Mein Herzensbuch 2019. Charlie Mackesy. The Boy, the mole, the fox and the horse

Es gab da dieses Buch, um das ich 2019 ständig herumgeschlichen bin. Immer, wenn ich in einem Buchladen war, nahm ich es in die Hand, bewunderte die Illustrationen, die edle Aufmachung des Einbandes und die schnörkelige Handschrift, die ein ganz besonderes Lesevergnügen verhieß. Einige Male war ich kurz davor, es zu kaufen, habe es aber nie getan. Warum nicht? Nun, weil ich manchmal so spirituelle Anwandlungen habe und vor allem, was Bücher betrifft, nach dem Leitgedanken lebe, dass Bücher immer dann etwas in mir bewegen können, wenn sie zum richtigen Zeitpunkt in mein Leben treten. Wenn es nicht der richtige Zeitpunkt, ist ein schönes Buch dann eben nicht mehr als ein schönes Buch. Mir gefällt der Gedanke aber, dass ein Buch mein Leben in einer Weise bereichern zu vermag, wie es kein anderes Medium schafft. Deshalb lasse ich Bücher, denen ich das Potenzial zutraue, mich tief zu berühren, gerne solange links liegen, bis ich mich eines Morgens plötzlich in Sportklamotten auf meinem Bett sitzend weinend damit wiederfinde (zum Beispiel). So geschehen mit The boy, the mole, the fox and the horse.

Ich hatte es als Weihnachtsgeschenk für eine Freundin bestellt, froh, endlich einen Grund zu haben, es kaufen zu können. Eigentlich wollte ich es auch gar nicht jetzt lesen, aber als ich das Paket öffnete und es da so vor mir lag, konnte ich nicht anders. Und zack – war eine Stunde um, ich saß immer noch in stinkigen Sportklamotten auf meinem Bett, anstatt zu duschen, und heulte mir die Seele aus dem Leib. Und da war für mich klar: ich habe mein Seelenbuch 2019 gefunden.

Der Grad zwischen Kitsch und Weisheit ist schmal, wenn man über die großen Themen des Lebens schreibt und sie in kluge Aphorismen packt, die man dann auch noch bebildert. Das kann schnell ins Pathetische abdriften. Charlie Mackesy hat bei seinem Buch aber genau den Ton getroffen, der etwas in mir zum Schwingen bringt – und die wunder-wunder-wunder-wunderschönen Tusche-Illustrationen ergeben zusammen mit den sehr kurzen handschriftlichen Texten ein Gesamtbild, das so gar nicht kitschig, aber dafür extrem atmosphärisch und melancholisch-heimelig ist.

Ich glaube, das Geheimnis dieses Buches liegt vor allem darin, dass Mackesy eine Geschichte erzählt, ohne sie in Worten zu formulieren. Die Bilder illustrieren die Texte nicht, sondern ergänzen sie und bieten den Betrachter*innen viel Spielraum, die Geschichte des Jungen, des Maulwurfes, des Fuches und des Pferdes, die sich kennenlernen und Freunde werden, selbst auszudenken und die Leerstellen mit eigenen Interpretationen zu füllen.

Das Buch ist für mich eine Art „Der kleine Prinz 2.0“ – im allerbesten Sinne, ohne eine Kopie zu sein. Natürlich drängt sich der Vergleich durch das Freundschaftsthema zwischen einem einsamen Jungen und den Tieren etwas auf, aber es ist auch der Ton und diese kluge, leise, witzige Weisheit, die aus den Texten spricht.

Thematisch umfasst das Buch alles, was für mich 2019 große Themen waren. Nach meinem großen Umzug nach England fühle ich mich oft sehr abgeschnitten von meinen Freunden und meiner Familie, und fürchte sehr oft, viele Personen nun verloren zu haben, weil ich die räumliche Distanz gerade so sehr spüren kann wie noch nie. Über Freundschaften, deren Haltbarkeit und Wert, habe ich dieses Jahr extrem viel nachgedacht und ziemlich viele Tränen vergossen. Und auch Themen wie mein Selbstbild, mein Selbstwert und meine Abhängigkeit von der Bewertung anderer hat mich sehr beschäftigt. All das und noch mehr bringt Mackesy in diesem Buch unter und treibt mir mit seinen zauberhaften Texten oft die Tränen in die Augen.

Als Weihnachtsgeschenk für einen Herzensmenschen, für einen selbst oder als Buch für den Nachttisch im nächsten Jahr, um sich immer mal wieder das Herz aufgehen zu lassen – wie auch immer es zu euch kommen mag, ich hoffe, es findet seinen Weg.

Charles Mackesy. The boy, the mole, the fox and the horse erschien 2019 bei Ebury Press.

Comic Graphic Novel Leben

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