Ohne Punkt und Komma. Bernardine Evaristo. Girl, Woman, Other

EIN GETEILTER PREIS IST KEIN HALBER PREIS

Als im Oktober der Booker Prize, der wichtigste Preis für im Vereinigten Königreich oder Irland veröffentlichte englischsprachige Literatur, verliehen wurde, habe ich mich natürlich sehr darüber gefreut, dass Margaret Atwoods Roman The Testaments ausgezeichnet wurde. Atwood hat es meiner Meinung nach wirklich verdient, für die Fortsetzung ihrer Handmaid’s Tale ausgezeichnet zu werden. Meinen Artikel zu diesem Buch findet ihr hier.

Unter dem Gesichtspunkt der Aufmerksamkeit, die den prämierten Autor*innen naturgemäß zuteilwird, hätte Atwood die Auszeichnung wohl nicht unbedingt gebraucht – sie war ja bereits zur Veröffentlichung ihres neuen Romans in aller Munde und auf allen Lesestapeln. Umso mehr freut es mich nun, dass der Preis außerdem auch an Bernardine Evaristo ging. Eine Autorin, von der ich persönlich leider noch nie etwas gehört hatte, obwohl sie bereits acht weitere Veröffentlichungen vorweisen kann. Ich hoffe sehr, dass der Booker Prize Evaristo zu einer breiten Leser*innenschaft und Veröffentlichungen in anderen Sprachen verhelfen wird.

Auf Deutsch ist bislang noch keines ihrer Bücher erschienen. Ob sich ein deutscher Verlag des aktuellen Romans Girl, Woman, Other annimmt, ist für mich definitiv eine spannende Frage, die ich in den nächsten Monaten im Auge behalten werde. Zum einen, weil ich mich frage, ob das Buch den deutschen Verlagen zu britisch anmutet, weil es darin um die Erfahrungen von People of Color in England geht, und ob sich generell die Verlage noch trauen, Bücher, die Schwarze Identität und Rassismus thematisieren, auf den deutschen Buchmarkt zu werfen (ich hoffe, dass die Antwort JA lautet, damit ich den Glauben an Deutschland nicht vollends verlieren muss), und zum anderen, ob der ungewöhnlichen literarischen Form des Textes zugetraut wird, ein Publikum zu finden.

LYRISCHE PROSA MIT SOGWIRKUNG

Zäumen wir das Pferd doch mal von hinten auf: es war eben dieser Form geschuldet, dass ich eine Eingewöhnungszeit von ungefähr drei Kapiteln brauchte, bis ich mich im Text zurechtfand. Und danach völlig von ihm mitgerissen wurde, soviel sei schon einmal vorweggenommen. Evaristo schreibt buchstäblich ohne Punkt und Komma. Der Text fließt mit sehr spärlicher Interpunktion über die Seiten, und wenn hin und wieder doch ein Punkt gesetzt wird, dann fühlte ich mich gebremst wie ein Auto, das an eine Wand kracht. Optisch wirkt der Text wie ein Gedicht, es ist aber eher lyrische Prosa, die einen Sog entwickelt, der formal widerspiegelt, was die Autorin inhaltlich darstellt: eine Reise durch die Lebensgeschichten ihrer Protagonist*innen. Viele Jahre, mal verdichtet, mal ausgedehnt. Und immer mit einer sprachlichen Poesie, die ganz und gar nicht eingestaubt wirkt, sondern zeitgenössischer kaum sein könnte. Evaristo hat diesen Preis schon allein wegen ihrer erzählerischen Kunstfertigkeit verdient.

