Let’s go crazy, everybody. Dita Zipfel. Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte.

Über Kinder- und Jugendbücher kursiert ja dieser weit verbreitete Irrglaube, dass sie wahnsinnig korrekt und pädagogisch sein müssen, weil sonst die lieben Kleinen den Schaden ihres Lebens davontragen. Während meiner Arbeit als Verlagslektorin wurde ich darauf trainiert, Bücher durch einen Filter in meinem Kopf zu jagen, und die Geschichte danach zu beurteilen, ob sie denn auch moralisch einwandfrei ist und bloß keine Gelegenheit bietet, dass sich aufgebrachte Eltern darüber beschweren, dass ihre Kinder mit problematischen Themen konfrontiert wurden – was auch immer man als „problematisches Thema“ definiert. Vor allem geht es dabei natürlich um die Verkäuflichkeit. In anderen Medien ist es ok, wenn Dinge thematisiert werden, die zwar vielleicht abseits von Einhörnern und Bullerbü-Welten stattfinden, doch aber nun mal zur Lebensrealität eines jeden Menschen dazugehören. Auch zu denen von Kindern. In Büchern soll aber komischerweise immer alles ganz softgewaschen sein, zumindest, wenn es nach dem Löwenanteil der Käuferschaft geht. Wenn Fäkalien drin vorkommen, oder die Protaginist*innen nicht den gängigen Rollenklischees entsprechen, wenn Mädchen zu wild sind und Jungs Ballett tanzen, oder wenn sich die Figuren mal blöd und unsozial verhalten – oh, und natürlich auch, wenn sie people of color sind oder homosexuell (es sei denn, das Buch handelt explizit von Rassismus oder Homosexualität) – dann wird das Manuskript mit ziemlicher Sicherheit von der Mehrheit der (großen) deutschen Kinder- und Jugendbuchverlage ausgesiebt. Von denen, die den Mainstream an Input für die Kinderköpfe unserer Gesellschaft stellen, wohlgemerkt. Mich hat das schon während meiner Verlagszeit genervt, und es nervt mich noch immer. Privat verfolge ich daher auch viel lieber solche Buchaccounts, die Diversität in Kinder- und Jugendbüchern vorstellen. Und obwohl ich auch als freie Lektorin natürlich die aktuellen Verlagsprogramme noch im Blick behalten muss, so lese ich tatsächlich jetzt nur noch die Titel, die ich selbst auch ansprechend finde.

Wenn es nach meinem alten Filtersystem ginge, dann hätte ich Dita Zipfels Jugendbuch Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte niemals auch nur durch die erste Runde der verlagsinternen Präsentation bekommen. Denn die Protagonistin, die 13-jährige Lucie, macht alles, was eine Identifikationsfigur mit Vorbildfunktion nicht tun sollte: sie verfolgt das Ziel, von zuhause abzuhauen, um zur Ex-Freundin ihrer Mutter nach Berlin zu ziehen. Sie geht in die Wohnung eines fremden Mannes, ohne jemandem Bescheid zu geben. Sie macht sich permanent über den neuen Öko-Freund ihrer Mutter lustig und zeigt keinen Respekt gegenüber Erwachsenen (echt, „der Michi“ ist aber auch eine Nervtröte!). Sie freundet sich mit dem offensichtlich verrückten (nach gängigen Gesellschaftsstandards jedenfalls) Herrn Klinge an, und lässt sich von ihm zu diversen sonderbaren und teilweise fragwürdigen Aktionen verleiten. Zu einem Tanz auf einem Kindergrab zum Beispiel. Oder dazu, einen Liebestrank zu mixen und sie auf die Pommes ihres Schwarms zu schütten.

