Always Trennungsschmerz. Joanne K. Rowling. Harry Potter.

Ich war elf, als mir meine Tante mein erstes Harry Potter-Buch schenkte. Es war der dritte Band, Der Gefangene von Askaban, und das Cover sprach mich sowas von überhaupt nicht an (es war eine der ersten deutschen Ausgaben, deren Illustrationsstil eigentlich viel zu düster für ein Kinderbuch war).  Irgendwann, vielleicht ein halbes Jahr später, ging mir der Lesestoff aus und ich griff dann doch zu dem Buch, das bis dahin im Regel gestanden hatte. Und dann war ich verloren. Für immer. An eine fantastische Welt, die so einzigartig ist, und so vielschichtig, und die eine ganze Generation geprägt hat. Es gibt viele Namen für uns: Generation Y, Generation Praktikum, Generation Burn Out – aber eigentlich ist die treffendste Bezeichnung für uns doch: Generation Potter.

Ich vermute, dass die Harry Potter-Bücher diejenigen sind, die die höchste Quote am Immer-wieder-gelesen-Werden aufweisen. Ein Blick in mein Bücherregal bestätigt, dass kein anderes Buch dort so zerlesen aussieht wie meine Harry-Potter-Bände. Inzwischen besitze ich verschiedene Ausgaben, weil natürlich die Verlage erkannt haben, dass bei den Fans mit regelmäßig erscheinenden Neuauflagen schön viel Kohle zu holen ist. Harry Potter ist eben auch Kapitalismus at it’s best, und es funktioniert wahnsinnig gut, wie ich bei mir immer selbst wieder feststellen kann. Es gibt unfassbar viel Merchandise, und vor allem hier in Großbritannien findet man eigentlich überall in den bekannten Bekleidungsketten und in Supermärkten Artikel mit Hogwarts-Branding, und es gibt auch in jedem größeren Einkaufszentrum oder in den Innenstädten größerer Städte ganze Shops, die nur Harry-Potter-Zeug verkaufen. Jedes Mal, wenn ich so eine Merchandise-Hölle betrete, gebe ich mein Gehirn am Eingang ab. Deshalb besitze ich inzwischen diverse Tassen, einen Schlüsselanhänger, eine Hedwig-Wärmflasche, eine Kuscheldecke und einen Schlafanzug mit Harry-Potter-Motiven. Die Planung ist noch nicht abgeschlossen. Ich bin übrigens 29 Jahre alt.

Warum aber ist das Potter-Universum so anziehend, warum identifizieren wir uns so stark damit, träumen uns auch noch als Erwachsene nach Hogwarts, wo die meisten von uns doch eigentlich heilfroh sind, nie wieder in die Schule gehen zu müssen? Ich glaube, dass Harry Potter eine Vielschichtigkeit aufweist, die in der zeitgenössischen belletristischen Literatur ihresgleichen sucht. Böse Zungen werfen den Büchern ja gern vor, dass sie sprachlich nicht so besonders toll geschrieben seien (dem stimme ich übrigens absolut nicht zu), aber es kann ja wohl niemand verleugnen, was für eine krasse Leistung Joanne K. Rowling mit der Konzeption des Gesamtplots erbracht hat, der sich über sieben Bände erstreckt und der bereits im ersten Band Fäden spinnt, die erst im letzten aufgelöst werden. Es gibt seit dem ersten Potter-Boom in den späten Neunzigerjahren unzählige Nachahmungsversuche, manche mehr oder weniger offensichtlich, und sogar heute noch lassen sich in einer Vielzahl von bei den Verlagen eingereichten Manuskripten Elemente finden, die ganz klar von Rowlings Welt inspiriert wurden. So richtig erfolgreich ist aber keine dieser Me-toos. Weil ihnen einfach dieser Detailreichtum, die Komplexität der Handlung und die Mehrdimensionalität der Charaktere fehlen – und sich viele Autor*innen mit komplexeren Geschichten schnell verstricken und verzetteln und niemand wirklich Lust hat, komplizierte, langatmige, uninspirierte Geschichten zu lesen. Schreiben hat zwar natürlich in erster Linie etwas mit Talent zu tun, aber die Konzeption ist zum größten Teil Handwerk. Viele Autor*innen oder Menschen, die gerne Autor*in wären, scheitern daran, ihre Sprachbegabung mit einer in sich stimmigen, spannenden Handlung zusammenzubringen.