12 MAL X MENSCHENLEBEN

Girl, Woman, Other vereint die lose miteinander verwobenen Geschichten von 12 hauptsächlich weiblichen, aber auch transgender Protagonist*innen mit verschiedenen ethnischen Hintergründen, die sich als PoC im modernen England bewegen. Es sind Freundschaften, deren Weggabelungen wir literarisch abschreiten und Mutter-Tochter-Konstellationen, an denen wir den generationenübergreifenden Lauf der Zeit verfolgen können und über denen als eine Art Leitmotiv der Gedanke steht, dass die eine Generation für Dinge gekämpft hat, die die nächste bereits als selbstverständlich ansieht. Es sind aber auch flüchtige Bekanntschaften, Lehrer-Schüler-Beziehungen und romantische Beziehungen, in die wir Einblick erhalten. Evaristo spannt in ihrem Buch einen sehr großen zeitlichen Bogen, von den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts bis ins heutige England.

Jede Geschichte berührt andere Lebensgeschichten, mal stupst sie sie nur sanft an, mal rangeln sie sich, mal stoßen sie sich voneinander ab. Deutlich wird aber durch die gewählte Form der losen Verknüpfung immer wieder, wie unzählig viele Menschenleben es auf diesem Planeten gibt. Und wie klein manchmal die Berührungspunkte auch sind, immer folgt daraus eine Reaktion im Leben einer anderen Person. Jedes einzelne Leben ist so unfassbar komplex. Und der Lauf der Dinge ist manchmal gleichzeitig faszinierend und wunderbar und schrecklich und grausam.

Da geht es zum Beispiel um Bummi, die mit ihrer Mutter in absoluter Armut in Nigeria lebte. Die, nachdem ihre Mutter bei einem Unfall im Sägewerk, in dem sie arbeitete, ums Leben kam, zu einer entfernten Tante zog und dort wie eine Haushaltssklavin lebte. Die schließlich zur Uni ging, um Mathematik zu studieren und dort ihren späteren Mann traf, mit dem sie nach England emigrierte, wo vor allem er sich eine berufliche Zukunft erhoffte, aber als Busfahrer endete und schließlich – so lässt der Text vermuten – an gebrochenem Herzen über die enttäuschten Erwartungen starb. Bummi, die sich trotz Universitätsabschluss nun als Reinigungskraft durchschlagen muss, erarbeitet sich im Laufe der Jahre mühsam die ihr in England mögliche Form von Erfolg: als Chefin einer Reinigungsfirma. Für ihre Tochter, die sie wohlweislich Carol nannte und jegliche Form nigerianisch anklingender Namen vermied, wünscht sie sich andere Perspektiven – als diese jedoch verkündet, einen weißen Engländer zu heiraten, gerät Bummi in einen inneren kulturellen Konflikt. Der Verrat an ihrer Herkunft, den sie ihrer Tochter vorwirft, wird für Mutter und Tochter zur Zerreißprobe.

Auch Amma, die Protagonistin einer anderen Geschichte, steht zwischen den Stühlen ihrer Herkunft und ihrer Identität in England. Als Theaterregisseurin politisch ausgerichteter Stücke hat sie es endlich geschafft, am National Theatre in London zu inszenieren – ein künstlerischer Durchbruch auf der einen, aber auch eine Angriffsfläche auf der anderen Seite für Stimmen, die ihr vorwerfen, nicht mehr für diejenigen zu inszenieren, für die ihre Stücke gedacht seien. Statt in Community-Centren und Stadtbibliotheken zu spielen, verrenkt sie sich jetzt für die englische Mittelklasse. Ammas Tochter Yazz reibt sich an den Weltanschauungen beider ihrer getrennt lebenden, da lesbischen und schwulen Elternteile. Ihr Vater ist Professor, der an sich zwar als Vater in ihrem Leben präsent ist, aber für sie durch seine Fokussierung auf männliche Referenzen in seiner Lehre und Weltanschauung das Patriachart repräsentiert, das sie verabscheut. Auch ihrer Mutter wirft sie vor, sich zwar auf der Bühne gegen Dinge wie Gentrifizierung zu positionieren, aber im richtigen Leben schon ein vollwertiger Teil davon zu sein, weil sie in einem hippen Viertel lebt und in Szenecafés abhängt. Yazz geht zur Uni, ihre Peer Group besteht aus jungen Frauen unterschiedlicher Herkunft und alle eint die Tatsache, dass sie in einer Gesellschaft leben, in der sie geboren wurden, aber aufgrund ihrer Hautfarben und Religionen immer eine Minderheit darstellen und mit Vorurteilen konfrontiert werden. Yazz ist eine wütende junge Frau, die für ihren Platz an der Sonne kämpft, während ihn andere allein durch Geburtsrecht erlangen können.

