Eine Naturgewalt: Ich habe einen Namen. Chanel Miller

Eine junge Frau, 23 Jahre alt, steht in einem Gerichtssaal. Sie liest einen Brief vor, gerichtet an den Mann, dessen Strafmaß an diesem Tag festgelegt werden soll. „Du kennst mich nicht, aber du warst in mir, und deswegen sind wir heute hier.“ Chanel Miller, die zu diesem Zeitpunkt noch unter dem Pseudonym Emily Doe spricht, hält ihr seitenlanges Statement in den Händen. Rückwirkend scheint es, als sei dieser Moment der erste von vielen, in denen sie sich ihre Geschichte zurückerobert.

Inzwischen kennen Chanels Namen nicht die Menschen aus ihrem persönlichen Umfeld. Ihr erstes Buch Ich habe einen Namen ist ein internationaler Bestseller. Die Worte, mit denen sie sich vor Gericht an ihren Vergewaltiger wandte, sind ebenfalls darin abgedruckt. Das Statement wurde kurz nach Ende des Prozesses auf Buzzfeed veröffentlicht – und sorgte dafür, dass Chanel Miller endlich Gehör fand.

Mehr als ein Körper

Monate zuvor wurde sie halbnackt und bewusstlos hinter einem Müllcontainer auf dem Gelände der Sanford University gefunden. Zwei Studenten aus Schweden radelten am Container vorbei und entdeckten einen blonden, jungen Mann, der über der bewusstlosen Chanel kniete. Als die beiden Studenten den Mann ansprachen, rannte er davon. Später wird er festgenommen.

All das erfährt Chanel Miller am nächsten Tag von einem Polizisten in einem Krankenhaus. Ihre Erinnerung an die Party am Vorabend, die sie mit ihrer Schwester und deren Freundin besuchte, ist unvollständig. Ein junger, blonder Mann kommt nicht darin vor. Die Einverständnis, Geschlechtsverkehr mit ihm zu haben, erst recht nicht. Chanel entscheidet sich, Anklage gegen den Täter zu erheben und durchlebt einen monatelangen Prozess. Dabei erfährt sie, wie die Gesellschaft auf junge Frauen reagiert, die sexualisierte Gewalt anzeigen. Ihr Trinkverhalten, ihre Kleiderwahl, ihr Sexualtrieb werden öffentlich zur Diskussion gestellt. Während Chanel sich plötzlich für ihr Verhalten an dem Abend rechtfertigen muss, erhält Brock Turner, der Täter, viel Zuspruch. Er ist Sportler, ein erfolgreicher Schwimmer. In der öffentlichen Erzählung wird Chanel zu einem gesichts- und namenlosen Körper, während Brock zu einem netten Jungen von nebenan mit einer glorreichen Zukunft verklärt wird. Mit Erfolg: An dem Tag, an dem Chanel Miller endlich die Gelegenheit bekommt, sich mit ihren eigenen Worten an Turner zu wenden, legt der Richter das Strafmaß fest: sechs Monate Gefängnis, die bei guter Führung auf drei Monate zusammenschrumpfen. Die Begründung: ein härteres Urteil könnte einen zu prägenden Einfluss auf das Leben des jungen Mannes haben.  

In Ich habe einen Namen zeigt Chanel Miller den starken Einfluss, den die Vergewaltigung auf ihr Leben als Opfer hatte. Sie erschafft mit ihrem ersten Buch ein wortgewaltiges Zeitdokument, das festhält, wie die Wahrheiten von Betroffenen infrage gestellt werden. Dabei zeigt sie die Abgründe und Ungerechtigkeiten des US-amerikanischen Justizsystems auf, genauso wie den gesellschaftlichen Umgang mit Frauen, die versuchen, gegen Täter*innen von Übergriffen oder Vergewaltigungen anzugehen. Sie thematisiert, wie Alkohol die Zuschreibung von Schuld beeinflusst und verdreht.

Gefühle lesbar machen

In einem Interview erzählte die Autorin, dass neben ihrem Schreibtisch ein Post-it klebte, während sie das Buch schrieb. Darauf stand: „Feel what I felt“; fühle, was ich gefühlt habe. Eine Forderung an die Lesenden. So liest sich das ganze Buch: fordernd. Es ist unbequem und tut weh. Die Worte von Chanel Miller brennen im Hals und drücken hinter den Lidern. Die Autorin fordert die Leser*innen heraus und verlangt von ihnen, sie an die Orte zu begleiten, an denen der Schmerz sitzt. Sie gewährt Einblicke dunkel Momente, zeigt Angst und Hoffnungslosigkeit. Dabei zeigt die ehemalige Literaturstudentin, wie viel Macht sie trotz all der sprachlosen Momente über ihre Worte hat. Ich habe einen Namen ist ein Buch, dessen Sätze einem oft im Hals stecken bleiben, das man aber trotzdem von vorne bis hinten unterstreichen möchte.

