Is it better to burn out than to fade away? Maria Anna Schwarzberg. Proud to be Sensibelchen.

Eigentlich sollte das hier lediglich eine Besprechung des gerade erschienenen Buches von Maria Anna Schwarzberg werden, in dem sie über den Zusammenhang ihrer Hochsensibilität und ihrem Burn Out berichtet und aufzeigt, wie wichtig es ist, sich selbst und die eigenen Bedürfnisse wichtig zu nehmen und wie das wiederum dazu beiträgt, die eigene Lebensqualität zu steigern.

Mit jeder Seite, die ich las, wuchs meine Verblüffung. Ich meine, ich kannte die Autorin schon durch ihren Podcast und wusste, dass es einige Parallelen in unseren Geschichten gibt. Wir haben nicht nur denselben Vornamen und sind gleich alt. Unsere Sensibilität ist noch dazu fast völlig gleich ausgeprägt, wir struggeln mit denselben Dingen, hatten so ähnliche Wege ins Burn Out, dass es schon fast gruselig ist. Ich fand das so strange, dass ich überlegt habe, ob ich diesen Artikel überhaupt schreiben soll, oder ob er 1. Am Ende wirkt, als wäre ich ein sehr durchgeknallter Groupie und 2. Ob ich dann überhaupt noch objektiv über das Buch schreiben kann.  Der nächste Gedanke, der mir kam, war da schon deutlich hilfreicher: wenn ich mich so sehr in dieser Geschichte wiederfinde, vielleicht geht es noch unzähligen anderen so? Vielleicht bin ich, sind wir, keine Einzelfälle? Vielleicht ist es gerade deshalb so wichtig, darüber zu schreiben und das Buch zu empfehlen, damit all jene aus ihren Schneckenhäusern kommen, die bis dato dachten, sie wären die absoluten Loser, weil sie wegen jedem Mist heulen und ständig überfordert sind – überspitzt gesagt. Denn meine größte Angst, wenn ich darüber rede, dass ich sehr sensibel bin, ist, dass Menschen mich eben genauso sehen: als jemand, der einfach ein bisschen zu weich ist und sich schlecht zusammenreißen kann. Wie die Autorin bezeichne ich mich selbst übrigens nicht gern als hochsensibel, sondern einfach als sehr sensibel, weil ersteres klingt, als wäre es eine besondere Begabung, auf die ich stolz bin, als nach einem Persönlichkeitsmerkmal, das einfach zu mir dazu gehört.

Weil ich dieses Buch unmöglich losgelöst von meiner eigenen Geschichte betrachten kann, möchte ich mit eben dieser beginnen.

Letztes Jahr, im Oktober 2018, bin ich völlig zusammengebrochen. Nach außen hin mag mein Leben toll ausgesehen haben. Ich hatte (m)einen Traumjob – Lektorin in einem Kinderbuchverlag, oho! -, bis jetzt alles in meinem Leben recht erfolgreich auf die Reihe gekriegt (Abi, Studium, Praktika, Volontariat, ich stand häufig auf Theaterbühnen und hatte eigene Texte veröffentlicht), ich hatte eine schöne Wohnung und war finanziell unabhängig.
In mir drin war es aber ziemlich finster. Ich war unglücklich. Ich fühlte mich schon lange vom Leben völlig überfordert und erschlagen und wusste im Grunde, dass ich alles, was ich tue, nur tue, weil „man das so macht“. Und weil ich mein ganzes Leben lang schon so lebte, habe ich nie den Punkt gefunden, um daraus auszubrechen, obwohl mir das Stimmchen im Hinterkopf eigentlich schon seit dem Studium immer wieder einflüsterte, dass ich keinen Bock auf diese ganze 9 to 5-Scheiße mit Überstunden und unterirdischer Bezahlung und Hierarchien und Kleinhaltung und Selbstoptimierung bis hin zur Selbstaufgabe habe. Bis zum Burn Out.

