A word after a word after a word is power. Margaret Atwood. The Testaments/Die Zeuginnen.


And so I step up, into the darkness within; or else the light.

Als die vom Band eingespiegelte Stimme verstummt, ist es einige Augenblicke lang ruhig auf der Bühne, die eingerichtet ist wie ein Wohnzimmer, mit zwei Sesseln, einem kleinen Tisch, einer Stehlampe, Kommoden. Die Worte hallen nach. Dann tritt eine Frau aus dem angrenzenden schwach beleuchteten Flur, der in einen vermeintlich hinteren Teil der Wohnung führt. Sie trägt ein schlichtes blaues Kleid und hält ein Buch in der Hand, aus dem sie vorzulesen beginnt. Es sind die ersten Worte aus Margaret Atwoods neuem Roman The Testaments/Die Zeuginnen, der Fortsetzung der Geschichte aus ihrem Weltbestseller The Handmaid’s Tale/Der Report der Magd. Die ganze Literaturwelt hat diesem Ereignis erwarungsfroh entgegengezittert. Zwischen der Veröffentlichung des ersten und des zweiten Buches liegen 34 Jahre. An diesem Abend wird symbolisch der Kreis geschlossen, auf die letzten Worte aus The Handmaid’s Tale folgen die ersten aus The Testaments. Ein Gänsehautmoment, und ganz sicher auch der wunderbaren Leistung der Schauspielerin Ann Dowd zu verdanken.

Ann Dowd liest die ersten Passagen aus The Testaments bei der Buchveröffentlichung im National Theatre in London am 10.09.2019

So groß ist das Interesse an diesem Roman, dass die Veröffentlichung, die im National Theatre in London stattfand, live in über 1300 Kinos auf der ganzen Welt übertragen wurde (Ich war dabei – mehr später). In die Aufregung mischte sich hier und da sicher auch etwas Bauchgrummeln, weil es mit Fortsetzungen sehr erfolgreicher Geschichten auch immer so eine Sache ist. Sind die Erwartungen, die sich da innerhalb von 34 Jahren aufgebaut haben, vielleicht gar nicht zu erfüllen? Gelingt es Atwood, an eine Geschichte anzuknüpfen, die vor mehr als drei Jahrzehnten unter ganz anderen politischen, gesellschaftlichen und globalen Kontexten entstanden ist? Wenn es jemand schafft, diesem Erwartungsdruck seitens der Leser*innen und der Kritik ohne jegliche Anzeichen von Schweiß auf der Stirn entgegenzutreten, dann wohl Margaret Atwood. Um es vorwegzunehmen: ich bin seit der ersten Seite, die ich von ihr las, eine glühende Verehrerin ihrer Texte und ihrer Person. Für mich ist sie eine jener Badass-Women, an denen ich mich orientiere und die zu meinen großen Vorbildern gehören – Frauen, die heute in ihren 70ern oder 80ern sind, und von deren scharfem Verstand, deren klarer politischer Haltung und deren Energie sich viele jüngere gern eine Scheibe abschneiden könnten.

Wenn man sich mal vor Augen führt, was für ein Riesenaufwand an jenem Dienstag für eine Buchveröffentlichung betrieben wurde, dann kann man glatt Hoffnung schöpfen, dass das Medium Buch doch nicht vom Aussterben bedroht ist und sich auch im Jahr 2019 noch gut gegen seine digitalen Konkurrenten behaupten kann. Natürlich darf aber nicht außer Acht gelassen werden, dass diese Aufmerksamkeit auch viel mit Atwoods Person zu tun hat. Atwood gilt nicht nur als eine der bedeutendsten Erzählerinnen unserer Zeit, ihre Bücher, vor allem The Handmaid’s Tale, das als „Kultbuch einer Generation“ bezeichnet wird, sind Symbole für Feminismus, für Gleichberechtigung in der Literatur, für den Widerstand gegen das Patriachat.

