(K)eine Weihnachtsstory. Posy Simmonds. Cassandra Darke

Dunkle, usselige Winterabende verbringe ich sehr gern mit einem unterhaltsamen Buch auf dem Sofa. Derzeit ist mein Kopf so gar nicht auf schwere, hochliterarische 500-Seiten-Wälzer gepolt, aber macht auch nischt. Ich greife vorzugsweise gerade entweder zu Kinder- und Jugendbüchern oder zu Graphic Novels. Zur letztgenannten Kategorie zählt auch Cassandra Darke von Posy Simmonds – die ich freundlicherweise vom Verlag zur Verfügung gestellt bekommen habe. Ich war nämlich nach der Ankündigungsmail dazu so angefixt, dass ich sofort nachgefragt habe, ob ich ein Exemplar zur Rezension bekommen könnte. Zugegeben, hauptsächlich bin ich darauf aufmerksam geworden, weil es als „moderne Variante von Charles Dickens‘ Weihnachtsgeschichte“ und als „BREXIT-Weihnachtsgeschichte“ angekündigt wurde und mich das Thema natürlich sehr interessiert, weil ich dieses Jahr nach England gezogen bin und das ganze Schlierentheater um die Endlosdebatte-Brexit live mitbekomme.

Zugegeben, ein „voll-auf-die-Zwölf“-Brexitbuch ist diese Graphic Novel nicht. Wer aufmerksam liest und schaut, findet Themen, die im Brexit-Umfeld anzusiedeln sind und sicherlich einen wichtigen Platz innerhalb der britischen Politik der letzten Jahre spielen. Es geht da in Simmonds‘ Buch vor allem um das Problem der Gentrifizierung in London (und dem Rest des Landes). Aber auch die Einwanderungsdebatte klingt an. Der Brexit findet allerdings mehr im Hintergrund statt, ein hochpolitisches Buch zum Thema dürft ihr also nicht erwarten. Vordergründig ist Cassandra Darke tatsächlich mehr die angekündigte Weihnachtsgeschichte, und die Anspielung auf Dickens stimmt insofern, als dass die gleichnamige Hauptfigur als eine waschechte weibliche Version von Ebenezer Scrooge durchgeht.

Cassandra Darke ist eine missmutige, unfreundliche und eigenbrötlerische Kunsthändlerin um die 70, die sich zu Beginn des Buches gleich unmissverständlich als skrupellose Betrügerin outet. Zu zweifelhaftem finanziellem Erfolg hat sie es gebracht, weil sie die Galerie ihres Ex-Mannes übernommen und viele ihrer Kunden mit sehr gut gemachten Fälschungen berühmter Originale über den Tisch gezogen hat. Als das rauskommt, muss sich Darke vor Gericht behaupten, wird zu Sozialstunden verdonnert und verliert natürlich ihr Ansehen innerhalb der Kunsthändler-Szene. Gleichzeitig wird sie aufgrund einer Geschichte, die vor einem Jahr stattfand, in einen Mordfall verwickelt. Zu besagter Zeit ließ Darke die Tochter einer Bekannten in ihrer Einliegerwohnung hausen – die wiederum selbst durch eine neue Liebschaft in kriminelle Machenschaften verstrickt wurde. Darke und die junge Frau namens Nicki geraten sehr schnell aneinander und Darke wirft sie schließlich nach ein paar Monaten aus der Wohnung – die Nachwehen der Geschehnisse, die sich während dieser Zeit ereigneten, bekommt sie allerdings ein Jahr später zu spüren.

Die Storyline erstreckt sich über die Vorweihnachtszeit zweier aufeinanderfolgenden Jahre und erzeugt einen wohlig-unheimlichen Schauer beim Lesen, wenn Darke durch geschmückte Fußgängerzonen hetzt und sich Unheilvolles anbahnt. Die Illustrationen sind düster, atmosphärisch und passen bestens zur Geschichte, die kritisches Gesellschaftspanorama, Krimi und psychologisches Portrait in einem ist.

Auf meinem Blog habe ich bereits einige Bücher mit Protagonist*innen vorgestellt, die eigentlich so gar nicht sympathisch sind – und über die man dennoch mehr erfahren möchte. Cassandra Darke ist eine von der ganz besonders abscheulichen Sorte – regelrecht boshafte Züge weist die alte Dame auf. Und dennoch entfaltet sich natürlich im Laufe des Buches auch ihre Backstory vor unseren Augen, und wir fangen zwar wahrscheinlich nicht an, sie zu mögen, können sie aber immer mehr und mehr als menschliches Wesen begreifen, das seine Päckchen genauso zu tragen und zu verarbeiten hat wie jede*r von uns. Für mich sind das immer die spannendsten Charaktere, bei denen man tief graben kann und Dinge zu Tage befördert, die sich fernab von glücklicher Kindheit und rosigen Lebensjahren bewegen. Was macht eine böse Person zu einer bösen Person? Nun, ein paar Antworten darauf liefert uns Cassandra Darke.

Posy Simmonds. Cassandra Darke erschien in der Übersetzung von Sven Scheer 2019 bei Reprodukt. Die englische Originalausgabe erschien 2018 bei Random House.

Ich danke Reprodukt für das Rezensionsexemplar!

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