Schön divers. Holly Goldberg Sloan & Meg Wolitzer. An Nachteule von Sternhai.

Erst vor wenigen Wochen habe ich einen Artikel voll des Lobes für das JugendbuchWie der Wahnsinn mir die Welt erklärte von Dita Zipfel geschrieben. Schon allein deshalb war ich sehr gespannt auf An Nachteule von Sternhai, als der Verlag mich fragte, ob ich Lust auf ein Rezensionsexemplar habe. Doch das war nicht der einzige Grund – wer meinen Blog schon etwas länger verfolgt, weiß um meine Affinität für Meg Wolitzer (Artikel zu ihren Büchern findet ihr hier und hier). Und jetzt hat sie wieder ein Jugendbuch geschrieben! Randnotiz: ihr 2014 erschienenes erstes Jugendbuch Was uns bleibt ist jetzt habe ich noch nicht gelesen. Es behandelt das Thema Trauer, was ja für Jugendliteratur ein eher seltener Stoff und generell kein einfaches Thema ist. Kennt es jemand von euch? Schreibt gern einen Kommentar dazu, wie ihr es findet!

Meg Wolitzer habe ich bis jetzt nur als Romanautorin für Erwachsene kennengelernt. Oft ist es leider so, dass exzellente Belletristik-Autor*innen nicht unbedingt ein Händchen fürs Kinder- und Jugendbuch haben. Das wird als literarisches Genre ja sehr gern innerhalb der Branche belächelt und häufig nicht als „echte“ Literatur wahrgenommen. Dabei ist es meiner Meinung nach sogar DAS wichtigste Genre der Literatur – und das sage ich nicht, weil ich Kinder- und Jugendbuchlektorin bin, sondern weil in der Kindheit wichtige Grundsteine für alles im Leben gelegt werden. Und wer als Kind und als Jugendliche*r für Bücher begeistert wird, liest mit hoher Wahrscheinlichkeit auch im Erwachsenenalter. Außerdem bewirkt Lesen doch so vieles: es fördert das eigenständige Denken, es bildet Kreativität und Phantasie aus und es ist der beste Weg, zu lernen, ohne bewusst zu pauken.

Weil Meg Wolitzer eine sehr erfolgreiche Belletristikautorin ist, die für erstmal sehr erwachsen erscheinende Themen steht, war ich grundskeptisch, ob sie auch gut darin sein würde, ein Jugendbuch zu schreiben. Schon nach der ersten Seite waren alle meine Zweifel aber verschwunden – An Nachteule von Sternenhai ist durch und durch ein Jugendbuch, und so witzig, klug, frech und an den richtigen Stellen traurig, dass ich mir, obwohl ich ja selbst ein paar Jahre älter bin als die Zielgruppe, sehr gut vorstellen kann, dass die das Buch so richtig feiert. War das jetzt ein peinlicher Versuch, im Jugendslang zu sprechen? Ich fürchte, ja. Aber keine Sorge. Die Autor*innen sind in ihrer Tonalität nicht so unbeholfen wie ich. Es ist wichtig, zu betonen, dass Meg Wolitzer das Buch nicht allein geschrieben hat, obwohl ihr Name wahrscheinlich einem größeren Publikum bekannt ist als der Holly Goldberg Sloans. Die ist aber vermutlich maßgeblich mit dafür verantwortlich, dass das Buch so gut auf die Leser*innenschaft passt. Goldberg Sloan hat nämlich bereits mehrere Jugendbücher veröffentlicht. Ganz besonders empfehlen möchte ich euch Glück ist eine Gleichung mit 7, eine Geschichte über ein Mädchen, das auf ihre einzigartige Weise, die Welt zu betrachten, durch die Trauer über den Verlust ihrer Adoptiveltern hindurchgeht (hier ist es wieder, das Thema Trauer im Kinderbuch…)

An Nachteule von Sternhai ist formal ein Email- und Briefroman, aber lasst euch davon nicht abschrecken. Mich hat beeindruckt, wie gut der Roman konstruiert ist, wie die gesamte Handlung nur über die Mails und Briefe erzählt wird, und wie andere Absender und Adressaten ins Spiel kommen, um Dinge zu erzählen, die die beiden Protagonistinnen nicht wissen können. Bei einem guten Buch steckt die Liebe definitiv in den Details des Plots.