Der Gang ins Büro war ein täglicher Struggle, der sich mit der Zeit zu einem regelrechten Grauen für mich auswuchs. Der Geräuschpegel im Raum, gegen den ich tagtäglich anfiltern musste, um meine wahnsinnig komplexen und viel zu krassen To Do Stapel abzuarbeiten und das hohe Maß an Konzentration aufzubringen, das die Arbeit an Romantexten erfordert, trieb mich oft schon um die Mittagszeit in die totale Erschöpfung. Stundenlange Meetings, aus denen ich steif wie ein Brett und mit Kopfschmerzen des Todes wankte, weil ich die Stimmungen anderer Menschen um mich herum und zwischenmenschliche Schwingungen, seien sie noch so nonverbal, aufnehme und mir aneigne, und mich das innerlich komplett verspannen ließ. Deadlines, bergeweise Manuskripe, die ich am besten alle bis morgen gelesen haben sollte und konsequent mehr Arbeit, als ich jemals fähig gewesen wäre zu erledigen, sorgten für ein nie runterfahrendes Stresslevel und körperliche Symptome wie Herzrasen, Schweißausbrüche und Zittern. Und dazu permanent das Gefühl, dass das hier nicht das richtige Leben für mich ist, dass ich eigentlich ganz andere Arbeitsbedingungen bräuchte. Das habe ich nach meinem Berufseinstieg sehr schnell festgestellt. Ich kann gar nicht sagen, wie oft ich nachts wachlag und Magenschmerzen hatte bei dem Gedanken daran, dass ich das jetzt noch bis zur Rente aushalten muss. Gleichzeitig habe ich mich geschämt und schlecht gefühlt, weil alle anderen Menschen offenbar keine Probleme damit hatten, Vollzeit zu arbeiten, ständig Überstunden zu machen und trotzdem noch ein Sozialleben nach Feierabend und an den Wochenenden zu haben. Und HOBBYS!!! Und Familien! Und Partner*innen! Und Haustiere! Und und und. Und mein Leben bestand nur aus Eat, work, sleep, repeat. Meine Batterien waren ständig leer. Das war tatsächlich schon immer so, dass ich recht häufig Erholungszeiten brauchte. Aber – und hier komme ich zu einem Knackpunkt, über den auch Maria Schwarzberg schreibt – ich habe eigentlich 28 Jahre lang ignoriert, welche Bedürfnisse ICH habe. Ich wollte und konnte mich vor anderen nicht dafür rechtfertigen, dass ich heute mal nicht mit in die Kneipe komme. Oder ins Kino. Oder diesdas. Sondern ich einfach allein sein möchte.

Doch obwohl ich irgendwann nur noch ein Fähnchen im Wind war, pushte ich mich weiter. Mit Fieber auf die Buchmesse. Mit Migräne ins Büro. Mit Depressionen in den Urlaub, der dann wenig erholend war, weil ich ihn bibbernd vor Angst vor der Arbeit verbrachte, die nach meiner Rückkehr auf mich warten würde. Ich hatte Angst, dass es jemand merkt. Ich wollte nicht scheitern. Ich habe mich gepusht und gepusht und mich damit irgendwann selbst über die Klippe geschubst – und da war dann Endstation. Eines Morgens konnte ich nicht mehr aufstehen. Mein tiefer Fall trug den schönen Diagnosetitel: Burn Out-Depression.
Der Fall war gleichzeitig meine Rettung. In der folgenden Zeit, insgesamt war ich 9 Monate krankgeschrieben, hatte ich die Möglichkeit, mich ganz intensiv mit mir selbst auseinander zu setzen. Und schließlich weitreichende Entscheidungen zu treffen, die mein Leben definitiv b e s s e r gemacht haben. Ich zog zu meinem Partner nach England. Die allerbeste Entscheidung, die ich jemals traf.

Jetzt führe ich mein Leben für die Liebe, für Mittagsschlaf und Ruhepausen, für Spaziergänge und um manchmal einfach nur mit einer Tasse Tee auf dem Sofa zu sitzen und zu atmen. Arbeit spielt natürlich auch eine Rolle – ich bin jetzt selbstständig und lektoriere wieder – aber sie bestimmt nicht mehr mein Leben. Ich mache jetzt arbeitsmäßig so viel in einer Woche wie früher an einem Vormittag. Arbeit ist ein Teil meines Lebens, der angemessen wichtig genommen wird, weil ich natürlich wie jede*r andere Geld brauche, aber MEHR NICHT. Und das ist geil. Denn ich habe erkannt, dass ich meine Bedürfnisse sehr sehr sehr lange ignoriert habe. Meine Bedürfnisse danach, alles in meinem eigenen Tempo machen zu können, nach Selbstbestimmung, nach einem auf sehr wenig Stress, dafür auf viel Ruhe ausgelegtem Leben. Wenn diese Faktoren gegeben sind, laufe ich rund. Stress hingegen legt mich lahm.

