Männer sind Schweine. Circe. Madeline Miller

Manchmal werden Bücher Bestseller, bei denen wahrscheinlich im Verlag 90 Prozent der Mitarbeiter gesagt haben, dass das Thema niemals Erfolg haben wird, und es ist einzig dem Herzblut einer Lektorin oder eines Lektors zu verdanken, dass es überhaupt herausgebracht wurde. Tatsächlich ist es oft genau so, und ich freue mich über jedes Buch, das es auf diese Weise in die weite Welt schafft. Solchen Themen haftet gern etwas nerdiges, angestaubtes, theoretisches an und alle Jubeljahre gelingt es einer Autorin (oder einem Autor), aus dem Stoff doch etwas völlig einzigartiges, mitreißendes und vor allem unterhaltendes zu machen. Von so einem Buch handelt der heutige Artikel. Es geht um ein Buch, das tief aus der griechischen Mythologie schöpft.

GRIECHISCHE MÜDE…. WAS?

Ich persönlich finde die antike Sagenwelt schon immer wahnsinnig faszinierend, mein Wissen wurde aber leider vom Zahn der Zeit etwas angenagt. Während meines Literaturstudiums habe ich mich eine Zeit lang im Sinne der Klassikerrezeption mit den Sagen der griechischen Antike beschäftigt, denn wenn man einmal drin ist in der literarischen Spurensuche, findet man Motive der griechischen Mythologie plötzlich überall in der modernen Literatur (Motive aus der Bibel übrigens auch). Von meinem einstigen Hobby ist heute in meinem Kopf leider nicht mehr viel übrig (zum Glück gibt’s Google). Einige Geschichten sind jedoch allgemeinhin bekannt und haben teilweise sogar ihren Weg in unseren täglichen Sprachgebrauch gefunden: Prometheus, der den Menschen verbotenerweise das Feuer brachte und dafür von Zeus an einen Berg gekettet wurde, wo regelmäßig ein Adler vorbeikam und Teile seiner sich immer wieder erneuernden Leber fraß (Gott halt. Was hätte man mit so einer Fähigkeit sonst im Sinne der Organspende Gutes tun können! Aber die Götterwelt ist eine sehr egoistische). Oder Sisyphos, der auch für irgendwas bestraft wurde (generell gilt: Strafe ist ein beliebtes Erziehungsprinzip bei den antiken Göttern, wir kommen noch mal drauf zurück) und seitdem einen Felsbrocken einen Berg hinaufrollen muss, der aber jedes Mal, wenn er den Gipfel erreicht, wieder runterkullert. Oder Orpheus, der seine Geliebte Eurydike in der Unterwelt zurücklassen muss, weil er der von Hades auferlegten Aufgabe, sich auf dem Weg zurück in die Oberwelt nicht nach ihr umzudrehen, nicht standhalten kann. Großes Pech. Das ist meine Lieblingsgeschichte, weil sie so tragisch ist. Und weil Rilke, mein Poesieguru, ganze Gedichtzyklen über Orpheus geschrieben hat. Er fand’s anscheinend auch tragisch.

ANTIKER MYTHOS, WIE HÄLTST DU’S MIT DEM FEMINISMUS?

Heute, mit etwas Abstand zu meinem damaligen wissbegierigen und gleichzeitig noch sehr naiven Ich, und meinem inzwischen feministisch geschulten Geist, muss ich die griechische Mythologie natürlich auch kritisch betrachten und kann sie nicht mehr nur romantisch verklären. Die griechischen Sagen bilden im Grunde eine patriarchal strukturierte Welt ab. Männer unternehmen große Reisen, schlagen große Schlachten, gehen große Risiken ein. Frauen kommt oft nur die Opferrolle zu: unzählige von ihnen werden vergewaltigt oder verschleppt oder umgebracht. Oder verstoßen. Oder sind komplett vom Handeln ihrer Männer abhängig, und wenn die sich trottelig verhalten, war’s das mit ihnen (siehe Orpheus).  Jedenfalls kommen sie in den meisten Geschichten echt nicht gut weg. Wenn sie irgendwie doch unabhängig und erfolgreich sind, werden sie als männermordende, unglückbringende Hexen (das ist noch mal ein Thema für sich: die Negativkonnotation von Frauen als „Hexen“ durch die Jahrhunderte und die Literatur hinweg, Margaret Atwood hat darüber auch einen interessanten Essay verfasst!) dargestellt.