 Jeder Potter- Band funktioniert jedenfalls wunderbar im Gesamtgefüge, aber auch gut für sich allein (das ist der Grund, weshalb ich komplett in Potterbegeisterung verfiel, obwohl ich mit dem dritten Band startete) und ist randvoll mit wahnsinnig vielen charmanten Details, die die Zaubererwelt erst so lebendig und heimelig werden lassen. Prasselnde Kaminfeuer, handgestrickte Wollpullover, dampfende Butterbierbecher und the warm embrace, die Hogwarts seinen Schüler*innen von der Minute an zuteilwerden lässt, in der sie das Schloss betreten – Diese Heimeligkeit ist es doch, wegen der man am Ende eines jeden Sommers kaum die ersten usseligen Herbstnachmittage erwarten kann, an denen man sich mit Kuscheldecke (mit Hogwarts-Design!) und einem Potter-Band einkuscheln und wegzaubern kann. Der Vorteil daran, jeden Band an die hundert Mal gelesen zu haben ist außerdem der, dass man an jeder beliebigen Stelle anfangen kann. Es gibt die Fraktion, die die ersten Bände lieber mögen als die letzten, und umgekehrt.

Hermine Granger. Aus: Harry Potter and the Goblet of Fire

Für mich persönlich (und ganz sicher bin ich damit nicht allein auf weiter Flur) stehen die sieben Bände vor allem für den Prozess meines Erwachsenwerdens. Ich war genauso alt wie Harry, Ron und Hermine, als ich die Reihe zu lesen begann. Ich bin zeitgleich mit den Protagonisten gealtert, habe mit ihnen auch die thematischen Wechsel der Bücher vollzogen, so, wie sich auch in meinem Leben die Themen verändert haben. Ging es am Anfang noch verstärkt um Aspekte wie die Identitätsfindung und das Erlangen von Selbstbewusstsein bei Harry, um den Stellenwert von Freundschaft und die Definition von „Zuhause“, wurden die Themen spätestens ab Band 3 komplexer und erwachsener. Politik hielt Einzug bei Harry Potter, die große Frage danach, was Gut und Böse ist, der Fokus ging weg vom Individuum hin zum Schicksal der Gemeinschaft. Es ging darum, Entscheidungen zu treffen, sich einem Ziel zu verschreiben, für eine Sache zu kämpfen, auch wenn man plötzlich zum Staatsfeind erklärt wird. Und, was ja gerade jetzt wieder ein sehr aktueller Aspekt ist: Wie gefährlich es ist, bestimmte Menschengruppen auszugrenzen, gegen andere zu hetzen, sie zum Feindbild zu erheben, wie mediale Propaganda Gehirnwäsche betreibt. Ich habe durch diese Bücher gelernt, dass die vermeintlich Schwächsten oft die krassesten Schweine sind, dass Sensibilität weiter bringt als Grobheit und dass die größten Heldentaten meistens unangekündigt geschehen. In den Harry Potter-Büchern finden sich diverse weibliche Figuren, die ich irgendwie immer mit mir herumtrage, die ich zitieren kann und mit deren Charaktereigenschaften ich mich identifiziere oder mich an ihnen orientiere auf dem Weg zu mir selbst (denn wie wir alle wissen: it’s a neverending journey). Allen voran Hermine Granger, über die meine Mama schon beim ersten Film lächelnd sagte, dass die ja genauso wäre wie ich: ein unstillbares Verlangen nach Büchern, ein vorlautes, altkluges Mundwerk, ein sehr sensibles Wesen, komische Haare. Und das Wunderbare ist: tausende, Millionen anderer Mädchen finden sich in dieser Figur gleichermaßen wieder. Wir sind nicht allein! Mit Hermine Granger waren weibliche Nerds plötzlich cool. Es gab endlich einen gesellschaftlich akzeptierten Gegenentwurf zu Pferdemädchen, Barbiemädchen und Ballerinas.

Professor Trelawney. Aus: Harry Potter und der Gefangene von Askaban

Aber natürlich bietet Harry Potter noch so viele andere starke Frauenfiguren: Mrs Weasley, Rons Mutter, resolut und gleichzeitig warmherzig wie ein Backofen, die wie eine Löwin für ihre Familie kämpft, die sich sogar Bellatrix Lestrange in den Weg stellt. Luna Lovegood und Professor Trelawney, beide von anderen verlacht und gemobbt, die sich aber immer selbst treu bleiben und die der Beweis dafür sind, dass nerdig-Sein so viel liebenswerter macht als krampfhafte Anpassung. Minerva McGonagall, die sich in einer männerdominierten Welt behauptet – denn ja, man kann es nicht gänzlich ignorieren, dass in Harry Potter hauptsächlich männliche Figuren die Handlung vorantreiben und wichtige Ämter innehaben. Ich habe Artikel gelesen, in denen das heftig kritisiert wurde und in denen der Geschichte Sexismus vorgeworfen wurde. Diese Ansicht teile ich überhaupt nicht, denn im Grunde bildet Rowling damit ja die Strukturen in unserer echten Welt ab und mit den starken Frauenfiguren, von denen ich ein paar aufgezählt habe, bildet sie das feministische Gegengewicht, das langsam, aber sicher bestehende Strukturen verändern wird. Wie auch in der Muggelwelt braucht das halt Zeit und geht leider nicht von heute auf morgen. Aber wie wir ja wissen, wird McGonagall beispielsweise später Schulleiterin von Hogwarts und Hermine Leiterin des Zaubereiministeriums. Und auch Fleur Delacour, eine Figur, die bei ihrem ersten Auftritt im vierten Band wie der Inbegriff des stereotypen Blondchens daherkommt, beweist recht schnell, dass sie viel mehr ist, als ihr hübsches Äußeres.

