Terrorismus en passant. R.O.Kwon. Die Brandstifter

Nur mal angenommen, der Roman „Die Brandstifter“ würde nicht beklatscht, sondern abgewatscht, stünde man damit ziemlich allein auf weiter Flur. Und zwar zu Recht.

Nicht die Frage nach dem Warum ist es, die sich stellt, sondern folgende: Wie bespricht man einen Roman, der sprachlos macht? Da „gar nicht“ keine Option ist, bleibt nur, es zu versuchen. Nun dann: Okay, College. Okay, Probleme. Superokay, Liebe. Okay, unterschiedliche Verhältnisse. Verlust erleiden und versuchen, diesen irgendwie auszugleichen. Also klar: Halt suchen. Mehr als okay: Halt finden. Alles andere als okay: in einer Sekte.

Die Brandstifter: Ein Collegeroman, der keiner ist

Will Kendall ist dabei. Er bekommt alles mit. Von Anfang an. Er, der sich gerade aus einer evangelistischen Christengemeinde gelöst hat, lernt auf einer Campus-Party die allseits beliebte Phoebe Lin kennen. Eigentlich gar nicht sein Ding – Campus Partys. Für Unbeschwertheit fehlt dem fleißigen Stipendiaten vor allem Geld. Darf nach Meinung Wills natürlich niemand seiner durchweg aus wohlhabenderen Verhältnissen stammenden Kommiliton*innen erfahren. Das auszuschließen, strickt er Halbwahrheiten und Ganz-Lügen um sein Leben und darum, dass er auf Nebenjobs angewiesen ist, um an der prestigeträchtigen Elite-Uni studieren und zudem seine Mutter finanziell unterstützen zu können. Glücklicherweise sind die meisten der anderen Studierenden hinreichend desinteressiert an dem, was sich unter der Oberfläche abspielt. Nicht so Phoebe, die sich zu Will und dessen Einsamkeit hingezogen fühlt, da diese ihn so gänzlich von den anderen Feiernden unterscheidet, die sie so kennt. Und „die sie so kennt“ bedeutet in Phoebes Fall wirklich einige. Aber nur wenige kennen sie. Beziehungsweise wissen um die Trauer und Schuldgefühle hinter Phoebes Partygirlfassade mit zugehöriger whoop-whoop-mir-doch-egal-Attitüde.

Radikalisierung hier, Hilflosigkeit da

Und dann also plötzlich Will. Soweit so gut. Könnte trotz Anfangsschwierigkeiten klappen. Der Konjunktiv lässt es erahnen: Das war noch nicht alles. Stimmt. Denn relativ schnell taucht ein gewisser John Leal auf der Bildfläche, sprich dem Collegecampus, auf. Will findet den rätselhaften Fremden direkt und ohne Umwege seltsam. Und tatsächlich ist John Leal seltsamer als handelsüblich. John Leal nämlich ist Anführer der  Jejah-Gruppe, einer christlichen Sekte, in deren Bann Phoebe, von Trauer und Schuldgefühlen getrieben, gerät. All das bekommt Will mit. Bekommt mit, wie sich Phoebe immer weiter radikalisiert, während er hilflos dabei zusehen muss, nachdem er, der Liebe geschuldeter Blindheit wegen die ersten Warnzeichen nicht als solche erkannt hat. Und dann knallt es – und zwar direkt auf Seite Eins des 2018 erschienenen Debütromans „The Incendiaries“, der umgehend zum nationalen Bestseller avancierte und nun auf Deutsch vorliegt.
„Die Brandstifter“ erzählt von der fatalen Liebe zweier Halt-Suchender und vom manipulativen Spielraum, der hierdurch eröffnet und aufs Schlimmste missbraucht wird. Aufgearbeitet wird die Geschichte von Will, der dabei sowohl aus seiner eigenen Perspektive erzählt als auch in der Ich-Form aus Perspektive seiner Freundin Phoebe. Unterbrochen sind die jeweiligen, als Will beziehungsweise Phoebe überschriebenen Kapitel durch kurze, ebenfalls entsprechend benannte, über John Leal.

Terrorismus en passant

Nicht nur der ungewöhnliche Perspektivwechsel ist es, der R. O. Kwons Debüt „Die Brandstifter“ so besonders macht. Die Autorin, die in christlich geprägter Umgebung aufwuchs, sich jedoch, ihrem Protagonisten Will ähnlich, nach einer Glaubenskrise von der Religiosität ihrer Familie distanzierte, verwendet knappe, schwurbellose Sätze, denen man ihre Nüchternheit gern absprechen würde, um sich Hoffnung bewahren zu können. So intensiv sich der Roman mit religiösem Extremismus befasst, mit Radikalisierung, mit Vergewaltigung, mit Terrorismus – so erschütternd ist, wie en passant davon erzählt wirkt. Und genau das ist es ja. Das alles findet statt. Einfach so. Mittendrin. Innerhalb selbst noch so moderner Gesellschaften. Und eben dieses vermeintliche „en passant“ lässt für die einen Möglichkeit, wegzusehen, und für die anderen Möglichkeit zum Missbrauch in all seinen widerwärtigen Ausprägungen. Mit „Die Brandstifter“ haut einem R. O. Kwon genau dieses Wissen in die Eingeweide und lässt sie, so sie nicht von allein draufgekommen sind, krampfen. Zu Recht.

R. O. Kwon: „Die Brandstifter“, aus dem Englischen von Anke Caroline Burger, erschien 2019 bei Liebeskind

Anne Büttner. Arbeit und Leben meistens in Berlin. Zweitmeistens nicht. Schreibt literarisch und redaktionell. Veröffentlichungen in Zeitschriften, Magazinen, Anthologien, im Goldenen Buch der Familie und in diesem Internet. Mehrfach prämierte Kurzgeschichten. Zweites Standbein: Rubellose. Drittes auch.

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