Heldenbilder. Ma Isabel Sánchez Vegara & Ana Albero. Little People, Big Dreams. David Bowie // Mariá Hesse & Fran Ruiz. David Bowie. Una biografía

Ma Isabel Sánchez Vegara & Ana Albero. Little People, Big Dreams. David Bowie

Mit ungefähr sechs oder sieben Jahren habe ich in der Vorweihnachtszeit zum ersten Mal den Film Reise ins Labyrinth im Fernsehen gesehen. Und ich war hin und weg. Damals konnte ich die kunstvollen Puppen von Jim Henson (Ja, das ist der Typ, der die Muppet Show und die Sesamstraße erfunden hat) und die unglaubliche Liebe zum Detail, die sich von der ersten bis zur letzten Minute durch den Film zieht und aufgrund derer ich sogar heute noch, nachdem ich ihn an die 100 Mal angeschaut habe, immer wieder Neues entdecke, gar nicht würdigen. Ich habe wahrscheinlich auch den zugegebenermaßen sehr simplen Plot nicht groß mitgedacht. Ich hatte nur Augen für eine einzige Figur: den Koboldkönig. Gespielt von David Bowie. 

Der Koboldkönig Jared trug Strumpfhosen, Makeup und einen blondierten Vokuhila. Er sang, tanzte, wirbelte ein Baby durch die Luft (ihr könnt weiteratmen, es hat überlebt!) und befehligte ein Heer von Kobolden. Ich war gleichermaßen verwirrt und erregt – diese Figur spielte mit den doch sehr stereotypen Geschlechter- und Rollenbildern, mit denen ich aufgewachsen war, und sicherlich hatte Jared auch einen Einfluss darauf, dass ich schon recht früh immer auf Männer stand, die sehr androgyn waren. Zumindest, was Musiker und Schauspieler betraf.

Labyrinth lief jedes Jahr im Fernsehen, und es sollte noch ein paar Jahre dauern, bis ich herausfand, dass der Schauspieler hinter Jared eigentlich ein Sänger war. Mit der Pubertät erwachte meine Liebe für Glam Rock. David Bowie begleitet mich bis heute. Bis zu seinem Tod 2016 habe ich mich vor allem mit seiner Musik beschäftigt, in den letzten drei Jahren habe ich mich intensiv mit der Person David Bowies befasst. Und obwohl ich inzwischen einige Bücher gelesen und diverse Dokumentationen gesehen habe, bleibt da immer das Gefühl, dass es noch viel mehr über diesen Menschen zu erfahren gibt. David Bowie war zweifelsohne ein wahnsinnig vielschichtiger Mensch. Vor allem einer mit dunklen Seiten, der Zeit seiner Karriere sicher auch für Kontroversen gesorgt hat. Da ist zum Beispiel sein Alter-Ego, der „Thin-White-Duke“, bei dem ein fader Beigeschmack von Nazi-Ästhetik mitschwingt. Oder der Vorwurf, er hätte Sex mit einer Minderjährigen gehabt. Nicht erst seit dem Skandal um Michael Jackson und der Me-Too-Debatte aus den letzten Jahren muss man sich, allem Fangirltum in Ehren, bei der Anhimmelung seiner Lieblingskünstler*innen auch immer wieder kritisch mit deren Taten und Worten auseinandersetzen. Dass dabei manchmal eine Ambivalenz zu Tage tritt, die man nicht auflösen kann, habe ich zumindest zu akzeptieren gelernt. Erst Mitte Oktober, als Peter Handke den Literaturnobelpreis verliehen bekam, stand ich vor der Frage: darf ich das Stück, das ich mal von ihm gelesen habe, jetzt noch gut finden, weil er ja offenbar echt kacke ist? Ich persönlich beantworte diese Frage für mich so: ja, ich darf. Ich finde einerseits, dass man Künstler und Kunstwerk nicht komplett voneinander trennen kann, und ich liebe es, mich mit den Menschen hinter einem Buch oder einem Song zu befassen. Aber bis zu einem gewissen Grad kann man beide eben doch voneinander losgelöst betrachten: Wenn es darum geht, was für eine Bedeutung das konkrete Werk für seine Zeit und die Nachwelt hat.