Parvati Patil. Aus: Harry Potter und der Gefangene von Askaban.

Die Harry Potter-Bücher hatten auch einen großen lebenspraktischen Einfluss auf mich. Sie haben mir nämlich enorm dabei geholfen, meine Englischkenntnisse voranzutreiben. Ab dem fünften Band hatte ich keine Geduld mehr, auf die deutsche Übersetzung zu warten. Also stand ich bei Erscheinen der englischen Ausgabe hibbelig noch vor der Öffnungszeit vor dem Buchladen, und verschlang, bewaffnet mit einem Wörterbuch, The order of the Phoenix. Die Lektüre beanspruchte die Dauer des gesamten Ungarn-Urlaubs und natürlich habe ich die Handlung erst so richtig gecheckt, als ich später die deutsche Ausgabe las. Aber von da an habe ich kontinuierlich englische Bücher gelesen, und ich bin überzeugt davon, dass ich deshalb heute ein so gutes, intuitives Gespür für diese Sprache habe, die nicht meine Muttersprache ist.

Zu meiner Potter-Faszination gehört natürlich auch die Autorin, die an sich ja sowas wie ein eigener Mythos geworden ist. Wer träumt nicht manchmal heimlich bei Café-Besuchen oder Zugfahrten davon, so wie sie bei einer dieser Gelegenheiten mal eben die zündende Idee für einen Megabestseller (übersetzt in über 80 Sprachen, über 500 Millionenmal verkauft, mit diversen Preisen ausgezeichnet) zu haben? Wildromantisch und später hochgradig emanzipatorisch ist natürlich auch der Rest der Entstehungsgeschichte: Rowling, die, als sie den ersten Band schrieb, auf Sozialhilfe angewiesen war, gilt inzwischen als eine der reichsten Frauen Großbritanniens. Und dass man von Verlagsseite aus anfangs ihre Leser*innen lieber in den Glauben lassen wollte, es handelte sich um einen männlichen Autor, der Verkaufschancen wegen, und deshalb ihren Vornamen nur in Initialen auf die Bücher druckte, gibt Rowling umso mehr die Bad-Ass-Aura einer Frau, die ganz allein mit den Produkten IHRES EIGENEN KOPFES geschafft hat, was sie geschafft hat. Aber volle Kanne. Gleichzeitig ist es natürlich für sie als Autorin wahnsinnig schade, dass ihre folgenden Bücher, darunter auch Romane für Erwachsene, immer im Schatten der Harry-Potter-Reihe stehen und vergleichsweise gemischte Kritiken erhielten. Es lohnt sich, auch mal einen (wenn es euch gelingt, unvoreingenommenen) Blick in ihre anderen Bücher zu werfen. Und auch auf ihren Twitter-Account.

Die illustrierten Schmuckausgaben, Band 1-3 der deutschen Ausgabe.

Wenn ihr euch vielleicht, was die verschiedenen Ausgaben der Bücher angeht, besser im Griff habt als ich, gratuliere ich euch herzlich. Was ihr euch aber auf keinen Fall entgehen lassen solltet, sind die von Jim Kay illustrierten Bände, die seit 2015 im ein- bis zwei-Jahrestakt erscheinen. Gerade ist der vierte Band, The Goblet of Fire/Der Feuerkelch, erschienen. Kay schafft es, die Welt der Zauberer visuell noch mal ganz neu zu erfinden, ohne dass das Gefühl, in eine so gut bekannte Welt einzutauchen, auf der Strecke bliebe. Seine Figuren scheinen so lebendig, so als würden sie sich gleich tatsächlich bewegen, so, wie es Portraits in Harrys Welt ja zu tun pflegen.

Und jedes, jedes Mal, wenn ich einen Band ausgelesen habe, und die letzte Seite umschlage, fühle ich Trennungsschmerz. Von Figuren, die sich wie gute Freunde anfühlen. Von einer Welt, in der ich mich zuhause fühle. In der sich alle meine Teile wiedertreffen – ich, das Kind, ich, der Teenager, ich die Erwachsene. Weil die Harry-Potter-Bücher ein Teil von jeder dieser Lebensphasen waren. Und es ganz sicher auch weiterhin bleiben.

J.K. Rowling. The Goblet of Fire. Illustrated by Jim Kay. Erschienen 2019 bei Arthur L. Levine Books. Die deutsche Ausgabe erschien 2019 unter dem Titel Der Feuerkelch bei Carlsen.

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