Gastbeitrag von Nico aus dem Buchwinkel: Meine literarischen Heldinnen.

Nico mit den im Artikel erwähnten Büchern

Weibliche Figuren werden in der Literatur immer noch zu häufig nur klischeehaft dargestellt. Der Bechdel-Test wurde ursprünglich zur Beurteilung der Stereotypisierung weiblicher Figuren in Filmen entwickelt, lässt sich aber auch gut auf Bücher anwenden. Laut Wikipedia waren 2014 in den 100 umsatzstärksten Filmen lediglich zwölf Prozent der deutlich erkennbaren Protagonist*innen weiblich. Sind es in Büchern so viele mehr? Wie viele Bücher bestehen den Bechdel-Test, der aus drei einfachen Fragen besteht:

  • Gibt es mindestens zwei Frauenrollen?
  • Sprechen sie miteinander?
  • Unterhalten sie sich über etwas anderes als einen Mann?

Elisa von reisenderbuecherwurm.com hat einen sehr informativen und lesenswerten Artikel über das Fehlen von Frauenfreundschaften in der SFF Literatur verfasst, in der die Klischees weiblicher Charaktere auseinander genommen werden. Auch wenn sie dies beispielhaft für die Genres Science-Fiction und Fantasy tut – die leider immer noch ziemlich männlich geprägt sind – so kann man dieselben Stereotype auch genreübergreifend finden.

Allerdings ist es gar nicht so schwer, die eigene Welt mit mehr weiblichen Charakteren zu bevölkern. Man müsse nur für 10 Sekunden nachdenken, gesteht zum Beispiel Joe Abercrombie ein, dessen aktuelles Buch in dieser Richtung um einiges besser aufgestellt ist als vergangene Werke. Zum Glück ist nicht jede weibliche Figur ein Klischee und es gibt eine Charaktere, die mir nachdrücklich in Erinnerung geblieben sind. Heute möchte ich vier meiner literarischen Heldinnen näher vorstellen.

Coraline aus „Coraline“ von Neil Gaiman
Gaiman hat das Buch für seine Tochter geschrieben. Er wollte ihr zeigen, dass es vollkommen in Ordnung ist, Angst zu haben, dass frau* aber trotzdem mutig sein und sich den Herausforderungen des Lebens stellen kann. Während der Schulferien ist die neunjährige Coraline genervt von ihren Eltern, die keine Zeit für sie haben. In ihrer Langeweile findet sie im Haus eine Tür, die zugemauert wurde, sich aber in der kommenden Nacht als Gang zu einem anderen Ort erweist. Dort erwarten sie ihre „anderen Eltern“, die Coraline im ersten Moment viel freundlicher und aufmerksamer behandeln als ihre richtigen Eltern. Coraline dürfe für immer in der Anderswelt bleiben, sie müsse sich nur – ebenso wie die „anderen Eltern“ – Knöpfe anstelle ihrer Augen aufnähen lassen. Das ist Coraline dann doch zu viel und sie kehrt in ihre Welt zurück, nur um festzustellen, dass ihre wahren Eltern von der „anderen Mutter“ gefangen wurden. Sie muss also zurück durch den dunklen Gang, zur gruseligen „anderen Mutter“ und irgendwie ihre Eltern befreien. Dabei muss sie Mut, Intelligenz und Mitgefühl beweisen.

Das Buch wurde nicht zu Unrecht verfilmt und sogar zu einer Oper verarbeitet. Coraline war und ist für mich ein großartiges Beispiel für eine starke und facettenreiche weibliche Figur.

Circe aus „Ich bin Circe“ von Madeline Miller

Madeline Miller kennt sich in der griechischen Mythologie aus. Während sie für ihren Erstlingsroman „Das Lied des Achill“ noch eine schillernde und vor allem männliche Hauptfigur auswählte, handelt ihr zweites Buch von einer eigentlichen Randfigur der griechischen Sagenwelt: Circe. Circe, Tochter des Sonnengottes Helios und der Nymphe Perse, nicht wirklich Göttin, nicht wirklich Mensch. Nirgendwo so recht dazugehörig. Als sie aufgrund ihrer menschlichen Eigenschaften auf eine einsame Insel verbannt wird, verzweifelt sie nicht, sondern kämpft weiter, baut sich trotz aller Widrigkeiten ein eigenes Leben auf, versucht glücklich zu sein. Immer wieder stranden bekanntere griechische Figuren auf ihrer Insel: Odysseus, Penelope, Hermes, Athena. In der Odyssee von Homer nimmt Circe nur eine Randstellung ein, eine Begegnung, die Odysseus und seinen Gefährten ein neues Abenteuer ermöglicht.