Wenn man nachvollziehen möchte, warum die schriftstellerische Karriere der kanadischen Autorin Margaret Atwood nicht nur eine großartige Erfolgsgeschichte, sondern vor allem auch eine der feministischen Emanzipation ist, sollte man sich zuerst mal die kanadische Literaturszene anschauen.

SCHRIFTSTELLERIN SEIN ERFORDERT BEINAHE KÖRPERLICHEN MUT – KANADAS LITERATURGESCHICHTE

Atwood wurde 1939 in Ottawa geboren. Die Gesellschaft, in der sie aufwuchs, hatte eine klare Meinung über Mädchen und deren Vermögen bzw. Unvermögen, was eine eigene Meinung und eine eigene (literarische) Stimme angeht:

Viele von uns, zumindest in meiner Generation, waren mit Lehrern oder männlichen Autoren oder sonstigen Ewiggestrigen konfrontiert, die ihre Pfründe verteidigen wollten und uns erklärten,  Frauen könnten nicht wirklich schreiben, weil ihnen die Erfahrung als Lastwagenfahrer oder Marine verwehrt sei  und sie deshalb nie die Schattenseiten des Lebens kennenlernen würden, zum Beispiel Sex mit Frauen. Wir mussten uns anhören, wir würden wie Hausfrauen schreiben, oder wurden als Mann honoris causa behandelt – als könne eine Autorin nur gut sein, wenn sie ihre Weiblichkeit unterdrückte. Derlei Behauptungen wurden als Binsenwahrheit verkündet. Mittlerweile werden sie infrage gestellt. Vieles hat sich zum Besseren gewandelt, aber nicht alles.

Aus: Margaret Atwood. Aus Neugier und Leidenschaft.

Weiterhin schreibt Atwood an dieser Stelle, dass den Mädchen heute noch immer von Anfang an ein sehr geringes Selbstbewusstsein über die eigenen Fähigkeiten eingeimpft wird und dass es einen „beinahe körperlichen Mut“ braucht, um Schriftstellerin zu werden. Dieser patriarchale Blick auf Autorinnen ist natürlich leider kein kanadisches Problem. In vielen meiner bisherigen Artikel habe ich bereits erwähnt, dass Frauen seit jeher und immer noch um Anerkennung für Ihre schriftstellerischen und journalistischen Arbeiten – und natürlich nicht nur dafür! – kämpfen müssen. Dass eine Frau nicht selbstverständlich ernst genommen wird für das, was sie denkt, schreibt und sagt, sondern dass sie, bevorzugt von männlichen Literaturkritikern, immer unter dem Aspekt „ist eine Frau“ betrachtet werden. Da werden ihre Erzählstimme, ihre Inhalte, ihre Figuren – und gern auch ihre eigene optische Erscheinung, ihr Lebensweg, ihre Mutterschaft – in die Beurteilung ihrer Werke miteinbezogen. Ihr glaubt das nicht? Werft doch mal einen Blick in die Feuilletons. Die Literaturbranche ist ganz offen sexistisch. Auf eine Frage aus dem Publikum danach, was für sie passieren müsste, um wirklich von Liberation der Frauen zu sprechen, antwortete Atwood bei der Veröffentlichung von The Testaments: zum Beispiel, wenn aufgehört wird, bei Frauen immer zuerst auf Haare und Klamotten zu schauen.

Kanadas Literaturlandschaft ist im Vergleich zum Beispiel zur europäischen recht überschaubar. Das liegt auch darin begründet, dass sich alle schwer damit tun, überhaupt erst einmal zu definieren, was „kanadische Literatur“ überhaupt ist. Es gibt die anglophone kanadische Literatur und die frankophone kanadische Literatur – was natürlich auf die Kolonialisierung durch die Engländer und Franzosen zurückgeht. Die anhaltenden Konflikte innerhalb des Landes wirkten sich auch auf die Literaturszene aus – es gibt sie nicht wirklich, „die“ kanadische Literatur. Oder sie ist zumindest als Einheit nicht so gut zu greifen. Ein weiterer Punkt für die Überschaubarkeit ist die für die Fläche des Landes recht geringe Einwohnerzahl –  rund 36 Millionen Menschen leben auf einem Gebiet von 9.984.670 km2 (zum Vergleich: in Deutschland leben derzeit rund 87 Millionen Menschen auf rund 358.000 km2). Klar, dass Schriftsteller nur einen kleinen Bruchteil davon ausmachen. Es ist nicht so, dass sich die „Geschichte der Schriftstellerinnen“ in Kanada großartig von denen in anderen Ländern unterscheidet. Aber es ist eben noch mal auffälliger, wenn sich eine Autorin weltweiten Rum erarbeitet hat, wenn sie aus einem Land kommt, aus dem per se weher weniger Autor*innen in den restlichen Teilen der Welt bekannt sind – weil es eben insgesamt auch weniger Autor*innen dort gibt.