In Girl, Woman, Other gibt es die junge Frau, die sich in eine andere Frau verliebt und ihr nach Amerika in eine Art Kommune folgt, wo sie sich schnell in einer Beziehung wiederfindet, in der sie Stück für Stück entmündigt und emotional missbraucht wird und die eine jahrelange Tortur für sie bedeutet. Es gibt die Teeniemutter, die versucht, die Kurve in ihrem Leben zu bekommen und endlich für sich und ihre Kinder Verantwortung zu übernehmen, während die zugehörigen Väter es niemals getan haben und jede ihrer Schwangerschaften das Resultat von sexueller Übergriffigkeit und dem Ausnutzen ihrer körperlichen und geistigen Unterlegenheit war. Es geht um eine junge Lehrerin, die an ihren Idealen festhalten und den Kindern in den multinationalen Schulen, in denen sie unterrichtet, eine Zukunft zu ermöglichen, deren eigenes Wertesystem über die Jahre allerdings stark bröckelt, je mehr sie sich mit der Bürokratisierung des Schulsystems, Gewalt und Drogenkonsum der Schüler und Gleichgültigkeit vieler Eltern konfrontiert sieht. Es gibt das Waisenmädchen, deren Lebensgeschichte wie ein modernes Märchen anmutet, als sie einen reichen britischen Farmer heiratet. Das Märchen wandelt sich allerdings zum Alptraum, als ihr einjähriges Baby den plötzlichen Kindstod stirbt und sie in eine tiefe Depression fällt, unfähig, sich ihrem anderen Kind oder ihrem Ehemann zuzuwenden. In einer Zeit, in der Depression in der Gesellschaft nicht vorkam, muss diese Mutter sich ihren Weg zurück ins Licht hart erkämpfen.

WEIBLICHE LEBENSREALITÄTEN

Dies sind nur einige der zwölf Lebensstränge, denen wir in Girl, Woman, Other folgen, und neben den großen Themen der Integration, der kulturellen Aneignung und der Identitätsbildung (und ihres Verlustes) geht es vor allem auch um weibliche Lebensrealitäten. Es geht um toxische Beziehungen, um Vergewaltigungen, Zwangsehen, und um Schwarze Frauen, die in einem Land wie England Rassismus und patriarchalen Strukturen gleichermaßen ausgesetzt sind. Der Text changiert zwischen verschiedenen Tonarten, ist mal ernst, mal witzig, mal rotzig, mal traurig, mal schockierend. Wie das Leben.

Evaristo erstreckt diese Geschichten über viele Jahrzehnte, Generationen und Orte und kondensiert sie durch ihre mitreißende Sprache in einen Text, der, obwohl es sich um Einzelschicksale handelt, wie ein Querschnitt durch Gesellschaftsschichten und Lebenswege wirkt. Girl, Woman, Other ist eins meiner Jahreshighlights 2019, weil es mich auf der Sprachebene zunächst überrascht und herausgefordert hat, dann aber schnell begeistern konnte, und weil es Themen behandelt, die dieses Jahr verstärkt Einzug in die zeitgenössische Literatur gehalten haben und die dort längst überfällig waren.

Berdardine Evaristo. Girl, Woman, Other erschien 2019 bei Hamish Hamilton, einem Imprint von Penguin Random House.

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