SELBSTBESTIMMT, STARK UND SENSIBEL: DIE FRAUENFIGUR(EN) IN CIRCE

Madeline Miller hat nun einen ganzen Roman über eine dieser Frauenfiguren geschrieben, die in der Sage allenfalls hartherzig und egoistisch rüberkommt. Die Geschichte von Circe, oder eingedeutscht Kirke oder Zirze, kann man beispielsweise bei Homer oder Ovid nachlesen und geht ungefähr so:

Circe wurde von ihrem eigenen Vater, dem Sonnengott Helios, auf die Insel Aiaia verbannt, wo sie jetzt jahrhundertelang mit dumpfbäckigen Nymphen rumhängt, die andere Göttervater zur Strafe auf Kurzvisite vorbeischicken. Zum Leidwesen ihrer Eltern hat Circe das Talent zum Zaubern in die Wiege gelegt bekommen. Vor Zauberinnen fürchtet sich die herrschende Männerriege der Antike, vor allem Zeus, dem Esoterik so gar nicht geheuer ist. Denn sie könnten ja auf die Idee kommen, ihre Fähigkeiten gegen ihn zu verwenden und das Patriarchat auf dem Olymp zu stürzen. Zeus und Helios sind sozusagen beste Feinde, und um den mühsam errichteten Frieden im Götterreich zu wahren, schickt Helios eben seine Tochter weg. Vaterliebe at it’s worst. Circe erlernt auf der Insel das Brauen von mächtigen Zaubertränken. Irgendwann landen immer mehr Seefahrer bei ihr, die sie in Schweine oder andere Tiere verwandelt, die fortan auf der Insel leben, so auch die Mannschaft von Odysseus – den kennt man ja von seiner berühmten ewiglangen Irrfahrt. Der allerdings hat vorher von Hermes einen Schutztrank erhalten, sodass  Circe ihn nicht verwandeln kann. Er schafft es, sie dazu zu bringen, seine Männer wieder zurück zu verwandeln. Allerdings kann er sich ihrem weiblichen Charme nicht erwehren und landet mit ihr in der Kiste – falls ihr das nicht wusstet, habt ihr jetzt gelernt, woher das Wort „bezirzen“ kommt. Irgendwann wird es Odysseus zu lahm auf der Insel und er kehrt nach Hause zurück – wo übrigens seine Frau und ein Sohn auf ihn warten – Treue ist bei den antiken Sagengestalten übrigens auch kein Wert, der besonders hochgehalten wird. Vor seiner Abreise schwängert er Circe, und als das Kind mit dem etwas gewöhnungsbedürftigen Namen – selbst für die griechische Mythologie – Telegenos erwachsen ist, bricht es auf, um seinen Vater zu suchen, bringt den aber dann aus Versehen um. Danach wird es leicht inzestiös: Circe bandelt nämlich mit Odysseus‘ erstem Sohn an und Telegenos mit Odysseus‘ erster Frau. (Aber für mythologische Verhältnisse ist das noch gar kein Grund zur Aufregung.)

Die überlieferten Sagen lassen nicht so viel Raum für Zwischentöne und sprechen nur spärlich von Gefühlen. Miller hat sich nun des Stoffs angenommen und entwirft ein Bild von Circe, das sie so menschlich und greifbar macht, und das dem ganzen Text einen erstaunlich modernen Charakter verleiht. Ich war anfangs skeptisch, ob es möglich ist, bei einem so alten Stoff einen Ton zu treffen, der heutige Leser*innen anspricht. Aber doch, es ist möglich. Millers Erzählung ist wie eine Melodie, sie trägt die Leser*in von der ersten bis zur letzten Seite. Ich konnte das Buch kaum weglegen.

Miller beginnt ganz vorn bei Circes Kindheit in Helios‘ Palast und ebnet langsam den Weg für ihre Verbannung auf die Insel Aiaia. Circes frühe Jahre waren geprägt von Hohn und Spott, durch ihre Geschwister, Verwandten, sogar durch ihre eigenen Eltern. In den Götterkreisen wird wenig auf Gemeinschaft und Familienzusammenhalt gebaut, es zählt nur, wer schön aussieht und tolle Sachen kann und vor allem – hört, hört – ein Mann ist. Während andere Nymphen als außerordentlich schön bezeichnet werden, bekommt Circe ständig zu hören, dass sie hässlich sei, dass ihre Stimme der einer Ziege gleiche, dass sie naiv und leichtgläubig und nicht besonders klug sei, diesdas. Dabei hat Circe entgegen dem Großteil ihrer Verwandtschaft eine sehr menschliche Qualität: sie ist sensibel, mitfühlend und empathisch. Das zeigt sich zum ersten Mal, als sie dem verurteilten ausgepeitschten Prometheus ein Getränk bringt, während die anderen Götter nur glotzen.