Es war relativ schwer, im Internet gute Quellen für die kulturhistorische Entwicklung der Literaturszene in Kanada zu finden. Vielleicht müsste man dafür tiefer in kulturwissenschaftliche Texte eintauchen. Deshalb basiert alles, was ich hier dazu schreibe, auf Margaret Atwoods eigenen Aufzeichnungen – das meiste habe ich über Literatur in Kanada in ihren Essays erfahren.

Bevor sich Romane als vorherrschende Literaturform in Kanada durchsetzen konnten, war es lange Zeit, bis in die Sechzigerjahre hinein, die Dichtung. Das hatte hauptsächlich pragmatische Gründe: Romane waren teuer in der Herstellung, und man befand, dass sich ihre Produktion kaum lohnen würde, da man davon ausging, dass sie innerhalb Kanadas nur eine kleine Leserschaft hätten und außerhalb des Landes gar keine. Gedichte konnten bequem in Zeitschriften erscheinen oder als Einleger beigegeben werden, gestalteten sich also deutlich unkomplizierter und günstiger in der Verbreitung. Die beiden anderen wichtigen Quellen zur Verbreitung der Texte waren Literatursendungen im Radio und Lesungen. Als Atwood 1969 ihren ersten Roman, The Edible Woman/Die essbare Frau, veröffentlichte, waren Romane also noch etwas wahnsinnig rares, unbekanntes in Kanada. Vorher hatte auch sie vorrangig Gedichte geschrieben und veröffentlicht, außerdem fasste sie Fuß als Literaturkritikerin. Viele ihrer Kritiken finden sich auch in der oben bereits erwähnten Essay- und Textsammlung. Ich habe in den letzten Monaten meine Lektüren sehr oft nach Atwoods Empfehlungen ausgewählt – seien es ältere Bücher wie Toni Morrisons Beloved/Menschenkind und Charlotte Perkins Gilmans Herland oder aktuelle wie Sarai Walkers Dieltand und Edward Cureys Little.

EIN ROMAN MIT SYMBOLKRAFT – THE HANDMAID’S TALE/DER REPORT DER MAGD

Atwoods großer literarischer Durchbruch kam mit dem 1985 erstmals veröffentlichten Roman The Handmaid’s Tale/Der Report der Magd. Mit diesem Text erlangte sie weltweite Bekanntheit. Im letzten Jahr hat es das Buch erneut auf die Bestsellerlisten geschafft – was sicherlich an der gleichnamigen Netflix-Serie liegt, aber auch am aktuellen Zeitgeschehen, wie zum Beispiel den „Women‘s Marches“ nach Donald Trumps Wahl zum Präsidenten von Amerika, dessen Symbol die Robe der Handmaids aus Atwoods Roman war. Es wäre nicht verwunderlich, wenn auch aus The Testaments etwas hervorgeht, das wie die Robe der Handmaids zu einem Symbol für Widerstandsbewegungen und Proteste in der realen Welt wird.

