Other Stories // Es lebe die Kauzigkeit! Shaun Bythell. The Diary of a Bookseller.

Eine meiner liebsten Serien of all time ist die britische Comedyserie Black Books. Sie spielt in einem Buchantiquariat in London, dessen Inhaber, Bernard Black, Menschen hasst, den ganzen Tag Kette raucht und Rotwein trinkt und eigentlich überhaupt keine Ahnung davon hat, wie man ein Geschäft führt. Ist ihm aber auch herzlich egal. Der Buchhändler Shaun Bythell, der in Diary of a Bookseller seine Leser*innen mit durch ein ganzes Jahr in seinem Buchladen in Schottland nimmt, hat mich oft an Bernard Black erinnert – nicht nur, weil er selbst die Serie im Vorwort erwähnt.

Bythell ist zwar nicht ganz so misanthrop wie die Serienfigur, und Rotwein trinkt er während der Arbeitszeit auch nicht (zumindest verschweigt er es). Doch ein bisschen kauzig ist er auf jeden Fall, und ein nicht unwesentlicher Teil seines Buches besteht daraus, nervige, unfreundliche, exzentrische und seltsame Kunden zu portraitieren. Auch wer noch nie selbst im Verkauf gearbeitet hat, wird mit Bythell sympathisieren, wenn mal wieder jemand ein Buch an den Tresen schleppt und versucht, um jeden Cent zu feilschen. Oder wenn mal wieder jemand schamlos vor den Augen des Buchhändlers Preise auf Amazon vergleicht. Oder wenn mal wieder jemand durch den Laden stapft und lauthals kundtut, wie bibliophil er/sie doch ist, und dann geht, ohne etwas zu kaufen. Das Buch ist stellenweise unfassbar komisch, weil am Lustigsten ja doch immer Geschichten über andere Menschen sind, die sich schräg verhalten. Bythell hat dieses Gespür für Situationskomik, und es ist dieser liebevolle Sarkasmus, der seine Beobachtungen nicht boshaft, sondern unterhaltsam macht.

Bythell lässt uns aber auch an anderen Aspekten seines Buchhändleralltags teilhaben. An täglichen Querelen mit Onlineverkaufsplattformen wie Amazon oder Monsoon, an den Kabbeleien mit seiner Teilzeit-Aushilfe Nicky, die Anhängerin der Zeugen Jehovas ist, Essen containert und Bythell mit ihren Weltansichten, die sehr konträr zu den seinen verlaufen, oft zur Weißglut treibt. Trotzdem eint die beiden eine gewisse Hassliebe, und ohne Nicky wäre er das ein ums andere Mal sicher auch aufgeschmissen gewesen.

Ein fester Bestandteil seiner Arbeit sind Ausflüge zu Menschen, die den Nachlass von Verwandten oder ihre eigene Büchersammlung verkaufen wollen. Hier tritt die wahre Bibliophilie zu Tage, und jede/r Bücherwurm*in wird sich damit identifizieren können: mit der erwartungsfreudigen Erregung, mit der Kiste um Kiste voll alter Bücher inspiziert wird, und der Adrenalinschauer, wenn ein Buch herausgefischt wird, das nicht nur sehr alt ist und diesen unverwechselbaren Duft nach Papier verströmt, das seit Jahrzehnten, wenn nicht gar seit Jahrhunderten von Hand zu Hand gegangen ist, sondern auch noch wertvoll sein könnte. An diesen Funden lässt Bythell uns teilhaben und gewährt uns außerdem einen Einblick in seine Gedanken: Wem hat dieses Buch wohl einmal gehört? Und wo wird seine Reise noch hingehen? An diesen Stellen wird das Buch fast philosophisch, zumindest macht es nachdenklich und lässt den eigenen Blick unweigerlich zu den eigenen Schätzen im Regal schweifen. Wie sehr freue ich mich zum Beispiel immer darüber, wenn ich ein altes Buch finde, in dem eine handschriftliche Widmung geschrieben steht. Oder neulich, als ich ein Exemplar aus der Erstauflage von Virginia Woolfs Tagebüchern ergatterte. Oder wenn beim Umblättern eine gepresste Blume aus den Seiten herausfällt. Die Aufregung ist auch immer groß, wenn eine langersehnte Neuerscheinung ihren Weg zu mir findet – aber den echten Thrill verspüre ich nur in staubigen Secondhandbookshops, bei denen sich die Regale bis unter die Decke krümmen und sich die Kisten mit Büchern in den Ecken stapeln.

Wer gebrauchte Bücher kauft, der kauft nicht nur gebrauchte Bücher. Der nimmt sich Zeit für die Suche nach dem Ungewissen. Der begibt sich auf ein Abenteuer, dessen Ende ungewiss ist. Und nimmt in Kauf, leer auszugehen und den Weg als Ziel zu begreifen. Der empfindet Freude an etwas abgenutztem und wendet sich bewusst gegen die „immer-neu-immer-verfügbar“-Mentalität unserer Zeit. Gebrauchte Bücher sind ein Statement für Nachhaltigkeit, für die Liebe zum gedruckten Wort, das seine Besitzer*innen durchaus überdauern kann.

Und Shaun Bythells Tagebuch ist ein Zeugnis dafür, dass es sie noch gibt, trotz Amazon, trotz Buchladenketten: die kauzigen Buchhändler, die tagein, tagaus in ihrem Laden stehen und auf staubige Bücher pusten, liebevoll mit dem Ärmel über die Buchrücken streichen und sie in merkwürdigen Kategorien voller Hingabe ins Regal sortieren. The Diary of a Bookseller ist für mich DAS Buch für Herbstabende in der Badewanne. Und am nächsten Tag: ab ins nächste Buchantiquariat!

Shaun Bythell. The Diary of a Bookseller erschien erstmals 2017 bei Profile Books LTD.Die deutsche Ausgabe erschien 2019 unter dem Titel Tagebuch eines Buchhändlers im btb Verlag.


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