ein Waisenhaus in Ghana spendet; dass afrikanische Frauen ja so stark und erhaben wären; dass sie von Glück reden kann, dass sie das Stipendium für die Uni bekommen hat und sie jetzt Zugang zu richtiger Bildung bekommt – und dass Ifemelu relativ schnell feststellt, dass sie sich an diese Alltagsrassismen anpassen muss, wenn sie in Amerika eine Chance auf einen Job haben und akzeptiert werden möchte. Ifemelu muss sich, um in ihrer neuen Umgebung möglichst nicht als Wilde aus dem Busch wahrgenommen zu werden, unter anderem einen amerikanischen Akzent zulegen, ihre Haare schmerzhaft glätten und sich angewöhnen, keine Widerworte zu geben, wenn wieder mal jemand ihre Heimat als unterentwickelt und sie selbst als minderbemittelt und hilfsbedürftig darstellt. Denn das haben sie nicht gern, die privilegierten Weißen, die sich mit großer Selbstverständlichkeit innerhalb ihrer Stereotypen bewegen und Dankbarkeit dafür erwarten, wie weltgewandt und offen sie sind. Es hat mich schier rasend gemacht, dass es zwei Arten von kultureller Aneignung gibt, die beide von Weißen gemacht wurden: die erzwungene, der sich Ifemelu gegenüber sieht und ohne die sie von den Weißen nicht akzeptiert wird, und die, mit der sich die Weißen just for fun bei jenen Kulturen bedienen, die sie ständig niedermachen: aber so ein Kopf voller Cornrows sieht halt einfach zu süß aus, um ihn mit Respekt zu behandeln und denen zu lassen, zu deren Kultur und Geschichte er gehört. Ifemelu findet irgendwann ihr Ventil, mit dem sie ihrem Ärger Luft machen und einem breiten Publikum von ihren Erfahrungen berichten kann. Auf ihrem Onlineblog, der schnell eine große Reichweite findet, schreibt sie über den struggle als Black Non-American. Denn, auch das lernte ich durch diesen Roman, es gibt unzählige Ausprägungen von Rassismus, und es macht einen Unterschied, ob eine Schwarze Person in Amerika geboren und sozialisiert wurde oder nicht.  

Adichies Roman spielt zwar größtenteils in Amerika, lässt sich aber auf jeden anderen Schauplatz der westlichen Welt übertragen. Neben dem hier besprochenen Aspekt geht es darin natürlich, wie in fast jedem Roman, um noch vieles mehr: um Politik (das Buch beginnt in den 90ern in Nigeria und thematisiert die dortigen Militärunruhen und erstreckt sich bis hin zur Präsidentschafts-Wahlkampfzeit Obamas in Amerika) um verpasste Chancen, um Beziehungen, um große Entscheidungen, und vor allem um die Liebe. Es geht um Ifemelu und ihre Jugendliebe Obinze, deren Beziehung in jungen Jahren in Nigeria beginnt, auseinanderdriftet und sich verliert, als Ifemelu in Amerika in einen Strudel aus Depression und Überlebenskampf gerät, und die sich nach vielen Jahren wiedertreffen. Teilweise erleben wir auch Kapitel aus Obinzes Sicht, der zwischenzeitlich versucht, in England einzuwandern.

Und natürlich geht es auch darum, eine Frau zu sein. Die Parallelen zwischen dem white savior complex und dem Patriachart sind dabei kaum zu übersehen, immer geht es darum, dass die Schwächeren bevormundet und vor irgendwas gerettet werden müssen. Ein guter Anfang wäre jedenfalls, ab sofort zumindest erstmal nachzufragen, ob die vermeintlichen Opfer überhaupt gerettet werden WOLLEN. Und falls die Antwort Ja ist: Wollen sie ausgerechnet von DIR/MIR gerettet werden?

Das Anerkennen der Mündigkeit anderer ist ein erster, wirklicher Schritt in Richtung Gleichberechtigung.

Americanah von Chimamanda Ngozi Adichie erschien erstmals 2013 bei 4th Estate, einem Imprint von Harper Collins. Die deutsche Ausgabe erschien ebenfalls unter dem Titel Americanah bei FISCHER Taschenbuch.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s