A love too thick. Toni Morrison. Beloved.

Ich blättere die letzte Seite um und schließe langsam das Buch. Mit den Gedanken stecke ich noch mittendrin. In den folgenden Tagen werde ich mich oft dabei ertappen, wie ich über die Geschichte nachdenke; wie bedrückt ich bin, und wie beeindruckt gleichzeitig. Ich erinnere mich daran, warum ich mir Beloved als meinen ersten Toni Morrison-Roman ausgesucht habe: weil auf dem Klappentext die Rede davon war, dass der Geist eines Kindes sein Unwesen in dem Haus treibt, in dem die Geschichte spielt, und ich immer für Stories mit leichtem Thrill zu haben bin. Ich habe eine gruselig-sprituelle Geschichte erwartet und eine American Horrorstory bekommen. Und das am wenigsten Gruselige daran war das tote Kind.

Anfang August erschütterte die Meldung über den Tod Toni Morrisons (nicht nur) die Literaturwelt. Morrison, deren bürgerlicher Name Chloe Anthony Wofford Morrison war, erhielt 1993 als erste afro-amerikanische Frau den Literaturnobelpreis. Damit ist sie Vertreterin von gleich zwei Minderheiten der Literaturszene. Mit dem Nobelpreis und anderen hochrangigen Literaturpreisen wurde Morrison dafür geehrt, den Opfern der Sklaverei und des Rassismus in Amerika eine Stimme gegeben zu haben. Doch es waren nicht nur die Inhalte ihrer Bücher, sondern auch deren Form, die diese Auszeichnung verdienten. Morrisons Erzählstimme ist, soweit ich, die bislang nur einen ihrer Romane gelesen hat beurteilen kann, einzigartig. In Beloved webt sie mehrere Erzählerstimmen ineinander, alternierend zwischen lyrisch-poetischen und narrativen Passagen, deren Bandbreite Bewusstseinsströme, Flashbacks und die erzählerischen Gegenwart umfasst. Beloved ist keine leichte Lektüre, und ich habe fast drei Wochen gebraucht, um das Buch zu beenden. Durch die Sogwirkung von Morrisons Sprache regelrecht in den Text gezerrt, hatte ich immer wieder das Gefühl, wie aus einem tiefen See auftauchen und nach Luft schnappen zu müssen; und so konnte ich diese Geschichte nur dosiert lesen. Das ist keinesfalls eine Negativkritik, ganz im Gegenteil. Ich finde es sogar sehr gut, wenn sich nicht jedes Buch einfach so weglesen und dann eben auch einfach so weglegen lässt, sondern wenn es mich begleitet, und mich zum Denken und Fühlen zwingt.

Beloved spielt nach dem amerikanischen Bürgerkrieg und wurde von der wahren Geschichte Margaret Garners inspiriert, der es gelang, zusammen mit ihrem Mann, ihren Kindern und anderen versklavten Familien von einer Farm in Kentucky zu fliehen und nach Ohio zu gelangen, wo Sklaverei verboten war. Dennoch war das Leben freier Sklaven geprägt von Gewalt und Elend. Dass es letztendlich eine Wahl zwischen Pest und Cholera war, zeigt auch Morrisons Roman. Doch erstmal zurück zur realen Grundlage: Zum Zeitpunkt ihrer Flucht war Garner schwanger, genau wie Sethe, die Hauptfigur in Morrisons Roman. Morrison verarbeitete diverse Elemente von Garners Geschichte, und ich empfehle euch sehr, erst zu googeln und zu recherchieren, nachdem ihr das Buch gelesen habt. Ich habe es zum Glück genau so gemacht, andererseits hätten mir viele Rezensionen und eben auch die Beiträge zu Margaret Garner einiges gespoilert – und ich denke, dass die Handlung noch mal umso heftiger trifft, wenn man nicht damit rechnet.

