Von Büchern, Bäumen und Brexit. Ali Smith. Autumn & Winter

Es gibt so diese Autor*innen, die mir immer wieder über den Weg „laufen“, über deren Bücher ich immer wieder stolpere, die ich in Buchläden immer wieder aus dem Regal nehme und doch noch mal zurückstelle – bis ich sie irgendwann endlich mitnehme und mich dann frage, wieso ich das nicht schon viel früher gemacht habe. Ali Smith ist eine von ihnen.

Vielleicht mache ich das, weil mein Unterbewusstsein ahnt, dass ich die Bücher lieben werde und mir die Vorfreude und die tatsächliche Lesefreude noch ein Weilchen bewahren möchte. Was auch dahinter steckt, letztendlich hat mich die Empfehlung einer alten Bekannten dazu bewogen, mir Winter und Autumn von Ali Smith anzuschaffen. Diese beiden Bücher gehören zu dem geplanten Season-Quartett, also dem Jahreszeiten-Quartett, von dem bereits drei Teile erschienen sind: Spring, Autumn und Winter. In diesem Jahr erscheint noch Summer. Diese im Voraus geplante vierbändige Publikation an sich klang für mich schon spannend, denn sie erinnerte mich zum Einen an Maja Lundes Klima-Quartett (meine Review zu Die Geschichte der Bienen und Die Geschichte des Wassers findet ihr hier), das ebenfalls aus vier Büchern besteht, die lose thematisch zusammenhängen, aber komplett eigenständig voneinander funktionieren, und zum anderen ist es bemerkenswert, weil Verlage dieser Tage eigentlich selten von vornherein mit Autor*innen mehrbändige Werke planen – was oft dazu führt, dass diese sich für ihre Geschichten alternative Enden überlegen müssen, eines, das die Geschichte abschließt oder so beendet, dass die Leser*innen damit leben können, wenn es nicht weitergeht, und eines, das noch offene Fäden hat, die im nächsten Band weitergesponnen werden können. Ich habe es selbst schon mehrmals im Rahmen meiner Lektorenarbeit erlebt, dass kurz vor Drucklegung des Buches noch das Ende ausgetauscht wird, wenn im Verlag die Entscheidungen für oder gegen einen weiteren Band gefallen sind.

Bei meiner Lektüreauswahl lasse ich mich eigentlich selten vom Cover leiten. Ich weiß zu gut, dass Cover für die Verlage das wichtigste Verkaufsargument sind, und dass sie sich oft weit vom Inhalt der Bücher entfernen. Und auch wenn Klappentexte gern mal so frisiert werden, dass ein bestimmter Aspekt herausgestellt wird, der vom Verlag als meistverkäuflicher befunden wurde, der im Buch aber mitunter gar nicht der im Mittelpunkt stehende sein muss, so sind diese für mich dann doch eher mein Mittel zur Wahl bei der Auswahl meines nächsten Buchkaufs. Im Falle von Winter & Autumn aber haben mich die Cover extrem angesprochen: zu sehen sind jeweils Bäume im Herbst- und Winterkleid. Ich bin ein Waldkind durch und durch, und für mich sind vor allem Herbstbäume ein Symbol für eine Zeit, in der ich mich sehr viel mit mir selbst auseinandersetze und die Ruhe der Natur suche, um bei Spaziergängen an der kalten, klaren Luft meine Gedanken zu sortieren. Das Farbspiel des Herbstes ist gleichzeitig eine Wohltat für die Augen und ein melancholischer Vorbote des nahenden Endes eines Kreislaufes, der sich immerfortwährend wiederholt: was im Frühjahr geboren wurde, bettet sich im Winter unter einer dicken Schneeschicht zur letzten Ruhe (naja, ob das noch lange so sein wird, ist angesichts der Klimasituation fraglich, aber wir gehen hier natürlich von einem theoretisch normalen Laufen der Dinge aus). Deshalb griff ich also auch erstmal zu diesen beiden Titeln und ließ Spring in der Buchhandlung zurück. Recht schnell wurde mir aber klar, dass die Jahreszeiten in den Büchern eher eine symbolische Rolle spielen als eine gestaltliche.

