Look at all the lonely people. Ottessa Moshfegh. Homesick for another world

Kurzgeschichten sind ja so ein bisschen die ungeliebten Stiefkinder unter den literarischen Gattungen, wenn wir mal ehrlich sind. Niemand findet die richtig gut, aber gleichzeitig kann niemand richtig erklären, weshalb. Vielleicht, weil man damit Schreibwettbewerbe für Hobby-Autoren verbindet, die alles, was sie produzieren, als „Kurzgeschichte“ bezeichnen und sich über jeden Blumentopf freuen, den sie damit von einer Hobby-Schreibwettbewerbs-Jury überreicht bekommen (nix gegen Hobby-Autoren, es gibt nichts besseres, als seine Freizeit oder die Rente sinnvoll zu nutzen und den Kopf und die Kreativität zu beanspruchen; es wird nur schwierig, wenn man Hobby-Autoren erklären muss oder möchte, weshalb ihre Texte kein breites Publikum ansprechen werden). Vielleicht verschmähen wir Kurzgeschichten aber auch, weil wir sie in der Schule bis zum Erbrechen analysieren mussten und dann doch meistens mit unseren Interpretationen nicht das wiedergaben, was im Analyse-Handbuch unseres unfähigen Deutschlehrers stand, der uns nicht zu freien Denkern erziehen wollte, sondern lediglich sein Lehrplan-Soll zu erfüllen gedachte? Woran auch immer es liegt, ich starte hiermit einen Aufruf, der Kurzgeschichte doch mal eine Chance zu geben.

Ich bin nämlich auf den Geschmack gekommen. Die letzten Wochen waren anstrengend, mein Kopf konnte sich nicht so richtig in Romanen versenken, mir fehlte die Zeit, hunderte von Seiten am Stück wegzuballern, so wie ich es gern zu tun pflege, wenn ich mich an einer Geschichte festbeiße. Wenn ich ein Buch lese, dann am liebsten innerhalb kurzer Zeit von vorne bis hinten, um mich wirklich ganz in der Geschichte zu verlieren, sie mitzuerleben, als wäre sie ein Film, der vor meinem inneren Auge abgespielt wird. Wenn ich, aus welchen Gründen auch immer, mit einem Buch nicht vorwärtskomme und es ewig auf meinem Nachttisch liegt, frustriert mich das und ich verliere meist das Interesse daran. Da ich aber niemals nichts lesen kann, habe ich es mit Kurzgeschichten probiert, als mir letztens der Band Homesick for another world von Ottessa Moshfegh in die Hände fiel. Über ihren Roman My year of Rest and Relaxation hatte ich vor einer Weile auf diesem Blog berichtet; eine sehr strange Geschichte, die ich trotz oder gerade wegen ihrer total unsympathischen Protagonistin gern gelesen habe.

Das mit den Arschloch-Protagonisten scheint sich wie ein roter Faden durch Moshfeghs Werk zu ziehen, zumindest drängt sich nach der Lektüre der Kurzgeschichten der Verdacht etwas auf. Die sind nämlich bevölkert von Figuren, die auf den ersten Blick nicht wirklich viel zu bieten haben. Sie sind entweder eigenbrödlerisch, egoistisch, abgewrackt, hoffnungslos, orientierungslos, pervers, oder alles zusammen. Trotzdem habe ich auch dieses Buch wieder sehr gern gelesen, hatte sogar Spaß daran. Bin ich vielleicht irgendwie nicht richtig im Kopf? Ich glaube, die Chancen stehen ganz gut, dass ich noch alle Latten beisammen habe und meine Begeisterung für Oshfeghs Figuren sich darin begründet, dass sie eben die rauen, harten, ungefilterten Seiten des Lebens abbilden. Menschen, die in ihren Umständen gefangen sind, und wie sie damit umgehen. Menschen, die kein Hochglanz-Leben führen, für die das aber auch ok so ist (so wie die Frau aus der Geschichte Slumming, die jeden Sommer in ihr Ferienappartement in der trostlosesten, schäbigsten Küstenregion ever fährt, wo absolut nichts los ist und es auch nichts gibt, womit man sich die Zeit vertreiben könnte, außer Drogen. Für sie der beste Urlaub überhaupt.) Moshfegh gibt uns Einblicke in die Köpfe ihrer Protagonist*innen, lässt uns teilhaben an Momenten, in denen Menschen klar wird, dass das Leben meistens lauwarm schmeckt. Zumindest wohl in dem Amerika, das Moshfegh hier darstellt. Trotz der klaren Verortung kann man die Geschichten aber auch ganz losgelöst von ihrem amerikanischen Kontext betrachten. Für mich ist der Kern aller Geschichten der, dass sie von menschlichen Abgründen erzählen. Das Faszinierendste an anderen Menschen sind ja immer ihre dunklen Geheimnisse, die schmutzigen Gedanken, das zweite Gesicht unter dem alltäglichen. Für die Darstellung dieser Aspekte des menschlichen Daseins hat Moshfegh ein großes Talent.

Manche Kurzgeschichten mochte ich mehr als andere, aber das liegt bei Kurzgeschichtenbänden wahrscheinlich in der Natur der Sache. Zu meinen Favoriten zählen: No place for good people (ein Mann arbeitet nach dem Tod seiner Frau ehrenamtlich in einer Einrichtung für geistig behinderte Erwachsene und unternimmt auf ausdrücklichen Wunsch hin einen Geburtstagsausflug mit zwei Bewohnern in eine Fast Food Bar, die dafür bekannt ist, dass die Bedienungen leicht bekleidet sind), The Beach Boy (ein Ehepaar kommt aus dem Urlaub wieder, kurz darauf stirbt die Frau, der Mann findet beim Anschauen der entwickelten Fotos heraus, dass seine sonst so überkorrekte Frau in ihm Urlaub mit einem der dort herumstreunernden jungen, armen männlichen Prostituierten betrogen hat), Mr. Wu (ein Mann hängt jeden Tag in einer Spielautomatenbar in der Arkade ab, weil er in die Frau verliebt ist, die dort arbeitet. Er findet ihre Telefonnummer heraus, schreibt ihr, und beobachtet ihre Reaktionen auf seine SMS. Nebenbei geht er zu Prostituierten und lebt seine Fantasien über die Frau aus – sagte ich schon, dass es um menschliche Abgründe geht?), An honest Woman (ein Mann phantasiert über seine neue, viel jüngere Nachbarin, die offensichtlich nichts von ihm wissen möchte), A better World (wahrscheinlich die abgefahrenste Geschichte überhaupt über zwei Geschwister, die zu der Erkenntnis gekommen sind, dass sie aus einer anderen Welt kommen, die sie zurückkehren möchten, aber dafür müssen sie jemanden umbringen).

Wer Geschichten mag, die sich zuweilen anfühlen wie ein Tag, an dem es in Strömen regnet, und damit umgehen kann, dass es nicht immer eine offenkundige Moral oder eine Botschaft an die Leser*innen gibt; wer gern Texte liest, die spotlichtartig einen Ausschnitt aus dem Leben völlig willkürlich ausgewählt scheinender Figuren zeigen, so als würde man mit einem Zug an einer Häusersiedlung vorbeifahren und kurze Blicke in fremde Wohnzimmer erhaschen können – für die ist dieses Buch gemacht.

Ottessa Moshfegh. Homesick for another world. Erschienen 2017 bei Vintage, Penguin Random House UK.

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