Morrison verstrickt in ihrem Roman Elemente des magischen Realismus mit der brutalen, unfassbar grausamen Lebensrealität der Sklaven im kolonialen Amerika. Der Roman eröffnet mit Szenen, in denen der Geist eines verstorbenen Kindes sein Unwesen im Haus der Protagonistin Sethe treibt– in dem sie wohnt, seit sie vor 18 Jahren hochschwanger von der Farm Sweet Home geflohen ist, auf der sie seit ihrer Geburt lebte und arbeitete – als Sklavin. So nett der Name der Farm klingt, und so unkonventionell und vergleichsweise human auch das Besitzerehepaar der Farm war, so furchtbar und pervers sind die Dinge, die Sethe und den anderen Sklaven von den anderen Menschen auf der Farm angetan werden. Vor allem der Schulmeister ist das Symbol des Grauens und der Brutalität, die die Sklaven täglich erfahren mussten. Er vermisst sie und stellt Listen mit ihren „menschlichen und animalischen Merkmalen“ auf. Er schlägt und bestraft sie. Er behandelt sie wie Vieh. Und noch schlimmer. Kurz vor ihrer eigenen Flucht gelang es Sethe, ihre beiden Söhne vorauszuschicken, damit sie von Baby Suggs, ihrer Schwiegermutter, in Ohio in Empfang genommen werden konnten. Baby Suggs wurde im betagteren Alter von ihrem Sohn freigekauft und durfte ihren Lebensabend in Ohio verbringen – auf dem Weg dorthin bemerkt sie zum ersten Mal ihren eigenen Herzschlag. Begreift, dass ihre Hände nur noch ihr gehören. Doch es ist eine Freiheit, die bedeutet, dass sie ihren Sohn, der mit seinem eigenen Leben ihres bezahlt hat, nie wieder sehen wird. Sethe sieht in der befreiten Schwiegermutter die Chance, auch die Leben ihrer Kinder zu retten. Jetzt, 18 Jahre später, ist von ehemals vier Kindern allerdings nur noch die 18-jährige Denver übrig. Die Söhne sind vor langer Zeit geflohen – davongelaufen vor dem Geist der kleinen Schwester, die mit zwei Jahren umgekommen ist und seitdem im Haus herumspukt. Einen Namen konnte Sethe ihr nie geben, und so steht auf ihrem Grabstein nur: Beloved.

Als Paul D. in Sethes Leben auftaucht, den sie aus dem anderen, dem Leben weit weit weg in Sweet Home kennt, und sich bei ihr häuslich einrichtet, verschwindet plötzlich der Geist. Einige Tage später taucht dafür ein junges Mädchen auf, das sich selbst Beloved nennt, keine Vergangenheit zu haben scheint, und Details aus Sethes und Denvers Leben kennt, die sie gar nicht wissen dürfte. Es ist die Reinkarnation der Schwester, natürlich. Und ganz in Manier des magischen Realismus ist sie die Personifizierung eines Schreckens, den man eigentlich nicht in Worten ausdrücken kann. Mit Beloved tritt die Vergangenheit wieder auf den Plan, die Sethe erfolgreich verdrängt hat. Ein dunkles, grausames Geheimnis wird aufgewirbelt, das erklärt, wieso Sethe vom gesamten Dorf gemieden wird. Weshalb sie mit Denver, die zu diesem Zeitpunkt noch ein Säugling gewesen ist, im Gefängnis war. Und wieso Paul D. ihr, kurz bevor er sie verlässt, vorwirft: „Your love is too thick“.

Was er damit meint: du solltest nicht so sehr lieben. Es ist nicht gut für eine Sklavin, so viel Liebe für ihre Kinder zu empfinden.

Beloved ist eine Geschichte, die sich vielleicht auf jeder Plantage nicht nur vereinzelt so zugetragen hat. Es ist die Geschichte darüber, wie Menschen andere Menschen ihrer Rechte berauben und sich über die Natur erheben wollen, und es ist die Geschichte darüber, dass sich Mutterliebe und Resilienz nicht aus Menschen herausprügeln lässt.

Ich finde es immer erstaunlich, wenn mich Bücher so mitnehmen, mit denen ich mich oberflächlich betrachtet thematisch gar nicht identifizieren dürfte: weder habe ich Erfahrungen mit Rassismus oder gar Sklaverei, noch bin ich Mutter. Und dann ist die Antwort vielleicht einfach, dass es mehr über die Autorin aussagt als über mich, wenn sie mich erreicht. Morrison hat mich erreicht. Und ich lasse nicht los.

Toni Morrison. Beloved wurde erstmals 1987 bei Chatto & Windus veröffentlicht. Die hier gezeigte Ausgabe wurde 1997 bei Vintage herausgegeben.

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