Der Roman steht exemplarisch für eines ihrer immer wiederkehrenden großen Themen und einer literarischen Form, der sie sich gern bedient: Atwood schreibt, neben vielen anderen Themen natürlich – und sie selbst bezeichnet sich auch ausdrücklich nicht nur als feministische Autorin, weil sie Literatur nicht nur als politisches Instrument sieht -, über die Stellung der Frau in der Gesellschaft, und das so scharfsinnig, originell und witzig, dass man sie nur dafür bewundern kann, welch Selbstbewusstsein sie entwickelt hat, obwohl man(n) in doch gerade das vermeiden wollte. Und obwohl die Männer ihrer Kindheit behaupteten, Frauen würden die Schattenseiten des Lebens nicht kennen, schreibt sie doch genau über jene. Nicht nur The Handmaid’s Tale, auch andere ihrer Geschichten verortet Atwood in einer oft nicht genau definierten, aber nahen Zukunft und wird dafür gern dem Genre Sci-Fiction zugeordnet. Im Essay Wie Utopia entstand schreibt Atwood allerdings, weshalb diese Zuordnung nicht ganz passend ist und das sie selbst ihre Texte lieber als „Speculative Fiction“ bezeichnet. Im Unterschied zur herkömmlichen Science Fiction entwirft Atwood keine komplett neuen Welten und Gesellschaftssysteme zu und bevölkert diese auch nicht mit anderen Lebensformen, sondern sie nimmt Aspekte der Gegenwart und spinnt sie in ihren Geschichten weiter, mitunter ins Extrem. Den Ursprung haben die Zustände, die sie beschreibt, aber im Hier und Jetzt (bzw. im Hier und Jetzt, in dem Atwood die jeweiligen Ideen hatte). Vereinfacht gesagt. Falls euch ihre ausführlichen Erklärungen dazu interessieren, lest unbedingt diesen Essay, zu finden im bereits erwähnten Essay-Band.

In The Handmaid’s Tale ging es um Fremdbestimmung, verletzte Menschen- (Frauen!)rechte, um Selbstmord, Abtreibung, um das Brechen des menschlichen Willens, darum, wie weit jemand zu gehen bereit ist, um den Widerstand aufrecht zu erhalten. Wir erinnern uns kurz: The Handmaid’s Tale/Der Repor der Magd spielt in der fiktiven Republik Gilead in eben einer nicht näher definierten Zukunft. Frauen haben kein Recht mehr auf Eigentum, diejenigen von ihnen, die trotz der radioaktiven Verseuchung noch fruchtbar sind, leben als Handmaids/Mägde in den Häusern von Kommandanten, und sind dort nichts weiter als Gebärmaschinen und Sexsklavinnen. Wir verfolgen die Handlung durch die Augen der Handmaid Desfred (Osfred im Original), die von ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter bei einem gescheiterten Fluchtversuch aus Gilead gewaltsam getrennt wurde und keinen Kontakt zu den beiden hat. Nach ihrer „Umerziehung“ im Rachel-und-Leah-Zentrum soll sie nun Kinder für andere Leute bekommen, zunächst für einen Kommandanten und seine Frau. Als Desfred einfach nicht schwanger wird, arrangiert die Frau des Kommandanten illegalerweise Treffen zwischen ihr und dem Chauffeur Nick, mit dem sie eine intime Beziehung aufbaut – und am Ende von der Polizei unter dem Vorwurf, Staatsgeheimnisse verraten zu haben, abgeholt wird. Es ist unklar, ob sie verraten wurde und von wem, und ob Nick die Wahrheit sagt, als er behauptet, dass die Polizisten der Widerstandsbewegung Mayday angehören und Desfred in Sicherheit bringen werden. Die Leser*innen werden im Unklaren darüber gelassen, was mit Desfred geschehen ist, an den Text angehängte Aufzeichnungen Desfreds stellen allerdings in Aussicht, dass ihr die Flucht gelungen sein könnte. Erfahren wir jetzt, 34 Jahre später – 15 Jahre später in der erzählten Zeit –  in The Testaments, was mit Desfred wirklich geschehen ist?