In der Reihe Little People, Big Dreams von Frances Lincoln Children’s Books ist nun kürzlich ein Band über David Bowie erschienen, was mich persönlich wahnsinnig gefreut hat, denn ich kann nie eine Buchhandlung hier in England betreten, ohne nicht durch mindestens ein Buch der Reihe durchzublättern. In den bisher erschienenen Bänden geht es vornehmlich um weibliche Personen aus der Weltgeschichte: um Schriftstellerinnen wie Jane Austen und Simone de Beauvoir, um Wissenschaftlerinnen wie Marie Curie und Ada Lovelace, um politische Aktivistinnen wie Rosa Parks und Emmeline Pankhurst, und um noch viele andere Frauen aus Bereichen der Kultur und Wissenschaft. Die Intention hinter den Büchern ist ganz klar die, Frauen als Vorbilder für Kinder sichtbar zu machen, und vor allem Mädchen dazu zu animieren, als Berufswunsch selbstbewusst „Wissenschaftlerin!“ oder „Politikerin!“ anzugeben. Die Lebensgeschichte der jeweiligen Person wird in den Büchern auf das Allerwesentliche heruntergebrochen und vereinfacht. Als vollständige Biografie sollte man sie daher nicht verstehen. Aber die wären für die Zielgruppe natürlich auch nicht geeignet. Es geht eher darum, besondere Charaktereigenschaften wie Mut, Unerschrockenheit, Neugier, Willensstärke oder Durchhaltevermögen hervorzuheben, als den Lebensweg umfassend nachzuzeichnen. Zu den außergewöhnlichen Frauen gesellten sich nach und nach auch ein paar Männer: Mahatma Ghandi, Stephen Hawking, Muhammad Ali und jetzt eben auch David Bowie.

Den poppigen, bunten Zeichenstil von Ana Albero finde ich für ein Kinderbuch über David Bowie ganz besonders passend. Was für meinen Geschmack stärker hätte herausgearbeitet werden können, ist Bowies Beitrag zum Aufbrechen von Geschlechterrollen. Im Buch wird das als Bowies „Andersartigkeit“ beschrieben, die damit einherging, dass seine Lehrer*innen oft nicht wussten, ob er ein Junge oder ein Mädchen ist und dass er sich trotzdem stets treu blieb und später zu einer echten Ikone wurde. Sich zu trauen, aus der Masse herauszustechen und das eigene Ding durchzuziehen, ist sicherlich eine gute Botschaft für Kinder. Aber gerade so eine Person wie David Bowie liefert doch eine Steilvorlage, um die Notwendigkeit von „Mädchen-“ und „Jungsklamotten“ zu diskutieren. Um stereotypisierte Geschlechtszuschreibungen in Frage zu stellen. Hier wurde ein bisschen Potenzial und Platz verschenkt, wahrscheinlich, um die berühmte Anekdote zu erzählen, weshalb David Bowie zwei verschiedenfarbige Augen hatte (Ätsch, verrate ich euch nicht, googelt selbst! Oder lest das Buch!)

Mariá Hesse & Fran Ruiz: David Bowie. Una biografía

Eine ausführlichere Biografie mit Einblicken in Bowies Künstler- und Privatleben findet ihr in David Bowie. Una biografía von Mariá Hesse. Ehrlicherweise empfehle ich dieses Buch, ohne den Text geprüft zu haben – denn die Ausgabe, die ich besitze, ist die spanische Originalausgabe, welche mir eine Freundin zum Geburtstag geschenkt hat. Inzwischen gibt es das Buch immerhin auch auf Englisch. Für Bowie-Fans ist das gute Stück auch ohne Textkenntnis eine Empfehlung, denn die exzentrisch-genialen Illustrationen von Fran Ruiz bilden wiederum eine ganz andere Facette des Künstlers ab als die im oben vorgestellten Kinderbuch – und beide Illustrationsstile passen jeder für sich wie die Faust aufs Auge zu David Bowie, der so viele verschiedene Aspekte in sich vereinte, dass man wohl zwanzig verschiedene Bücher zeichnen könnte, die ihm alle gerecht werden. Aus Mangel an inhaltlichen Infos versorge ich euch jetzt noch mit ein paar „Innenaufnahmen“:

Ma Isabel Sánchez Vegara & Ana Albero. Little People, Big Dreams. David Bowie erschien 2019 bei Francis Lincoln Children’s Books. Die deutsche Ausgabe wird im März 2020 im Insel Verlag erscheinen.

Mariá Hesse & Fran Ruiz. David Bowie. Una biografiá erschien 2018 beim spanischen Verlag Editorial Lumen. Die englische Ausgabe erschien 2019 bei University of Texas Press.

Biografie Comic Kinderbuch Leben

3 Comments Hinterlasse einen Kommentar

  1. Vielen Dank für die Rezensionen! Passend zur Vorweihnachtszeit, meine Schwester ist ein unsagbarer Bowie Fan. Und mir hat es auch große Lust gemacht. Alles Liebe!

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  2. Ich bin nicht unbedingtvein Fan von David Bowie, deineAusführungen über das Buch wecken aber Neugierde. Wieso hab ich eigentlich diesen Film nie gesehen. Sollte ich mal nachholen. Liebe Grüße

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