Beim Lesen wird man Zeug*in davon, wie Chanel Millers ihre Stimme wiederfindet. Man ist bei ihr, als sie im Krankenhaus aufwacht, ohne Erinnerung an die letzten Stunden und plötzlich konfrontiert mit der Möglichkeit, Opfer eines Vergewaltigers geworden zu sein. Sie erzählt von den Wochen, in denen sie versucht, die Nacht zu verdrängen. Davon, wie sie ihren Eltern erzählt, was passiert ist. Wie sie für ihre Familie stark sein möchte und gerade dort einen Raum finden, um ihren Schmerz erstmals zuzulassen. Man begleitet sie zu Gerichtsprozessen, kocht vor Wut, als der Anwalt der Gegenseite ihr erniedrigende Fragen stellt und findet mit ihr neue Hoffnung, als sie mit ihren Statement an ihren Vergewaltiger auf der ganzen Welt Menschen zum Weinen bringt.

Besonders einprägsam sind die Momente des Buches, in denen Chanel Miller neu lernt, Grenzen zu setzen und für sich selbst einzustehen. In denen sie sich weigert, sich von fremden Menschen herumschubsen oder sich Worte in den Mund legen zu lassen. Außerdem gelingt es ihr, ihre persönliche Geschichte in einen gesellschaftlichen Kontext einzubetten, in dem rape culture und sexualisierte Gewalt gegen Frauen leider noch immer zum Alltag gehören.

Chanel Miller fordert nichts von anderen Betroffenen. Ich habe einen Namen ist kein Buch, dass Überlebende von sexualisierten Übergriffen zu starken Held*innen verklärt, die alles unbeschadet überstehen können. Es macht deutlich, wie sehr ein Übergriff das Leben verändert. Und es zeigt, mit wie viel Schmerz, Wut und Sprachlosigkeit Betroffene alleingelassen werden. Im letzten Absatz ihres Statements schreibt Chanel Miller: „Und schließlich an alle Mädchen da draußen: Ich bin bei euch. In den Nächten, in denen ihr euch einsam fühlt: Ich bin bei euch. Wenn euch jemand anzweifelt oder abtut: Ich bin bei euch. Ich habe jeden Tag für euch gekämpft.“

Chanel Miller entfesselt mit ihrer Sprache einen Sturm. Das Prasseln ihrer Worte übertönt die Stimmen derer, die sexualisierte Gewalt kleinreden und Betroffene mundtot machen wollen. Ihr Schreiben bringt Heilung für die Ungehörten –auch für sie selbst, so scheint es. Sie wird beim Lesen zu einer Vertrauten, einer Freundin. Das mag zu großen Teilen an ihrem Schreibtalent liegen, aber auch daran, dass wohl jede*r von uns Menschen kennt, die ebenfalls Betroffene von sexualisierter Gewalt geworden sind. Ihre Worte geben Hoffnung auf Gerechtigkeit in einer unfairen Welt. Es bleibt zu hoffen, dass Ich habe einen Namen in Zukunft an allen Schule und Universitäten, in Familien und in Freund*innenkreisen gelesen und besprochen werden wird.

Die Originalausgabe von Chanel Millers Memoir erschien erstmals 2019 unter dem Titel Know my name bei Viking. Die deutsche Ausgabe erschien 2019 unter dem Titel Ich habe einen Namen. Eine Geschichte über Macht, Sexualität und Selbstbestimmung bei Ullstein.

Dieser Artikel stammt von Katharina Alexander. Sie ist Journalistin und lebt in Berlin. Normalerweise schreibt sie über Politik, Feminismus und Machtverhältnisse. Sie freut sich aber über jede Gelegenheit, auch ihre Ansichten zu Büchern oder Autor*innen festzuhalten. Viel zu lange sie bei der Auswahl ihrer Bücher nicht darauf geachtet, wer sie geschrieben hat. Inzwischen versucht Katharina, vor allem den Stimmen von Frauen und marginalisierten Menschen Gehör zu schenken. Über die Bücher von alten weißen Männer wird sowieso schon genug gequatscht.

 

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