Der erste Umweltaktivist. Andrea Wulf und Lilian Melcher. The Adventures of Alexander von Humboldt.

Als ich diesen Artikel über die Graphic Novel The Adventures of  Alexander von Humboldt plante, wusste ich erst nicht, wo ich anfangen sollte. Mit Humboldts eigener Lebensgeschichte, die damit begann, dass er von seiner Mutter in den Staatsdienst gedrängt wurde, obwohl er davon träumte, die Welt zu erforschen und dies erst nach dem Tod seiner strengen Mutter angehen konnte? Mit seinem so umfangreichen Lebenswerk, dass es bis heute noch nicht komplett von der Forschung rezipiert und durchdrungen werden konnte? Mit der Bedeutung seiner Forschungen nicht nur zu seinen Lebzeiten, sondern bis heute, beispielsweise der Aktualität, die sie gerade jetzt, in den Zeiten des Klimawandels haben, und der Wiederbelebung der Humboldt-Rezeption, die sich gerade beobachten lässt?

Alexander von Humboldt, geboren 1769, war Naturforscher, Querdenker und bis zum Anschlag gefüllt mit Energie, Wagemut und Neugier. Das belegen seine Aufzeichnungen und die Berichte anderer. Geopolitik, Zoologie, Vulkanologie, Chemie, Physik, Botanik, Diplomatie und Ethnologie – das sind nur Beispiele für Felder, in denen Humboldt dachte und handelte. Durch sein gesamtes Werk zieht sich wie ein roter Faden der Leitgedanke, dass alles in der Welt miteinander verbunden ist und zusammen hängt, weshalb er Dinge immer in einem globalen Kontext betrachtete. Er war der Erste, dem auffiel, dass sich die Vegetationen in verschiedenen Teilen der Erde ähneln und dass sie in Klimazonen wachsen und er entdeckte den magnetischen Äquator und stieß eine weltweite Erforschung des Erdmagnetfeldes an. Außerdem äußerte er sich bereits Ende des 18. Jahrhunderts kritisch über die Abholzung der Regenwaldgebiete zu menschlichen Nutzzwecken und war damit quasi einer der ersten Umweltaktivisten. Humboldts Einfluss auf den wissenschaftlichen Fortschritt seiner Zeit und das Verstehen und Erschließen der Welt war immens.


Er war ein so spannender und vielschichtiger Charakter, dass es unmöglich ist, hier einen Artikel zu schreiben, der ihm in allen Aspekten gerecht wird. Falls ihr die Möglichkeit habt, ältere Ausgaben der ZEIT zu lesen, dann empfehle ich euch ganz dringend Ausgabe 31/2019. Dort gibt es ein sehr umfassendes Portrait über Humboldt, sowie einige weiterführende Artikel. Auch Lektüre zum Thema wird dort empfohlen. Unter anderem die Graphic Novel The Adventures of Alexander von Humboldt. Die Autorin Andrea Wulf ist Historikerin und hat sich intensiv mit Humboldts Werk und Leben auseinandergesetzt und dafür Originalquellen studiert. Außer der Graphic Novel hat sie auch ein Buch über Humboldt geschrieben, in dem sie aufzeigt, wie er andere Forscher und Gelehrte seiner Zeit beeinflusste, darunter Charles Darwin und Ernst Haeckel. Humboldt stand mit vielen Personen, die die Geschichte kulturell und/oder wissenschaftlich prägten, sogar im direkten Austausch. Eine gut dokumentierte langjährige Korrespondenz führte er beispielsweise mit Johann Wolfgang von Goethe, der Humboldts Naturforschungen faszinierend fand und in seinem eigenen Werk aufgriff. Für andere, wie William Hickling Prescott und John Lloyd Stevens, bildeten seine Berichte über die Hinterlassenschaften uralter Völker wir der Inka und Azteken die Grundlage für deren eigene Forschungen und Studien.