In Autumn geht es um die besondere Freundschaft der jungen Frau Elisabeth mit dem 101-jährigen Daniel, der in einem komatösen Zustand im Pflegeheim liegt. In reichen poetischen Bildern beschreibt Smith in Zwischenkapiteln Daniels Driften zwischen den Welten: der, in der er gelebt hat, und der, in die er hinübertreten wird. In fiebertraumähnlichen Sequenzen vermischen sich Erinnerungen aus seinem Leben – an seine kleine Schwester zum Beispiel, mit der ihn eine Hassliebe verband – mit Fetzen von Dingen, die ihm wichtig gewesen sind: Malerei, Literatur, Geschichte. Elisabeth, die Daniel regelmäßig im Heim besucht, um ihm vorzulesen, deckt erst nach und nach Teile seiner Vergangenheit auf, über die er nie wirklich mit ihr gesprochen hat. Für sie war Daniel immer eine ihrer wichtigsten Bezugspersonen, aber wie das bei Kind-Erwachsenen-Konstellationen ja oft so ist, weiß der kindliche Part über den Erwachsenen sehr wenig. Ich selbst musste das schmerzlich erkennen, als vor ein paar Jahren einer meiner Großväter gestorben ist. Seitdem versuche ich, mich sehr viel mehr mit meinen Verwandten zu unterhalten – nicht nur über mich, sondern auch über sie. Auch wenn den älteren Generationen oft alles aus der Nase ziehen muss, es ist ein schönes Gefühl, die Ebene der Enkelin/Nichte/Großcousine/wasauchimmer zu verlassen, in der die Erwachsenen schon immer einfach und selbstverständlich dagewesen sind und mit ihnen auf Augenhöhe zu kommunizieren. Über die Stationen ihres Lebens, über die Liebe, über Verluste, über Träume, Erwartungen, Hoffnungen. Über ihre Sicht auf meine Generation. Elisabeth lernt Daniel als kleines Mädchen kennen, als sie mit ihrer Mutter gerade umgezogen ist. Daniel ist der neue Nachbar, zu diesem Zeitpunkt schon in seinen Siebzigern, aber auf Elisabeth wirkt er aufgrund seines Wesens und seines Auftretens sehr viel jünger. Daniel wird zu einer Art Babysitter für Elisabeth, deren Mutter die meiste Zeit nur um sich selbst kreist. Die beiden unternehmen lange Spaziergänge zusammen, während derer Daniel Elisabeth viel über die Macht der Phantasie und über Kunst beibringt. Auch bringt er sie zum Lesen. Generell spielen Bücher und die Bedeutung des Lesens in Autumn eine große Rolle.

Autumn ist nicht zuletzt aber auch ein Buch über den Brexit, was mich überrascht hat. Das Thema ist so gut in die Handlung eingewoben, dass es sich gar nicht anfühlt wie ein politischer Roman. Während Daniel im Pflegeheim zwischen Leben und Tod in seiner eigenen Welt existiert, spaltet sich die Gesellschaft um Elisabeth. Sie findet plötzlich Sicherheitszäune in der Landschaft vor und streitet mit Wachmännern. Sie sieht sich der irrsinnigen Bürokratie gegenüber – die Szenen, in der sie versucht, einen neuen Ausweis zu beantragen, sind nach Kafka das treffendste, das ich je zum Thema Bürokratieirrsinn gelesen habe. Und das Kapitel, in dem Smith über die Auswirkungen des Brexit auf die Gesellschaft Großbritanniens schreibt, ist für mich einer der besten Texte, die ich bislang zu dem Thema gelesen habe. Smith hat eine so starke Sprache, die sehr poetisch ist, aber gleichzeitig mit Präzision den Finger auf die Dinge legt, die während der Zeit nach dem Votum vor sich gingen.

Auch in Winter wird der Brexit thematisiert. Die verschiedenen Lager treten hier in Gestalt einer an Weihnachten zusammenkommenden Gruppe auf den Plan. Smith hat sich hier eine ganz passende Allegorie ausgedacht: so unharmonisch die Situation in vielen Familien an Weihnachten leider oft ist und so festgefahren die Gespräche und Konflikte, so unharmonisch und festgefahren geht es zuweilen auch im britischen Unterhaus zu.

Die Gruppe, die sich über die Weihnachtstage im herrschaftlichen Anwesen von Sophia trifft, besteht aus ebendieser, ihrem Sohn Art und seiner Freundin Charlotte (die allerdings nicht die echte Charlotte, sondern eine von Art engagierte junge Frau ist, die er kurz vor Weihnachten auf der Straße kennengelernt hat und ihr 1000 Pfund anbot, seine Freundin zu spielen – um seiner Mutter nicht sagen zu müssen, dass er sich von der echten Charlotte getrennt hat) und Iris, mit der Sophia jahrzehntelang keinen Kontakt hatte. Da herrscht so viel Konfliktpotenzial, dass eigentlich von vornherein klar ist, dass man hier von Smith keine heimelige Weihnachtsgeschichte serviert bekommt.

Winter hat mich leider nicht ansatzweise so begeistern können wie Autumn. Das liegt wohl vor allem daran, dass mir zur Beschreibung der in Winter erzählten Geschichte kein besseres Wort einfällt als weird. Weird ist nicht immer schlecht. Weird kann auch sehr sehr großartig sein. In diesem Fall allerdings habe ich die einzelnen Teile, aus der dieses Buch besteht, nicht so richtig zusammenpuzzeln können. Und war gleich am Anfang verstört davon, dass Sophias Sidekick ein Geist ist – oder besser gesagt: ein Geisterkopf, der neben ihr herschwebt und mit dem sie kommuniziert wie mit einem Kind. Natürlich könnte man da allerlei Schlaues hineininterpretieren – aber ich hatte ehrlich gesagt keine Lust dazu, weil ich die Storyline generell ein bisschen anstrengend fand. Fazit also: die Jahresuhr steht niemals still, aber Winter braucht kein Mensch.

Autumn erschien 2017 bei Penguin. Die deutsche Ausgabe erschien unter dem Titel Herbst 2019 im Luchterhand Literaturverlag.

Winter erschien 2017 beim Penguin-Imprint Hamish Hamilton und ist bislang noch nicht auf Deutsch erschienen.

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