Tick-Tick-Tick-Tick-Tick. Sheila Heti. Motherhood

Mit keinem anderen Thema wird Frauen gleichzeitig so viel Druck gemacht und dann sofort gänzlich die Kompetenz abgesprochen wie bei der Mutterschaft. Wir sollen gefälligst dem Ruf der Natur folgen, aber dass wir selbst (intuitiv & eigenmächtig erlernt) wissen, wie das geht, spricht man uns ab. Es scheint, als wäre das Kinderkriegen und Aufziehen kein privates Thema, sondern ein kollektives: dieser Eindruck entsteht zumindest dadurch, dass sich die Außenwelt (hiermit meine ich sowohl das Umfeld als auch Social Media und das Internet, wo ja einfach ein Großteil unseres Lebens auch stattfindet) mit einer Selbstverständlichkeit in diese Dinge einmischt, als wäre es ihr gutes Recht. Es ist daher auch kein Wunder, dass viele Frauen sich mit großen Unsicherheiten konfrontiert sehen: sei es während der Schwangerschaft, im Umgang mit dem Neugeborenen oder zu einem späteren Zeitpunkt in der Erziehungsarbeit. Und natürlich auch, wenn sich eine Frau dazu entscheidet, kein Kind bekommen zu wollen/oder aus anderen Gründen kinderlos bleibt.

Frauen ab einem bestimmten Alter können sich der Fragerei nach dem „wann?“ kaum entziehen. Früher oder später wird sie gestellt, diese bohrende, drängende Frage, zu der es eigentlich überhaupt keine Antwort gibt, die die Befragte(n) nicht in Bedrängnis bringt. Wenn der Kinderwunsch bereits in vollem Gange ist, wird es sicher Tipps hageln, wie man der Natur etwas nachhelfen kann. Hat zumindest bei der Freundin einer Freundin super funktioniert. Wenn der Nachwuchs unterwegs ist, wird der Schwangeren aus der Hand gerissen, was auch immer sie gerade essen wollte, weil neueste Studien belegen, dass dieses und jenes sich mit Sicherheit in 6 Jahren negativ auf die Fähigkeit, das Einmaleins zu lernen, auswirkt. Und naja, wenn kein Kinderwunsch besteht, dann wird die versammelte Kaffeetafel versuchen, einen Exorzismus durchzuführen: denn dass eine Frau keine Kinder haben möchte, das geht ja nicht! Das kommt bestimmt noch! Da muss man sich einfach auch mal zusammenreißen, denn die biologische Uhr tickt! Ticke-ti-ticke-ti-tick!

Sicher, meine Beispiele sind alle sehr überspitzt dargestellt. Aber ich weiß gleichzeitig eben auch, dass sie gar nicht so weit von der Realität entfernt sind. Vielleicht hat die eine mehr Erfahrungen in dieser Richtung gemacht als die andere. Fakt ist aber, dass das Thema Mutterschaft ein sehr kontroverses ist, bei dem man eigentlich nur Dinge falsch machen kann, weil jede*r eine oder tausend Meinungen dazu hat. Und das ist ja auch nicht das Problem. Das Problem ist, dass jede*r diese Meinungen ständig ungefragt teilt. Und vor allem mit denen, die überhaupt nicht danach gefragt haben.