THE TESTAMENTS/DIE ZEUGINNEN

Schon auf den ersten Seiten wird klar: Atwood wird hier nicht die Geschichte Desfreds weitererzählen. Stattdessen konfrontiert sie die Leser*innen mit drei neuen Erzählstimmen. Eine ältere, die sich noch an die Zeit vor der Gründung der Republik Gilead erinnert (wir kennen sie aus The Handmaid’s Tale: Aunt Lydia), und zwei jüngere, von der eine inmitten des Regimes aufgewachsen ist (Agnes) und die andere, die außerhalb lebt, sich aber nach Gilead einschleust (Daisy). In diesem Buch beantwortet Atwood nach eigener Aussage viele der Fragen, die ihre Leser*innen ihr zur Handmaid’s Tale stellten. Sie hat die Entwicklung des Staates Gilead weitergedacht und speist ihre Leser*innen mit mehr Informationen darüber, beispielsweise, was es genau mit den Aunts/Tanten auf sich hat, wie der Alltag in Gilead aussieht, welche Schrecken Frauen ertragen müssen. Ein zentrales Motiv im Buch ist die Zwangsverheiratung Minderjähriger mit hochrangigen, sehr alten Männern, und der damit einhergehende sexuelle Missbrauch, auf den sie sogar in der „Schule“ vorbereitet werden. Während wir im ersten Buch nur den limitierten Wissensstand Desfreds erleben konnten, sind es jetzt drei neue Perspektiven mit sehr unterschiedlichen Einblicken und Eindrücken des Kontextes, in dem sie leben, durch den sich das Bild der Welt, von der hier erzählt wird, viel detaillierter zusammensetzen lässt. Und neben den beiden Insiderperspektiven bekommen wir jetzt durch Daisy auch noch eine Sicht auf das Regime von außen – und erfahren, wie andere Staaten sich dazu positionieren. Durch all das wirkt Gilead plötzlich so viel greifbarer, und auch so viel näher und realer an unserer Welt, als in The Handmaid’s Tale. Die Vorstellung, dass ein solcher Staat tatsächlich existieren könnte, ist furchterregend. Vor allem, weil es angesichts der politischen Geschehnisse derzeit absolut keine abwegige Vorstellung ist.

Ich möchte hier nicht zu viel über die Geschichte an sich schreiben. Sicherlich gibt es jetzt schon mehr als genug Rezensionen über The Testaments/Die Zeuginnen. Ich finde, Atwood hat mit ihrer Entscheidung, nicht nahtlos an das erste Buch anzuknüpfen, aus der Perspektive anderer Figuren zu erzählen, und eine süffigere Schreibe zu wählen, alles richtig gemacht. Das neue Buch ist im 21. Jahrhundert angekommen.