Aber von vorn. Die beiden Protagonistinnen, das sind die 12-jährigen Mädchen Bett Devlin und Avery Bloom, die eigentlich so gar nichts gemeinsam haben und sich auch eigentlich niemals kennengelernt hätten, denn Bett lebt in Kalifornien und Avery lebt in New York. Als ihre beiden (alleinerziehenden) Väter sich allerdings auf einer Messe ineinander verlieben, sieht sich Bett gezwungen, Averys Mailadresse zu recherchieren und ihr mitzuteilen, dass sie niemals, auf gar keinen Fall, jemals, nienienie, Freundinnen oder gar Schwestern werden können. Und damit ist der Grundstein für die beste Freundinnenschaft eigentlich schon gelegt. Die beiden mailen sich fortan hin- und her, und aus dem anfänglich wortgewandten Schlagabtausch des gegenseitigen Dissens wird schnell eine von gegenseitigem Vertrauen geprägte Bindung. Auch als die beiden Mädchen ins selbe Ferienlager geschickt werden, weil ihre Väter auf Liebestour nach China aufbrechen, findet die Kommunikation weiterhin per Mail statt, weil sie sich erstmal vorgenommen haben, nicht miteinander zu sprechen und dann auch in unterschiedlichen Wigwams und Ferienlagergruppen landen. Wie bereits erwähnt, haben sich die Autorinnen immer wieder etwas einfallen lassen, um Lücken in den Erlebnis- und Wissenshorizonten der Mädchen zu füllen. Und gleichzeitig bringen sie noch weitere Figuren ins Spiel. Da wären die beiden Väter selbst, die sporadisch Nachrichten aus China schicken. Der anfängliche siebte Himmel weicht schnell der knallharten Travellerrealität, die die frische Beziehung der beiden auf eine ernste Probe stellt und die nach und nach dazu führt, dass die beiden eine Pause voneinander brauchen. Parallel dazu geht es im Feriencamp drunter und drüber: die Mädchen wachsen von Tag zu Tag fester zusammen, Bett lädt zum Familientag Averys leibliche Mutter Kristina ein, die, wie sich herausstellt, eine erfolgreiche Theaterautorin ist, mit der sie keinen Kontakt hat, weil ihr Vater das Sorgerecht übernommen und mit Kristina gebrochen hatte, und Kristina und Avery stellen fest, dass sie sich doch sehr mögen und gerne eine Familie sein möchten. Als Bett und Avery aus dem Ferienlager geschmissen werden (lange Story, lest selbst!), tritt Betts Oma „Gaga“ auf den Plan, die sich wiederum sofort mit Kristina anfreundet und beschließt, nach New York zu ziehen und in Kristinas Theaterstücken aufzutreten. Bett, Avery und Oma Gaga verbringen die nächsten Wochen in dem Theatervorbereitungscamp, in dem Kristina derzeit ihr aktuelles Stück entwickelt.
Alles etwas wirr? Ja! Aber im Buch überhaupt nicht schwer zu verstehen. Zwischen allen Figuren gehen Nachrichten hin- und her, und als gerade die Harmonie und gegenseitige Liebe und die Familienzusammenführungspläne in Amerika ihren Höhepunkt erreichen, lassen die Väter die Bombe platzen: Sie haben sich getrennt. Außerdem ist Averys Vater ganz und gar nicht gut darauf zu sprechen, dass Kristina plötzlich im Leben seiner Tochter aufgetaucht ist. Und es folgt auch gleich der nächste Schock: es erscheinen bereits neue Partner am Horizont. Und den beiden Dads wäre es am Liebsten, Bett und Avery hätten keinen Kontakt mehr. Und ab da geht der Trubel erst richtig los.

Du und ich, wir sind Romeo und Julia der BFFs. Oder Julia und Julia?

An Nachteule Von Sternenhai ist vieles: ein sehr, sehr unterhaltsames Jugendbuch. Ein Buch über Familienkonzepte. Ein Buch, das total erfrischend und realitätsnah zeigt, dass im echten Leben eben alles zuweilen ein bisschen wirr vonstatten geht, dass nicht immer alles ein Happy End hat oder so verläuft, wie man es gern hätte, dass zwischenmenschliche Beziehungen überhaupt niemals irgendwelche Label brauchen, und dass räumliche Distanzen überhaupt kein Grund sind, um nicht befreundet zu sein. Außerdem ist es ein Buch mit tollen Figuren, allen voran die beiden Mädchen, die so verschieden sind und sich dennoch so gut ergänzen. Bett ist unerschrocken, neugierig und manchmal etwas forsch, aber sie hat auch ein großes Herz, vor allem für Tiere. Im Feriencamp kümmert sie sich hinreißend um zwei Schweine. Avery ist etwas altklug, zurückhaltend und ängstlich, vor allem vor Wasser, aber sie lernt im Laufe der Handlung, sich ihren Ängsten zu stellen und vor allem, anderen zu vertrauen.

Wie auch in Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte hat mir in diesem Buch sehr gut gefallen, wie mit dem Thema Homosexualität der Eltern umgegangen wurde. Nämlich total unaufgeregt. Es wird thematisiert, ja, weil es eben auch immer wieder mal ein Thema für die Mädchen ist. Wenn andere Kinder oder Erwachsene blöd zu ihnen sind, wenn sie sich nach ihren leiblichen Müttern befragen, wenn sie über Familie philosophieren. Aber es ist kein Buch über schwule Väter. Ich freue mich sehr, dass Hanser gleich zwei Bücher im Programm hat, die divers sind, die alternative Familienkonzepte zeigen, aber dabei nicht nervig-moralisierend sind. Sondern auf genau die richtige Weise zeigen, dass alles nebeneinander existieren kann. Und nichts ist falsch.

Dass Schwule Familie haben können, ist doch heutzutage eigentlich selbstverständlich und dürfte nichts mehr sein, weswegen man schreien muss. Es gibt einfach Menschen, die mehr Interesse daran haben, Kinder großzuziehen, und andere weniger. Und meiner Meinung nach sind die, denen die Sachen am meisten am Herzen liegt, auch am besten darin.

Ich danke dem Carl Hanser Verlag herzlich für dieses Rezensionsexemplar.

Holly Goldberg Sloan & Meg Wolitzer. An Nachteule von Sternhai wurde von Sophie Zeitz aus dem Englischen übersetzt und ist 2019 im Carl Hanser Verlag erschienen. Die Originalausgabe erschien 2019 unter dem Titel To Night Owl, From Dogfish bei Dial Books for Young Readers / Dutton Children’s Books.