Die Wahrheit ist aber, dass ich Lucie und ihre Geschichte von der ersten Seite an geliebt habe. Weil sie unvorhersehbar war, weil es keine großen, dramatischen Wendungen am Ende gab, weil es nicht irgendwann eine plausible Erklärung für all den Wahnsinn gab, der vor allem von Klinge ausgeht. Der ist nämlich der festen Überzeugung, dass es Magie und phantastische Wesen gibt und dass er der Auserwählte ist, um ein Kochbuch für die wichtigsten Zaubertränke zu schreiben – sicher wisst ihr das genauso wenig, wie ich es wusste, aber Tomaten sind eigentlich Drachenherzen, Kartoffeln Phönixeier und Erbsen Ghulaugen. Weil er nicht so gut schreiben kann, heuert er Lucie an, seine Rezepte als Ghost Writerin für ihn niederzuschreiben. Sie nimmt den Job dankend an, immerhin braucht sie die Kohle, um nach Berlin zu fahren, zu Bernie. Bernie war vor ein paar Jahren mit Lucies Mama zusammen und ist für Lucie und ihren Bruder Janni(s) immer noch eine wichtige Bezugsperson – auch wenn sie gar keinen Kontakt mehr zu ihr haben. Von Bernie haben sie gelernt, sich ok zu finden, so wie sie sind, ungeachtet der Hänseleien anderer Kinder, denn beide Geschwister haben nicht so richtig Erfolg mit dem Freunde finden. Bernie hat sie mit ihren etwas eigenwilligen, unkonventionellen Sichtweisen auf den Pfad gebracht, auf dem sie sich jetzt, auf dem Weg des Älterwerdens, befinden. Und vor allem Lucie, die in dieser schwierigen und komplizierten Zeit zwischen dem Sich-bei-Problemen-in-die-tröstende-Umarmung-von-Mama-flüchten und totaler-Rückzug-weil-alle-doof-sind befindet, und noch dazu den gruseligen Veränderungen des eigenen Körpers ausgeliefert ist, sehnt sich mehr denn je nach Bernie. Vor allem, weil ihre Mama jetzt „den Michi“ als Freund hat, der ihr und Janni mit seinen esoterischen Sprüchen und der Einmischerei in ihr Familiengefüge gehörig auf den Geist geht. Lucie taumelt zwischen der Kinder- und Erwachsenenwelt, so wie die meisten in ihrem Alter. Nur sucht sie sich eben aus Mangel an einer Bezugsperson den erstmal sehr seltsam scheinenden Klinge aus.

Aus kinderschutztechnischen Gesichtspunkten ist das natürlich etwas, bei dem jedem Elternteil vor Schreck die Haare zu Berge stehen. Wenn man aber einmal zu dem Schluss kommt, dass nicht jede erwachsene Person, die mit Kindern redet, ein Massenmörder und Vergewaltiger ist, entfaltet diese Kombi ein total schönes Potenzial. Für Lucie (und auch für mich, die erwachsene Leserin) ist Klinge tatsächlich ein guter Lehrer: oft sind die, die sofort als seltsam und verschroben und fernab jeder akzeptierten Norm gelabelt werden, die eigentlich Normalen. Weil sie zu sich selbst stehen und sich nicht hinter diesen Sozialmasken verstecken, ohne die man in der Welt da draußen sofort an den Rand gestellt wird. Ob Klinge nun wirklich geistesgestört ist oder nicht, ist dabei völlig egal. Er tut niemandem weh. Und Lucie ist ihm eine gute Freundin, weil sie ihn so sein lässt, wie er ist. Und ihn ernstnimmt.

Neben dieser sehr ungewöhnlichen Freundschaft hat mir auch der Umgang mit der Bisexualität von Lucies Mutter gut gefallen – die wird nämlich so gut wie gar nicht thematisiert, sondern ist einfach so, wie sie ist. Es wird nur dann zum Thema, wenn das Buch spiegelt, wie eben die Gesellschaft meistens darauf reagiert: mit Ablehnung, mit Hänselei, in diesem Fall von seiten Lucies Schulkamerad*innen. Sex ist an sich in dieser Geschichte kein großes Thema, spielt aber eine Nebenrolle. Dort, wo es angesprochen wird, geschieht das auf eine sehr lustige, unverkrampfte Weise. Generell ist der Ton des Textes flapsig und frech, so wie eine 13-Jährige eben die Welt und die komischen Erwachsenen darin beschreiben würde und wie sie ihre eigenen Struggles damit herunterspielen würde.

Die Illustrationen von Rán Flygenring passen perfekt zu diesem Erzählton, die Gestaltung in schwarz/orange war meiner Meinung nach eine sehr gute Entscheidung, um das Buch trotz der relativ vielen Illustrationen nicht wie ein Kinderbuch wirken zu lassen, sondern ihm eine erwachsenere Optik zu geben. Auch für dieses Buch gilt wie so oft: ist offiziell ein Jugendbuch, aber ich würde es auf jeden Fall auch allen Erwachsenen empfehlen, die sich manchmal fragen, ob sie nicht einfach mal einen Tag lang ihrem Wahnsinn Raum geben sollten. Und dann mal gucken, was passiert.

Dita Zipfel. Wie der Wahnsinn mit die Welt erklärte erschien 2019 bei Hanser.

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