Die Graphic Novel war für mich der perfekte Einstieg in die Beschäftigung mit Humboldt. Sie reißt kurz die oben erwähnte Vorgeschichte an und zeichnet dann den Weg seiner Reise durch Südamerika nach. Humboldt erwirkte die Erlaubnis der spanischen Regierung, in deren Kolonialgebiet zu reisen und zu forschen und war von 1799 bis 1804 unterwegs. Im Gepäck hatte er über 42 Gerätschaften, mit denen er Messungen durchführen konnte und die er bis auf die höchsten Berge mitschleppte. Während der Überquerung des Atlantiks, bei der Erschließung unbekannter Flora und Fauna, bei Zusammentreffen mit Ureinwohnern Südamerikas, bei der Besteigung gefährlicher Gipfel und aktiver Vulkane immer an seiner Seite: der Botaniker Aimé Bonpland. Als Leser*in begleitet man die beiden auf ihrer 75-tägigen Flussreise auf dem Orinoco und dem Rio Negro, hält sich mit ihnen drei Monate in Kuba auf, reist mit ihnen durch das heutige Kolumbien, Equador und Peru bis nach Lima, und erreicht mit ihnen schließlich über mehrere Zwischenstationen Mexiko, von wo aus die Rückreise über Veracruz zurück nach Kuba führt. „Abenteuer“ ist für die Erlebnisse der beiden eine leicht untertriebene Bezeichnung – wenn man sich vor Augen führt, in welcher Zeit das Ganze stattfand und dass sie sich quasi ohne richtiges Vorwissen in diese für sie völlig unbekannte Welt begeben haben. Die Gefahren der Reise werden  n der Graphic Novel nicht unter den Teppich gekehrt. Wilde Tiere, unberechenbare Witterungen, mysteriöse Fieber, diverse Verletzungen, körperliche Erschöpfung. All diese Strapazen nahmen Humboldt und seine Begleiter jedoch auf sich, um so viel Material wie möglich zu sammeln. Von unterwegs sendeten sie mehrmals Tiere, Pflanzen, Steine und durchaus auch mal die Ausbeute eines Grabraubs zurück nach Europa – trotz seiner Aufgeschlossenheit gegenüber der Stämme, auf die er unterwegs traf, konnte Humboldt nicht immer seinen Respekt für andere Kulturen über seinen Forschertrieb stellen.

Gestalterisch ist diese Graphic Novel ein echtes Kunstwerk. Die Illustratorin Lilian Melcher hat es geschafft, die Gleichzeitigkeit von tausend Dingen, die in Humboldts vielbeschäftigtem Kopf geherrscht haben soll, visuell zum Ausdruck zu bringen. Als Betrachter*in kann man sich verlieren in diesen collagenartigen Bildern, in die teilweise Originalzeichnungen aus Humboldts Aufzeichnungen eingefügt sind, die vor Details nur so strotzen, oder aber sich vom Text an die Hand nehmen und durch die Seiten führen lassen. Das Buch ist der Inbegriff von Spaß am Lesen, den Lerneffekt gibt es quasi gratis obendrauf. Und wer danach tiefer eintauchen möchte in die Humboldt’sche Welt, findet auf dem Markt gerade diverse Biografien und andere Werke über den Naturforscher, Wissenschaftler und Abenteurer. 

Eine echte Empfehlung für alle, die sich für die Entdeckung der Welt, für Natur und Gesellschaft und für spannende Persönlichkeiten interessieren. Gut vorstellen könnte ich es mir auch im Einsatz im Schulunterricht – um eine Vielzahl von Themen von ihrem trockenen Podest herunterzuheben und sowohl erfahrbarer als auch spannender zu machen.

The Adventures of Alexander von Humboldt erschien 2019 bei Pantheon Books. Die deutsche Ausgabe erschien 2019 unter dem Titel Die Abenteuer des Alexander von Humboldt: Eine Entdeckungsreise im C. Bertelsmann Verlag.

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