Weil es so normal scheint, dass sich zum Beispiel die Verwandtschaft beim Kaffee und Kuchen nach dem Stand der Familienplanung erkundigt, sind sich viele Menschen gar nicht bewusst darüber, dass diese Situation eine höchst brenzlige darstellt. Vor allem eben für diejenige, die befragt wird. Das hängt zum einen mit dem Weltbild der älteren Generationen zusammen, für die es eben tatsächlich kaum eine andere Option gab, als eine Familie zu gründen. Frauen dieser Generationen haben sich vermutlich nie gefragt, ob sie wirklich Mutter werden möchten oder nicht – und wenn sie leise Zweifel spürten, wurde über diese auf keinen Fall gesprochen. Ich allerdings gehöre einer Generation an, die sich ihrer Möglichkeiten bewusst ist, und für die die eigene Selbstbestimmung an erster Stelle steht. Wir setzen uns bis ins kleinste Detail mit unserer Psyche und unseren Möglichkeiten, unser Leben zu gestalten, auseinander – und stellen mitunter eben fest, dass wir den „Ruf der Natur“ einfach nicht hören. Dass wir uns nicht in Elternrollen sehen, dass wir keinen Milcheinschuss bekommen, wenn irgendwo ein Baby weint. Und dass wir uns selbst in 30, 40 Jahren in einem Leben sehen, in dem keine Kinder vorkommen. Und dass das in uns keine Ängste oder das Gefühl, etwas zu verpassen, auslöst. Vielleicht sind wir sogar erleichtert darüber, dass wir bestimmte vererbbare Defekte oder psychische Krankheiten, die es in unserer Familie gibt, nicht weitertragen werden. Wir trauen uns, uns diesen Gedanken zu stellen und diese Wege einzuschlagen, wenn sie sich richtig anfühlen. Das ist etwas, was sich unsere Großeltern- und teilweise unsere Elterngeneration nicht im Traum vorstellen kann, und das ist ja auch irgendwo verständlich. Dennoch kann man auch von ihnen etwas Feingefühl im Umgang mit dem Thema erwarten, weil eine Nicht-Mutterschaft nicht immer gleich bedeutet, dass sich jemand aktiv dagegen entschieden hat. Oft stehen leider auch Krankheiten oder Unfruchtbarkeit hinter der Kinderlosigkeit – und die Betroffenen sehen sich plötzlich in der Position, diese Dinge mit Oma Erna und Opa Willi vor versammelter Mannschaft zu besprechen. Oder eine Ausrede zu erfinden, die aber unter Garantie auch nicht zum zufriedenen Verstummen der Anwesenden führt. Im Nachhinein sind es dann ja auch immer die, denen die unangenehmen Fragen gestellt wurden, die sich mit Zweifeln, Traurigkeit, Ängsten und Scham- sowie Schuldgefühlen herumschlagen müssen. Denn selbst, wer mit sich eigentlich im Reinen darüber ist, keine Kinder haben zu wollen, fühlt sich mitunter doch schuldig dafür, an der Ausrottung der Menschheit beteiligt zu sein und ihren fraulichen Pflichten nicht nachzukommen, wenn es ihr vorher stundenlang vorgeworfen wurde.

Gegen die Übergriffigkeit von Außen hilft eigentlich nur, Grenzen zu ziehen. Das gilt ja für alle Bereiche und Themen des Lebens, aber für (junge) Frauen ist die Umsetzung oftmals doch sehr schwierig, eben weil es als so selbstverständlich angesehen wird, dass man von Menschen, die einem emotional eigentlich gar nicht nahestehen, sehr intime Sachen gefragt wird. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie verdutzt, verdattert, sprachlos und vor den Kopf gestoßen man sich da fühlen kann und aus lauter Perplexität vielleicht mehr preisgibt, als man mit dieser Person jemals teilen wollte. Wie ich derzeit feststelle, beschränkt sich dieses ungefragte Reinreden auch nicht nur auf das Thema „Menschenkinder“. Es scheint ein tief verankertes Phänomen zu sein, das zutage tritt, wenn es um die Erziehung und Pflege von Lebewesen geht. Menschen müssen sich einmischen, ihre Erziehungsmethoden mit anderen teilen und die der anderen kritisieren: seitdem ich angekündigt habe, dass in ein paar Wochen unser Hundewelpe bei uns einzieht, bekomme ich Ratschläge und Belehrungen von allen Seiten. Ich bin nicht undankbar dafür, Hilfe zu bekommen. Was mich nervt ist, dass ich gar nicht danach gefragt habe, weil ich nicht das Gefühl habe, sie zum jetzigen Zeitpunkt zu brauchen. Manchmal scheinen die Leute nicht darüber nachzudenken, dass man sicher nicht gänzlich unvorbereitet ein Kind (oder einen Hund, oder einen Hamster oder einen Vogel oder was-auch-immer-das-atmet-und-kackt) bekommt. Dass man also eine vorausgegangene Phase der intensiven Vorbereitung hatte, in der man sich sein eigenes Methodenmodell zusammengestellt hat, auf das man dann zugreifen wird, wenn das kleine Scheisserchen da ist. Man hat Entscheidungen getroffen. Dinge gegeneinander abgewogen. Und das sicher nicht leichtfertig. Wenn ich jetzt also Belehrungen und Tipps bekomme, was soll mir das bringen, außer mich darin zu verunsichern, was ich für mich festgelegt habe? Da trägt dann zum Erhalt des eigenen Seelenwohls nur bei, sich seine Handlungsfreiheit einzufordern, auch wenn es schwer fallen mag. Ohne Rechtfertigungen. Ohne Entschuldigungen.