Circes große Stärke und gleichzeitig ihr größtes Problem sind ihre Gefühle, gegen die sie machtlos ist. Als sie sich einen Menschen verliebt und herausfindet, dass sie besondere Zauberkräfte hat, verwandelt sie ihn in einen Gott, der sich dann aber dummerweise in ihre Cousine Scylla verliebt. Blind vor Liebeskummer verwandelt Circe Scylla in ein sechsarmiges Seeungeheuer – und liefert ihrem Vater, der sie sowieso nicht besonders gut leiden kann, einen Grund für ihre Verbannung nach Aiaia. Fortan quälen Circe schlimme Reue- und Schuldgefühle, denn Scylla wird zum Verhängnis für tausende Männer auf See. Mit dem Wissen, für den Tod unzähliger Menschen verantwortlich zu sein, muss Circe sich Tag für Tag ihres unsterblichen Lebens konfrontieren. Auch dieses wird für sie nach und nach immer mehr zur Last, denn die Männer, in die sie sich verliebt, sind Sterbliche. Circe erkennt, dass Unsterblichkeit kein Privileg ist und dass nicht zählt, wie lang ein Leben war, sondern wie.

[…] of course I could not die. I would live on, through each scalding moment to the next. This is the grief that makes our kind choose to be stones and trees rather than flesh.

Im Laufe der Jahre landen hin und wieder Seefahrer auf ihrer Insel, die sie, ganz dem Mythos gemäß, in Schweine verwandelt. Allerdings liefert Miller uns eine sehr plausible Erklärung dafür, warum sie das tut: die Männer versuchen nämlich ausnahmslos, Circe brutal zu vergewaltigen. Klar: alleinstehende, zierliche, unbewaffnete Frau auf einer einsamen Insel, was soll man mit der auch sonst machen? Schließlich strandet Odysseus auf ihrer Insel. Und mit ihm beginnt ein Kapitel, das für Circe ganz neue Erfahrung von Liebe bereithält.

Circe ist ein Buch über weibliche Stärke. Am meisten haben mich die Passagen über Circes Muttergefühle bewegt – nachdem Telegenos geboren ist, der wie sein Vater ein Mensch ist, und damit höchststerblich, dreht sich in Circes Kopf alles nur noch darum, wie sie ihren Sohn möglichst vor den Gefahren des Lebens beschützen kann. Und dabei können ihr auch ihre Zauberkräfte nicht helfen, einzig ihr Mutterinstinkt. Und nach Jahren, in denen sie sich für ihr Kind aufgeopfert hat, beschließt es, sie zu verlassen und sie somit zurückzulassen, denn sie ist ja immer noch auf ihrer Insel gefangen. Circe ist ein Roman über das Hand-in-Hand von Liebe und Verlust, von der Stärke der Schwachen, vom Was-wirklich-zählt.

Den Rahmen der Handlung gibt weitgehend der überlieferte Mythos vor, aber das wirklich Interessante, nämlich die oben erwähnten Zwischentöne, die hat die Autorin hineingeschrieben. Wie großartig sie das gemacht hat, davon überzeugt ihr euch am Besten selbst. Auch, wenn ihr keine Fans von antiken Sagen seid. Danach werdet ihr sie mögen.

Madeline Miller. Circe. Erschienen 2018 bei Bloomsbury. Die deutsche Ausgabe ist 2019 unter dem Titel Ich bin Circe beim Eisele Verlag erschienen.

2 Kommentare

  1. Liebe Maria,

    ich war beim Lesen auch total begeistert von Circe, das ja – wenn ich mich recht erinnerte – sogar bei Goodreads zum Buch des Jahres gewählt wurde. Millers Vorgängerroman über Achilles, den ich danach gelesen habe, konnte mit diesen von dir so schön als „Zwischentöne“ beschriebenen eingängigen Stil leider nicht so ganz mithalten. Aber Circe war schon eine tolle Leseerfahrung.

    Du hast geschrieben, dass sich Margaret Atwood in einem Essay mit der Negativkonnotation „Hexe“ befasst. Findet frau* das Essay in ihrem Essaybuch „Aus Neugier und Leidenschaft“?

    Liebe Grüße,
    Nico

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    • Lieber Nico,

      genau, ich erinnere mich grade spontan vor allem an zwei Aufsätze aus dem Buch, „Der Fluch der Eva“, wo sie generell über Frauenfiguren in Romanen schreibt (auch Hexen) und „Dem Frausein auf der Spur“, wo es um Hexenfiguren, ich glaube, in einem Roman von John Updyke, geht. Aber es klingt generell in vielen ihrer Texte an, es ist ja eins ihrer großen Themen. 🙂

      Danke für deine Meinung zu „Achilles“, ich habe mich nämlich gefragt, ob sich die beiden im Erzählton unterscheiden. Mir reicht das jetzt glaube ich erstmal an Antike-Verarbeitung, und ich behalte mir dann erstmal dieses besondere Buch in Erinnerung, ohne den Vorgänger zu kennen.

      Liebe Grüße,
      Maria

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