Ich habe mein ganzes Leben lang schon das Gefühl, anders zu sein. Ich bin extrem feinfühlig, nehme Schwingungen anderer Menschen wahr und kann mich nicht gegen sie abschirmen. Bin schnell überreizt, zum Beispiel in Gruppen, weil alle Geräusche und Reize ungefiltert auf mich einprasseln. Ich empfinde Gesellschaft als anstrengend, vor allem wegen der genannten Umstände. Natürlich genieße ich es, mit Freunden zusammen zu sein, aber ich muss nach sozialen Events immer eine Weile recovern. Und so richtig ich selbst bin ich nur, wenn ich allein bin.  Mein Gehirn schaltet fast nie ab, und wenn ich nicht die mühsam erlernten Techniken anwende, um mich zwischendurch mal zu entspannen und runterzufahren, dreht es regelrecht durch und denkt und denkt und denkt mich bis in die völlige Erschöpfung. Ich bin sehr perfektionistisch und selbstkritisch und unsicher, was vor allem in Jobs mit klassischen Hierarchien eine tödliche Kombination darstellt. Wenn ich überreizt bin, entwickle ich körperliche Leiden, die bis hin zu Bandscheibenvorfällen, einem Reizmagen, Migräne und eben Depressionen geführt haben. Seele und Körper gehen bei mir immer Hand in Hand.
Das alles lässt sich zu Merkmalen einer Hochsensibilität zusammenfassen, und es gibt noch viel mehr Eigenheiten, die ich aufzählen könnte.
Zum ersten Mal las ich über das Thema, als das Burn Out und mein eigener Weg in ein neues Leben sich noch nicht am Horizont abzeichneten. Doch seit dem Moment, als ich über den Begriff der Hochsensibilität stolperte, befand ich mich auf dem Pfad zu mir selbst. Es ist so erleichternd, endlich Worte zu haben, für das, was mit einem vermeintlich nicht stimmt. Und mit großer Freude registrierte ich in den letzten Jahren, dass das Thema immer größere öffentliche Aufmerksamkeit erfährt.

Wäre das Buch von Maria Anna Schwarzberg mir letztes Jahr in die Hände gefallen (und wäre es da schon verlegt gewesen), als ich kurz vor dem Burn Out stand, vielleicht hätte ich den ganz tiefen Fall durch die Lektüre vermeiden können. Ich glaube, dass Schwarzbergs Buch vielen Mut machen kann, die sich gerade in dieser kritischen Phase befinden, in der man merkt, dass der Zug voll gegen die Wand fahren wird, es sich aber so anfühlt, dass man ihn nicht aufhalten kann. Auch wenn ich denke, dass mir der Crash am Ende gut getan hat, so war dann doch der Weg zurück an die Oberfläche ein so harter und steiniger und kräftezehrender Weg, dass ich denke, dass man besser schon vorher die Notbremse zieht und die Energie darauf verwendet, die eigenen Baustellen anzusehen und aufzulösen. Ich hoffe, dass sich Menschen die das Buch lesen, trauen, auch eine Therapie anzufangen. Denn das ist ja auch nach wie vor etwas, vor dem viele zurückschrecken, aus Angst vor den Reaktionen anderer. Ich hoffe, dass Schwarzberg mit ihrem Buch andere davon überzeugen kann, dass ein bisschen anders zu sein okay ist. Dass man nicht immer leisten muss, dass man auch einfach Mal Nö sagen darf. Dass es eigentlich egal ist, was andere von einem denken.

Sehr positiv hervorzuheben ist, dass ihr Buch nicht einfach nur ein Erfahrungsbericht ist, sondern dass Schwarzberg sehr viel recherchiert hat und die Ergebnisse oder Ansätze wissenschaftlicher Studien zusammenfasst und viele Anhaltspunkte für eine fundierte Beschäftigung mit dem Thema liefert. Wie bei vielen Themen, die die mentale Gesundheit betreffen, wird nämlich auch die Hochsensibilität gern belächelt und als nicht ernstzunehmend abgestempelt. Dabei ist die gesteigerte Sensibilität an sich gar keine psychische Erkrankung, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal. Aber Sensible sind aus naheliegenden Gründen sehr anfällig dafür, beispielsweise an Depressionen zu erkranken, weil sie sich gegen die Auslöser nicht so gut abschirmen können. Es ist daher nichts wichtiger, als die ersten Anzeichen ernst zu nehmen und vor allem erkennen zu lernen.

Durch Schwarzbergs Insta-Community weiß ich, dass es da draußen noch unfassbar viele andere gibt, deren Geschichten unseren gleichen. So viele, dass es paradox scheint, dass jede*r einzelne mit dem Gefühl lebt, anders und seltsam zu sein. Einen Satz aus dem Buch möchte ich hinausschreien in die Welt, denn es ist wie so oft der Perspektivwechsel, der die Erleichterung bringt.

… ob in einer Welt, in der sich immer mehr Menschen als «zu sensibel» wahrnehmen, nicht die Menschen, sondern die Welt falsch ist?


Maria Anna Schwarzberg. Proud to be Sensibelchen. Wie ich lernte, meine Hochsensibilität zu lieben. Erschienen 2019 bei Rowohlt Taschenbuch.

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