Was aussieht wie eine extrem lange Einleitung, bevor es überhaupt um das Buch geht, ist eigentlich schon eine Abhandlung mitten aus ebenjenem. In Motherhood behandelt Sheila Heti nämlich genau die oben angerissenen Themenkomplexe. Sie hat die Texte über mehrere Jahre geschrieben, das Buch ist eine Dokumentation ihrer eigenen Auseinandersetzung mit ihrem persönlichen Kinderwunsch – oder besser gesagt, ihrem Nicht-Kinderwunsch. Schon am Anfang wird recht deutlich, dass Heti sich selbst nicht als Mutter begreift, aber keine endgültige Entscheidung treffen kann, weil sie so verunsichert ist. Die gesellschaftliche Vorstellung davon, was Frauen zu „leisten“ haben, der oft abschätzige Blick auf kinderlose Frauen und die so gern zitierte „biologische Uhr“ sind Größen, um die ihre Gedanken kreiseln und mit denen sie sich in ihren Texten, die wie eine Abfolge von Tagebucheinträgen oder Gedankenschnipseln wirken, auseinandersetzt. Für Heti ist ihre Rolle als Schriftstellerin jene, mit der sie sich weitaus mehr identifiziert als mit der Mutterrolle, sie lebt aber mit dem Gefühl, dafür permanent abgewertet und verurteilt zu werden.

Ehrlich gesagt hat mich das Buch nicht vollständig überzeugt, weil mir der rote Faden gefehlt hat – wenn man von den Kapitelüberschriften absieht, die größtenteils an Phasen des weiblichen Zyklus angelehnt sind – und die Texte an vielen Stellen doch zu sehr um immer wieder dieselben Dinge kreisten. Mir scheint, als wäre es vielleicht eine bessere Herangehensweise gewesen, das Buch zu schreiben, nachdem die Autorin diesen Prozess durchgemacht hat, um den Leser*innen etwas Hilfreiches für eine ähnliche Phase an die Hand geben zu können. Dass die Autorin zum Beispiel konsequent sehr große, wichtige Fragen beantwortet, indem sie Münzen wirft, hat mir jetzt rein gar nichts gegeben. Ich hätte mich sehr für ihre eigenen Antworten interessiert, auf deren Suche sie uns leider nur teilweise mitnimmt. Dennoch fand ich es interessant, ihre Texte zu lesen und mitzuverfolgen, wie sie sich mit dem Frauenbild der Gesellschaft und der Frage danach, welchen „Wert“ kinderlose Frauen haben, befasst. Als Einstieg in die eigene Beschäftigung mit dem Thema ist es eine gute Lektüre. Aber ich würde es wohl denjenigen nicht empfehlen, die sich selbst gerade in einer Phase des Schwankens und der Unsicherheit befinden.

Sheila Heti. Motherhood erschien erstmals 2019 bei Vintage. Meine Ausgabe erschien 2018 bei Penguin Random House. Die deutsche Ausgabe erschien 2019 bei Rowohlt.

Ein Kommentar

  1. Amen zum ersten Part deines Beitrags. Bin ganz deiner Meinung, was diese Themen angeht. Deshalb hatte Motherhood mich auch so angesprochen und ich finde es hervorragend, wenn es Bücher zu diesen Themen gibt, aber Motherhood war überhaupt nicht mein Fall. Ich finde die Auseinandersetzung mit dem Thema ist überhaupt nicht geglückt und das Münzenorakel ging mir total auf den Keks. Ich finde die Protagonistin (hier vielleicht sogar Autorin) hat sich unreif und naiv gelesen. Ich erwarte ja keine komplett durchdachte Abhandlung zu diesen Themen, aber so hatte das ganze wenig Substanz für mich und hat nicht wirklich etwas Neues geboten, wenn du dich vorher schon mal mit dem Thema beschäftigt hast.

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