 Ich möchte lieber noch etwas von der Veröffentlichungsveranstaltung berichten. Ich habe die Veranstaltung live im Kino in Leeds mitverfolgt und muss sagen, dass meine anfängliche Skepsis darüber, ob die Leinwand es schaffen würde, die Atmosphäre und vor allem dieses Lesungsgefühl zu transportieren, sehr schnell verpufft ist. Tatsächlich war es eine tolle Erfahrung, und spätestens, als die drei Schauspielerinnen Ann Dowd, Sally Hawkins und Lily James auf die Bühne kamen, um Ausschnitte der drei Erzählperspektiven zu lesen, dachte ich, dass ich die Mimik und Gestik der Frauen viel besser sehen konnte, als ich es wahrscheinlich vor Ort im Publikum gekonnt hätte. Atwoods Text gesprochen zu hören, offenbarte, wie eindrucksvoll, wie prägnant, wie mächtig ihre Worte sind. Das Faszinierendste an ihren Romanen ist für mich, dass sie unfassbar gut recherchiert und mit Fakten unterfüttert sind, und trotzdem absolut lesbar im Sinne von: es macht Spaß, es fühlt sich nicht an, als würde man mit Wissen beschmissen werden. Dass Atwood nichts dem Zufall überlässt, und wie hochpolitisch ihre Bücher, vor allem die beiden, um die es an diesem Abend ging, sind, zeigt jede ihrer Antworten auf die ihr gestellten Fragen. The Testaments ist nicht nur die Fortsetzung einer fiktiven Geschichte, es ist auch eine Chronik der letzten 34 Jahre. Alles, was im Roman passiert, hat eine reale Wurzel in der Weltgeschichte. Der Trigger für den Beginn ihrer Arbeit am zweiten Buch war die Wahl Trumps zum Präsidenten und die oben erwähnten Proteste gegen ihn, seine offene Frauenfeindlichkeit und Amerikas Abtreibungspolitik, aber sie brachte an diesem Abend noch unzählige weitere Beispiele, die Verarbeitung in der Geschichte fanden. Von Frauengefängnissen in Argentinien war die Rede, deren Insassinen ihre Babys weggenommen bekamen und anschließend aus Flugzeugen geworfen wurden. Von ehemaligen Mitgliedern der Widerstandsbewegungen im zweiten Weltkrieg, mit denen Atwood gesprochen hat. Von den Flüchtlingen aus Syrien, die von ihren Kindern getrennt wurden. Von den politischen und ökonomischen Entwicklungen der 90er und 2000er Jahre, und, wie soll eine so aktuelle, scharfgeistige Autorin wie Atwood es auch ignorieren können: von der Klimakrise. Atwood findet deutliche Worte dafür: das Problem, das gerade am dringendsten angegangen werden muss, ist die Klimakrise. Davon hängt alles andere ab. Auch in The Testaments wird deutlich, wie schwer geschädigt die Welt ist und welche Auswirkungen das auf die Menschen hat. Im hier mehrfach erwähnten Essayband wird übrigens deutlich, dass Atwood bereits in den frühen 2000er Jahren ausdrücklich vor den Folgen des Raubbaus an der Erde gewarnt hat. Würden wir doch nur mal auf diese ganzen klugen Leute hören!

The Testaments dreht sich um die Frage, wie ein totalitärer Staat wie Gilead so weit gehen kann wie er geht – und wann der Zeitpunkt erreicht ist, wo er auseinanderbricht. Es geht, noch viel stärker als in The Handmaid’s Tale, um Widerstand.

Atwood beendete die Veranstaltung mit einem Gedicht namens „Spelling“, welches sie 1981 schrieb, noch bevor sie mit der Arbeit an The Handmaid’s Tale begann. Wie wir an diesem Abend erfahren haben, ist das ein sehr typischer Teil ihres Schreibprozesses: ein Gedicht niederzuschreiben, welches in ihr dann die Ideen für einen Roman anstößt. Jedenfalls steht die letzte Zeile dieses Gedichtes wie ein Motto über ihren Büchern.

A Word after a word after a word is power.

Margaret Atwood. The Testaments erschien 2019 bei Chatto & Windus, einem Imprint von Vintage.Die deutsche Ausgabe erschien zeitgleich unter dem Titel Die Zeuginnen beim Berlin Verlag.

Margaret Atwood. Aus Neugier und Leidenschaft. Gesammelte Essays wurde übersetzt von Christiane Buchner, Claudia Max und Ina Pfitzner und erschien 2017 im Berlin Verlag. Die Originalausgabe erschien 2005 unter dem Titel Curious Pursuits bei Virago Press London.

3 Kommentare

  1. Toller Beitrag! So viele Hintergrundinformationen, ein Einblick in Atwoods Leben, die Buchveröffentlichung. Aus diesem Beitrag spricht für mich so viel Liebe zum Detail, zur Autorin und zum Buch, dass ich ihn sehr gerne gelesen habe und bei den letzten Worten richtig gehend emotional gerührt war. Danke!
    Liebe Grüße,
    Nico

    Gefällt 1 Person

  2. […] Als im Oktober der Booker Prize, der wichtigste Preis für im Vereinigten Königreich oder Irland veröffentlichte englischsprachige Literatur, verliehen wurde, habe ich mich natürlich sehr darüber gefreut, dass Margaret Atwoods Roman The Testaments ausgezeichnet wurde. Atwood hat es meiner Meinung nach wirklich verdient, für die Fortsetzung ihrer Handmaid’s Tale ausgezeichnet zu werden. Meinen Artikel zu diesem Buch findet ihr hier. […]

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