In ihrer eigenen Geschichte sind die Töne leiser. Es geht nicht um die Rettung der Welt oder Griechenlands, sondern um eine Frau, die es nicht leicht hat, die sich jeden Tag neu beweisen muss, die versucht und scheitert, die liebt und hasst. Eine wahnsinnig gut geschriebene Geschichte mit einer wahnsinnig interessanten Hauptfigur.

Bobbi aus „Gespräche mit Freunden“ von Sally Rooney

Bobbi ist beste Freundin und Expartnerin von Frances, der Hauptfigur und Ich-Erzählerin des Romans. Aus Frances Sicht ist Bobbi hinreißend, klug und „einfach schön“. Bei den gemeinsamen Poetry Slam-Auftritten steht sie zuvorderst im Rampenlicht und erntet mit ihrer Performance den Großteil des Applauses. Bobbi trägt alles – auch ihre sexuelle Orientierung und ihre kommunistische politische Einstellung – mit traumwandlerischer Sicherheit und Selbstbewusstsein. Sie ist sehr direkt und liebt es, andere bis aufs Blut zu provozieren. Gleichzeitig zeigt auch sie sich verletzlich und ist doch da, wenn man sie am meisten braucht.

Sicherlich ist Bobbi nicht die sympathischste Figur, die ich in einem Buch angetroffen habe. Aber sie ist eine der authentischsten und für die Charakterzeichnung kann man Autorin Sally Rooney nur gratulieren. Rooney hat es auf jeden Fall geschafft, dass ich noch lange und viel über Bobbi nachgedacht habe.

Rikke aus „A Little Hatred“ von Joe Abercrombie

Rikke, Tochter des Hundsmanns, eines der größten Kriegsherrn des Nordens. Rikke, gesegnet oder verflucht mit der Gabe des „Langen Auges“, das sie Visionen der Zukunft sehen lässt. Und dafür sorgt, dass sie während dieser Visionen die Kontrolle über ihren Enddarm verliert. Schön blöd, wenn man gerade wilden Sex mit dem bestaussehendstem Typen in der Umgebung hat.

Rikke geht durch die vielen Herausforderungen des Erwachsenwerdens, sie verliebt sich, wird enttäuscht, muss sich beweisen, ihren Platz in der Welt finden und aus dem Schatten ihres Vaters heraustreten. All das, während um sie herum ein fürchterlicher Krieg tobt, der nicht nur ihr Heimatdorf zerstört hat. Wenn ihre Visionen nur ein wenig klarer wären, dann könnte Rikke vielleicht den Krieg entscheiden… Natürlich geht für Rikke einiges schief, aber sie setzt sich ohne Rücksicht auf ihr eigenes Leben für die ein, die ihr am nächsten stehen. Während alledem flucht sie wie wild, was sie in meinen Augen nur noch sympathischer und erinnerungswürdiger macht.

Natürlich gibt es noch viele außergewöhnliche literarische Frauenfiguren mehr, aber leider längst nicht genug. Ich hoffe, in Zukunft von immer mehr Heldinnen zu lesen, die sich den gängigen Klischees erwehren und uns dafür umso eindrücklicher in Erinnerung bleiben. Wenn du noch mehr literarische Heldinnen kennst, erzähl mir gern davon, auf Twitter, Instagram oder meinem Blog „Im Buchwinkel“.

Lieber Nico, danke für diesen schönen Artikel! Du hast sicherlich nicht nur mich zu der einen oder anderen Lektüre inspiriert. Was sind eure liebsten literarischen Frauen- oder Mädchenfiguren und warum? Lasst mir gern einen Kommentar dazu da. Und übrigens: falls ihr auch gern einen Beitrag für den Female Writers Club schreiben möchtet, kontaktiert mich gern per Mail und dann besprechen wir alles weitere: fraumariaschmidt28@gmail.com

2 Kommentare

  1. Liebe Maria,

    es ist mir eine Freude und eine Ehre, bei dir auf dem Blog mit einem Gastbeitrag erscheinen zu dürfen. Vielen Dank für die Möglichkeit und ich freue mich schon auf die Revanche im neuen Jahr.

    Liebe Grüße,
    Nico

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